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In der Strafkolonie

Nach der gleichnamigen Erzählung von Franz Kafka
Bearbeitung für das Theater von Reinhard Schiele
Musik von Thomas Beimel


Uraufführung am 19.6.2001
im Opernhaus Wuppertal

Auf den Leib geschrieben

Kafkas Erzählung "In der Strafkolonie" als Schauspiel mit Musik

Von Meike Nordmeyer / Fotos von Haik Dawidjan



Die Werke von Franz Kafka ins Theater zu bringen, das hat sich das Wuppertaler Kafka Theater / HAMLET vorgenommen. Die engagierte Gruppe von Schauspielern präsentierte jetzt mit der Dramatisierung der Kafka-Erzählung "In der Strafkolonie" seine neueste Produktion und übertraf sich selbst: denn Kafka fand diesmal sogar seinen Weg auf eine Opernbühne. Uraufgeführt wurde das Werk mit Musik des Komponisten Thomas Beimel im Wuppertaler Opernhaus.

Kafkas Erzählung entwirft eine Szenerie in einer Strafkolonie, in der gerade eine Hinrichtung mittels einer aufwändigen Maschine vorbereitet wird. Ein Reisender soll Zeuge dieser minutiös geplanten technischen Ausführung werden. Der zuständige Offizier erläutert begeistert diese Maschine und preist den Tod, den sie bringt, als gerecht und ästhetisch wertvoll an. Denn, so erläutert er, die Maschine tötet äußerst raffiniert, sie ritzt das Vergehen und die Strafe in den Rücken des Verurteilten ein. Immer tiefer geht sie in die Haut, bis der Verurteilte vor Qualen stirbt. Doch er tut dies nicht ohne vorher eine besondere Erlösung zu erfahreren - so der Offizier. Einen schönen Tod durch Folter? Damit ein Sterben, das Erlösung bringt? Kafka beschreibt mit seiner Erzählung eine Foltermaschine, die sich in den Leib einritzt. Moderne Formeln wie "auf den Leib geschrieben" und "dem Leib eingeschrieben" werden hier in eigentümlicher Weise im grausamen visionärem Bilde vorweggenommen.

Foto: Wuppertal: In der Strafkolonie Der Reisende (Olaf Reitz), der Veruteilte (Wolfgang Taegert) und der Soldat (Reinhard Schiele).
Foto: Haik Dawidjan

Der Reisende, der Zuschauer der Hinrichtung wird, fragt sich, ob er eingreifen soll, ob es ihm ansteht zu protestieren. Ist Eingreifen in die Sitten eines fremden Volkes möglich, angemessen oder vermessen? Aber wenn es doch um Menschenleben geht? Die vielschichtige Erzählung zieht in ihren Bann.
Der Text lebt vor allem von der Rede des Offiziers und den gelegentlichen Einwürfen des Reisenden. Der hohe Redeanteil gab hier sicher den Ansatzpunkt, die Erzählung zu dramatisieren. Der von Regisseur Reinhard Schiele erarbeiteten Bühnenfassung gelingt es dabei, dicht an der Vorlage zu bleiben. Der Text erschließt sich dann dem Zuschauer durch genaue Regie und zutreffendes Spiel. Unterstützt wird die Texttreue durch die Bühnenausstattung, die neben schlichter, wirkungsvoller Gestaltung der Bühnenseiten in der Mitte einen recht genau der Beschreibung folgenden Aufbau der Maschine (Schweißarbeiten von Tommy Wilczek) zeigt. Das große Gerät kann sogar mit lautem Geratter "echt" in Gang gesetzt werden.


Foto: Wuppertal: In der Strafkolonie

Die Offizierin (Caroline Keufen) fleht um die Anerkennung "ihrer" Maschine. Im Hintergrund: Der Soldat, der Verurteilte und die Maschine.
Foto: Haik Dawidjan

Der Offizier ist - neben der Maschine - die Hauptperson der Erzählung und wird hier in der Wuppertaler Aufführung mit Caroline Keufen von einer Frau gespielt. Die Schauspielerin hat eine enorme Textmenge zu bewältigen. Keufen bietet dabei souveräne Darstellung, facettereich und stets mit hohem Einsatz. Die Besetzung mit einer Frau als Offizierin, die dem männlichen Reisenden gegenüber tritt, fügt der Aufführung den Aspekt des Geschlechterverhalten hinzu und erweitert damit sinnfällig das reiche Bedeutungsspektrum. Umsichtigerweise wird dieses Moment dann nicht überbetont in der Inszenierung. Recht überzeugend gelingt auch die Darstellung des Reisenden durch Olaf Reitz, ebenso wie der Soldat durch Reinhard Schiele und der Veruteilte durch Wolfgang Taegert, der die beschriebene Stumpfheit der Person gut wiederzugeben weiß.

Wesentlicher Bestandteil der Aufführung bildet die musikalische Ausführung der von Thomas Beimel zu diesem Stück komponierten Musik. Ein Engel, von einer hohen Säule im Zuschauerraum herabblickend, stimmt alte gregorianische Gesänge an. Klagegesänge, die eindringlich tönen, Spuren alter Kultur, die der Sehnsucht nach Erlösung eine Stimme geben. Klangschön und konzentriert gesungen wurde dies von dem Altus Yosemeh Adjei. Auf der Bühne hingegen ist das Streichquartett Indigo platziert. Es macht die Atmosphäre von schwirrender Hitze hörbar, in der die Erzählung situiert ist. Hohe ätherische Töne bestimmen das Spiel auf den Geigen, größtenteils im Flageolett gekonnt intoniert. Kleinste Versatzstücke von Wendungen und Phrasen werden im anspruchsvollen Spiel der Geigerinnen ineinander verwoben. Entstehen kann ein nicht fassbarer schwebender und vor allem flirrender Klang, der sich jedem Festmachen entzieht. Ansätze von Melodie bietet mitunter die Viola da Gamba, wie aus der Ferne etwas aufnehmend, sich hierin aber wieder verlierend. Auch das Glockenspiel und der Schettenbaum werden von den Streicherinnen bedient. Die Musik wird sparsam eingesetzt zur Aufführung und ist damit von besonders starker Wirkung. Es gelingt der Komposition, der Dichte des Textes zuzuspielen und der Aufführung ein reiches Assoziations- und Stimmungfeld zu geben. Auch werden die Musikerinnen mitunter ins Bühnenspiel einbezogen.

Eindrucksvoll gerät das Ende der Szenerie: die Offizierin möchte nach ausbleibender Mithilfe des Reisenden nun selber die Erlösung erlangen durch die Maschine, am eigenen Leibe will sie es erfahren. Die junge Frau legt sich, nicht ohne auch erotisches Ansinnen anzudeuten, fast entkleidet unter die Maschine. Doch die Erlösung bleibt verwehrt, zurück bleibt allein der Schrecken. Die Maschine zerlegt sich selbst. Etwas lieblos und zu ulkig sind da allerdings die roten Stoffzahnrädchen, die schnell aus der Maschine purzeln und das Ende des Gerätes anzeigen sollen. Machtvoll stehen bleibt dagegen das Wort: An der Maschine sind zwei Flügel aufgeklappt wie ein Triptychon, und zu lesen ist ein Wort von Kafka, das hier zur Erzählung gesetzt wird: "Nur wer die Fragen nicht beantwortet, hat die Prüfung bestanden." - ein Bekenntnis fast, ein Bekenntnis Kafkas und ein Bekenntnis zu Kafkas Werken.


FAZIT
Die "Strafkolonie" auf der Bühne - ein mutiges, außergewöhnliches Projekt freier Wuppertaler Künstler aus Theater und Musik. Eine höchst anspruchsvolle Produktion, die Kafkas Text zum Erschaudern vor Augen und an die Ohren führt.



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Produktionsteam

Bearbeitung für das Theater
und Regie
Reinhard Schiele

Komposition und
musikalische Leitung
Thomas Beimel

Bühne, Kostüme und
Stuhlskulptur "geh nach Hause"
Manfred Feith-Umbehr

Schweißarbeiten
Tommy Wilczek



Musiker

Indigo Quartett
Heike Haushalter - Violine
Petra Stalz - Violine
Monika Malek - Viola
Grudrun Hofmann -
Viola da Gamba

Yosemeh Adjei - Gesang
als "Der Angelus"



Schauspieler

Die Offizierin
Caroline Keufen

Der Reisende
Olaf Reitz

Der Verurteilte
Wolfgang Taegert

Der Soldat
Reinhard Schiele

Yosemeh Adjei
Der Angelus



HAMLET /
Wuppertaler Kafka Theater


in Zusammenarbeit mit
dem Kulturbüro
der Stadt Wuppertal








Da capo al Fine

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