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Die Liebe zu den drei Orangen

Oper in vier Akten und einem Prolog
Text vom Komponisten nach Carlo Gozzi
Musik von Sergej Prokofjew

Premiere im Saarländischen Staatstheater Saarbrücken am 12.11.2000

Homepage des Staatstheaters Saarbrücken
(Homepage)



Applaus für einen bunten Reigen

Von Sebastian Hanusa / Fotos von Thomas Maximilian Jauk



Ist Prokofjews "Liebe zu den drei Orangen" eine bunte Posse oder subversiver Hologramm inszenierter Macht - eine Frage, die in der Saarbrücker Inszenierung von Philipp Himmelmann eher die mis-en-scene im Zuschauerraum als die auf der Bühne aufwirft. Oder hat sich doch bei der Regie im letzten Moment ein gewisses Unbehagen eingestellt, so daß im Programm unvermittelt das Zitat "Jedes Publikum hat das Theater, das ihm gebührt" auftaucht, das Programmheft einige Verweise enthält, die sich im Bühnengeschehen jedoch nur ansatzweise wiederfinden: Der Schlußapplaus wird mit dem Rücken zum Publikum entgegengenommen, von einen virtuellen Auditorium an der Bühnenrückseite, wo sich im als Rückansicht der Opernbühne gestalteten Bühnenbild die Öffnung zum Publikum befindet.

Szenenfoto König Treff mit Berater Pantalone

Dies wären jedoch die einzigen Punkte, an denen der Doppelcharakter von Prokofjews Oper kurz aufgeleuchteten. Ansonsten wirft dieses merkwürdige Stück Fragen auf, die von der Regie nicht beantwortet werden. Es ist sowohl Tragödie als auch Komödie, beides dann doch nicht - im Prolog streitet das in Charaktere geschiedenen "Publikum" - der in Saarbrücken hervorragend aufgelegte Chor - über die Machart der im folgenden erklingenden Oper. Die "Lächerlichen" greifen ein, wenn es droht tragisch zu werden (der Prinz und die überlebende dritte Orangen- Prinzessin Ninetta dem Tod unentrinnbar ausgeliefert scheinen) diverse Kommentare des "Publikums" durchsetzen die Handlung, die "Bühne" auf der Bühne wird neben Sängern auch von Inspizienten, Bühnenarbeiter und diversem anderem Personal bevölkert, der Text durchsetzt mit Spielkarten-Symbolik: eine Oper über das Theater. Die Sänger spielen hinreißend, spielen Komödie, kosten die Klischees ebenso aus, wie deren ironische Brechung - unterstützt von der Musik Prokofjews. Diese ist eine Bastelei aus den Ausdrucksmitteln der romantischen Oper, ein Tuba-Solo als Leitmotiv der Höllenköchin, schluchzende Geigen und Belcanto im Liebesduett, die Soubrette in dreifacher Ausfertigung (die drei Orangen) - tritt auf und stirbt (Linetta - Nicoletta) oder wird vom Publikum gerettet... Dennoch ist die Musik nicht nur Musik über Musik, jede Geste der Sänger hat ihre Entsprechung, der Ausdruck stimmt, auch wenn wir die Mittel durchschauen, die Instrumentation ist geschmeidig und von hoher Plastizität. Das Orchester wird von Marcus R. Bosch bestens mit den Sängern koordiniert, spielt konzentriert und ist klanglich sehr gut abgestimmt - lediglich in schnellen Tutti-Passagen hätte es genauer sein können, das hohe Blech klang bei allem Prokofjew angemessenen brillanten, schlankem Klang, mitunter eine Spur zu scharf.

Szenenfoto Gierig blickt Truffaldino auf eine Orange

Leider ist Prokofjews Oper nicht nur Bühnenposse im Stile des 18. Jahrhunderts, wie uns der bunte Bühnentrubel und die phantastischen Kostüme glauben lassen wollen. Zwar ist die Comedia dell´arte in der literarisierten Form Carlo Gozzis Vorlage der Oper, dies aber, da sie ihrer Anlage nach eine Form selbst-repräsentativen Theaters liefert, eines Theaters, welches sich intensiv mit sich selber beschäftigt und hierüber ihr kritisches Potenzial bezüglich der Wirklichkeit aufbaut. Die Comedia dell´arte bot gerade wegen ihrer Selbstbezüglichkeit, den maskenhaften Charakteren und den formelhaften Handlungsmodellen Raum für kritische und karikierende Bezugnahme auf ihren jeweiligen Kontext, auf aktuelle Gegebenheiten aus der Welt außerhalb des Theaters. Im Jahr 2000 scheint sie nur noch harmlose Scherze zu produzieren, auch in der "aktuellen" Version von 1919, Prokofjews Verarbeitung dieses theatralischen Konzepts verflacht zur Posse. Die saarländische Prominenz im Premierenpublikum hat herzhaft gelacht und es bleibt fraglich, wer gemerkt hat, wie auf der Bühne mögliche Legitimation von Machtausübung, Handlungsablauf und Entgegennahme von Huldigung durch eine gekonnten Inszenierung zum Thema gemacht wird - zu allem Überfluß spielt bei Prokofjew hierbei "das Publikum" die tragende Rolle. In ironischer Weise werden die Mechanismen der Theaterfiktion offengelegt, der deus ex machina im schicksalsentscheidendem Kartenspiel von Magier und Hexe, die Motivation und Funktionsweise dramatischer Konfliktsituationen auf die Bühne - man fühlt sich an jene latenten Tendenzen in der Ära des Fernsehspaß-Kanzlers erinnert, wenn Legitimation für Handlungsweisen mit den Mitteln einer gekonnten In-Szene-Setzung unterstützt werden. Ein schaler Beigeschmack stellt sich ein, wenn der fortschrittlich gestimmte Biedersinn in der Loge Hof hält und gleichzeitig die hochgradig schließungsbedrohte Schauspielabteilung der Hochschule im Foyer protestiert, da das Saarland sich in der größten Not der Sachzwänge keine vierzehn Schauspielstudenten mehr leisten kann...

Szenenfoto Prinzessin Linetta, in eine Ratte verwandelt

Zurück auf die Bühne: Besonders Hiroshi Matsui als König Treff, Rupprecht Braun als Truffaldino und Guido Baehr als Pantalone boten eine herausragende Leistung; sie wurden den sängerischen Anforderungen ihrer Partien vollkommen gerecht, sangen mit klarer Diktion, der darstellerische Spagat zwischen Affekt und Ironie gelang ihnen bestens. Auch Algirdas Drevinskas mit einem weichen, lyrischen Tenor und Sabine von Blohn in der relativ kleinen Rolle als Prinzessin Ninetta wären in diese Reihe aufzunehmen. Ana Vasallo in der Rolle der Prinzessin Clarisse ließ bezüglich der Textverständlichkeit, als auch in der Deutlichkeit ihrer Stimmführung einiges an Wünschen offen - auch ihr Intriganten-Partner Gerd Grochowski als Kardinal Leander war ein wenig blaß. Seine Stimme klang relativ matt, ließ die klare Kontur vermissen. Dem gegenüber war das Ensemble in den Nebenrollen bzw. kleineren Hauptrollen treffend besetzt, seien dies die beiden anderen Prinzessinen (Julia Winkler und Hye-Sil Yoon), denen nur eine kleiner Auftritt zwischen "Der Orange entsteigen" und "Verdursten" vergönnt ist, die diabolische "Köchin von Kreonta", Bassist Hans-Joachim Porchner in einer Rockrolle oder das Paar Zauberer Tschelio und Hexe Fata Morgana (Anne Roland und Otto Daubner). Zu erwähnen wäre die schon angesprochene Leistung des Chores unter der Einstudierung von Andrew Ollivant, der musikalisch überzeugend auftrat und zusammen mit den Solisten im angesprochenen Rahmen eine überzeugende szenische Leistung bot.



FAZIT
Zwei Stunden angenehme Opernunterhaltung, ohne viel - subversiven - Witz.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Markus R. Bosch

Regie
Philipp Himmelmann

Bühnenbild
Susanne Maier-Staufen

Kostüme
Henrike Bromber

Choreinstudierung
Andrew Ollivant

Dramaturgie
Alexander Jansen


Opernchor und Extrachor
des Saarländischen Staatstheaters

Die Statisterie des
Saarländischen Staatstheaters

Das Saarländische Staatsorchester


Solisten

König Treff
Hiroshi Matsui

Der Prinz, sein Sohn
Algirdas Drevinskas

Prinzessin Clarisse
Ana Vasallo

Leander
Gerd Grochowski

Truffaldino
Rupprecht Braun

Pantalone
Guido Baehr

Tschelio
Otto Daubner

Fata Morgana
Anne Roland

Linetta
Julia Winkler

Nicoletta
Hye-Sil Yoon

Ninetta
Sabine von Blohn

Köchin
Hans-Joachim Porcher

Smeraldine
Fréderique Sizaret

Herold
Manfred Bertram


Weitere Informationen
Staatstheater Saarbrücken (Homepage)



Da capo al Fine

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