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An den Bäuchen sollt ihr sie erkennenoder: Ein London voller Narren
Von Meike Nordmeyer
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Fotos von Rudolf Majer-Finkes
Der englische Adel liefert nicht nur Stoff für teuer bebilderte, heiß begehrte Artikel in der Boulevardpresse, sondern ist auch für die Opernbühne tauglich, wie der englische Regisseur Nicholas Broadhurst gerne vorführt. So hatte er schon in der vorletzten Spielzeit den Rosenkavalier in die altbackenen feinen Kreise des heutigen Londons versetzt, die Überreichung der silbernen Rose wurde so zum kauzigen verstaubten Relikt einer überkommenen Gesellschaftsschicht, die aber gleichwohl von der Öffentlichkeit gierig beobachtet wird und sich daher stets zahlreiche aufdringliche Paparazzi einfinden. Auch den Falstaff situiert der Regisseur nun im heutigen London und kontrastiert hier die High Society mit düsteren oder eher einfach nur höchst verlotterten Typen des Underground. Der Regisseur folgt der Einsicht, dass es mit Falstaff um einen Außenseiter geht, und er versetzt die Figur daher gleich zu denen, die gänzlich am Rande der Gesellschaft stehen. Das ist ein deutliches, starkes Konzept, es ergibt aber zugleich auch das Moment, das fraglich bleibt in der Inszenierung - warum sich die feine Gesellschaft mit so einem Falstaff abgibt, einem Typen, wie sie ihn sonst sicher nur als Abschaum wahrnimmt, sich schließlich sogar in seine zwielichte Spelunke und des nachts in schmierige U-Bahnhöfe begibt, das bleibt ungeklärt und ist doch auch etwas unwahrscheinlich. Die Verbindungen sind allerdings manchmal eben sonderbar, man weiß ja nie - so dürfen wir vielleicht folgern.Trotz dieser leichten Schieflage ist aber eine eindrückliche, äußerst humorvoll gespielte Inszenierung entstanden, die mit frischer, flinker Aktion der Darsteller aufwartet und starke Szenarien des heutigen London liefert, die vor allem auch durch die wirkungsvollen Bühnenbilder von Jon Morrell entstehen konnten.
Falstaff (Nikolai Miassojedov) liegen die Punker (Burkhard Fritz und Claudius Muth) zu Füßen. Broadhursts Falstaff ist ein massiver Typ, unglaublich dick, versoffen und verlottert, von dumpfer Gewalt. In einem heruntergekommenen Etablissement hat er sich eingenistet, hat einen Lustknaben bei sich (Dominik Grötz als Page Robin), mit dem er zärtlich oder grob umspringt wie er gerade will und der sich zwischendurch damit beschäftigt zu Schnüffeln. Grob und verächtlich herrscht Falstaff über Bardolfo und Pistola (Burkhard Fritz und Claudius Muth), zwei bräsigen Punkern. Immens dicke Bäuche haben alle drei, und die wurden vom Bühnen- und Kostümbildner Morrell beileibe nicht unter der Kleidung versteckt: es sind riesige Stofftbäuche, die den Darstellern sichtbar angeschnallt wurden aber dennoch immer wieder realistischen Effekt machen und dabei herrlich grässlich sind. Sie werden stolz getragen, mitunter liebkost und geboxt.
Die vier Frauen bereiten sich auf das Eintreffen Falstaffs vor. Von l.n.r: Richetta Manager als Alice, Daniele Grima als Frau Quickly, Veronika Waldner als Meg und Regine Herrman als Nannetta Die feine Gesellschaft um Alice und Meg, so zeigt sich im zweiten Bild, hält sich im exklusiven Fitnessclub auf, der aber offensichtlich nicht weit entfernt von Falstaffs Behausung liegt, die mit Graffiti beschmierten Betonpfeilern deuten darauf. Ein gut bestückter Fitnessraum wurde hier aufgebaut, witzig gestaltet mit "echter" dampfender Sauna im Hintergrund. Den größten Effekt der Szene macht aber, dass sich überdeutlich zeigt: dicke Bäuche haben diese Feinen auch alle, Ansatz dazu zeigt auch schon die junge Nannetta - da hilft auch kein Hantelnschwingen. Im Club strampeln sich die Herrschaften nur lustlos ab, weil Fitness halt In ist. Das Leben bringt aber doch einen dicken Bauch mit sich, der Wohlstandsgesellschaft angehörig sind sie eben alle, sowohl die einen, die Feinen, als auch die anderen, die Unfeinen - so sehr unterscheiden sie sich da wohl nicht. Ohnehin zeigt uns das Spiel von Broadhurst: die einen sind zwar reich und womöglich adeliger Herkunft, aber mehr Geschmack haben sie deswegen noch lange nicht, ihre Ausstattung ist lediglich teurer. In ihrer Behausung wird mit goldenen Empire-Möbeln nicht gespart und die Kleidung ist von hoffnungslos bemühter Eleganz. Die Szene bei den Fords im Haus wird im übrigen auch schnell und heiter inszeniert, die Wäschekorbszene bleibt dabei aber doch recht brav im Rahmen des Üblichen. Sehr gelungen ist dann wiederum das folgende Bühnenbild, das den Gehsteig vor der Absteige von Falstaff zeigt, zur Seite eine beschmierte Bushaltestelle, trostlose, verkommene Wohnhochhäuser geben den Hintergrund ab. Dass die Schlussszene nicht im Wald, sondern im unheimlichen und mit Müll übersäten U-Bahnhof spielt, passt dann freilich konsequent zur Szenerie. Die Station heißt übrigens trefflich "Hernes Oak". Die feinen Leutchen bereiten nun ihr böses Spiel vor, Punker und Holligans sind dazu gekommen, um Falstaff mächtig zu verprügeln. Hier läuft die Szene allerdings etwas leer, die Gesellschaft baut sich einig rachsüchtig vor Falstaff auf und gelangt so zum allzu üblichen Umherstehen. Dabei wirkt die Situation auch etwas konstruiert, ein solches Zusammentreffen, dass sich die Feinen zu den Abseitigen in den verdreckten U-Bahnhof begeben... Kein weiterer szenischer Ertrag ergibt sich aus der zunächst witzigen Idee des Ortes.
Falstaff verhöhnt Ford (Adam Hollmann), ohne zu wissen, wer er ist. Trotzdem ist insgesamt eine energiegeladene und höchst einfallsreiche Inszenierung gelungen, die den Falstaff in heutiger Zeit zeigt und das Werk dabei als abgründige Komödie zu nehmen weiß. Kräftig deftig geht es zu, fette Bäuche und Flaschen, Graffiti und Müll sind die bestimmenden Elemente, obendrein eine ordentliche Portion Geschmacklosigkeit bei den Reichen. Die Lehre, die Falstaff am Ende weise formuliert, wir seien doch alles Genarrte und unterscheiden uns doch nicht wirklich, wird von Beginn an bildreich in Szene gesetzt von der Regie. Die Inszenierung wird ganz entscheidend getragen von dem engagierten Sängerteam, durch sein beherztes Agieren erreicht es höchsten Spielwitz. Auch die gesangliche Leistung des Ensembles war beachtlich. Nur mitunter ließ sich hören, dass sich die Darsteller doch stark auf ihr aktionsreiches Spiel konzentrieren müssen, gerade im 1. Akt im Fitnesscenter, und die dichten anspruchsvollen Ensemble daher nicht ganz übereinkommen konnten, es blieben auch Differenzen zum Orchester. Nikolai Miassojedov gibt einen ausdrucksstarken, massiv drängenden Falstaff, wenngleich stimmlich nicht immer ganz klar profiliert. Adam Hollmann erweist sich als Ford sicher und volltönig. Anspruchsvoll erklingt auch das Frauenquartett, Richetta Manager als Alice, Veronika Waldner als Meg, Daniele Grima als Frau Quickly und Regine Herrman als Nannetta. Auffallend zarte Töne waren beim jungen Paar zu hören, kleine Glanzstücke bildeten die Duette von Regine Hermann als Nannetta und Mark Adler als Fenton. Dirigent Hanson wusste sein Orchester zu dichten Klangbildern anzutreiben. Mitunter wurde allerdings mächtig aufgetragen, gerade im Blech, der Part könnte wohl insgesamt noch etwas austariert werden. Aber auch Phrasen, in denen fein parliert und kommentiert wurde vom Orchester, ließen aufmerken, diese waren dann aber häufig nicht recht zusammen mit dem Geschehen auf der Bühne. Es wurden dabei zum Teil schnelle Tempi vorgelegt, die den Sänger etwas über den Mund fuhren und es ihnen in ihrer vielfältigen Aktion nicht gerade leicht machten. Anzuzielen wäre also noch etwas mehr Aufmerksamkeit auf die Bühne.
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ProduktionsteamRegieNicholas Broadhurst
Musikalische Leitung
Bühne und Kostüme
SolistenSir John FalstaffNikolai Miassojedov
Ford
Fenton
Doktor Cajus
Bardolfo
Pistola
Alice Ford
Nannetta
Meg Page
Frau Quickly
Robin
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- Fine -