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Lobet die Nacht -
also wolves have heartattacks


Ein Abgesang auf das 20. Jahrhundert
mit Texten von Berthold Brecht
und Musik von Kurt Weill

Das Berliner Requiem - Der Lindberghflug (Der Ozeanflug) - Mahagonny-Songspiel

Premiere in Münster am 19.10.2000
Besuchte Aufführung am 24.10.2000


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Städtische Bühnen Münster
(Homepage)

Lobet die Nacht - Wölfe sind auch nur Menschen




Von Monika Jäger / Fotos von Michael Hörnschemeyer



Mit einem "Abgesang auf das 20. Jahrhundert" beschließen die Städtischen Bühnen Münster das zu Ende gehende Weill-Jahr, indem sie aus der Kantate Das Berliner Requiem, dem musikalischen Hörbild Der Lindberghflug und dem Songspiel Mahagonny ein abendfüllendes Programm zusammenstellen.

Die Collage dieser Vokalformen zum Abend Lobet die Nacht - also wolves have heartattacks könnte nicht besser Brechts Vorstellung vom epischen Theater dokumentieren: Handlung wird nicht dramatisiert, auch nicht geschildert, sondern aus der Distanz von außen beschrieben.
In diesem Fall ist der fiktive Erzähler der 1902 geborene Charles Lindbergh (gesungen von Mark Bowman-Hester), aufgrund dessen nazifreundlicher Gesinnung das Stück von Brecht 1950 sozusagen entnazifiziert und in Der Ozeanflug umbenannt wurde: "Mein Name tut nichts zur Sache." Was zählt ist allein die Aussage: Beherrschung der Technik, der Natur - zu welchem Zweck? Zum Nutzen des Menschen?
In der Verbindung mit Requiem und Mahagonny wird die intendierte Gesellschaftskritik allumfassend zur Kritik an Kapitalismus, menschlicher Verrohung und, daraus resultierend, kriegerischer Selbstzerstörung. Die Szenerie, platziert in der Welt des Krankenhauses, zeigt das Geschehen nur als Rückschau und führt die Unabänderbarkeit des kritischen Zustandes vor Augen: Die Diagnosen sind endgültig, dem Rudel der Scheintoten wird seine hoffnungslose Lage nicht bewusst.

Foto: Münster: Lobet die Nacht Renatus Mészár, Mark Bowmann-Hester
und Boris Leisenheimer

Diese Werke zu einem abendfüllenden Programm zusammen zu fügen, ist sicherlich ein gewagter Versuch, nicht zuletzt, da es sich außer bei Mahagonny nicht um Brechts populärste Werke handelt. Standbilder und Chor-Kommentare, die sich desillusionierend und aufklärend an die Zuschauer wenden, um ihnen eine Haltung zu verdeutlichen, Distanz als oberstes Leitgebot - wenn wie in Münster im Großen Haus zeitgleich Tim Fischer die Welt der Chansons beschwört, wirkt Brechts Zeigefinger nicht gerade als Publikumsmagnet.

Es fragt sich, ob nicht selbst ein Brechtsches Lehrstück heute etwas weniger spröde wirken darf. Eine zeitgemäße Adaption kann sich nicht in Vordergründigkeiten wie den mit Handys telefonierenden Securitys oder dem Outfit der Leningrad Cowboys erschöpfen. Auch die Verkörperung der Technik durch Neil Armstrong ist eher historisch denn gegenwartsbezogen. Dennoch ist der Abend Lobet die Nacht - also wolves have heartattacks ein mutiger, geradezu idealistischer Versuch, die Aktualität von Brechts Fragen nach Fortschrittshörigkeit und Entfremdung des Menschen zu thematisieren und zum anderen sein Anliegen in Bezug auf ein breites und junges Zielpublikum ernst zu nehmen: Im Bemühen Brechts, über das Novum der Massenmedien auch die junge Generation zu erreichen, untertitelt er den Ozeanflug als Radiolehrstück für Knaben und Mädchen.

Foto: Münster: Lobet die Nacht Stephanie Kühne, Mark Coles und Birgit Beckherrn

Diesem Anliegen wird die Inszenierung von Lorenzo Fioroni und Dirk Kaftan gerecht, indem sie mit einem eigens für dieses Projekt gegründeten Jugendorchester arbeitet, das sich aus SchülerInnen und jungen Studierenden zusammensetzt und von Musikern des Symphonieorchesters angeleitet wurde. Gemäß den Vorstellungen von Brecht und Weill tritt das Orchester auch in der Münsteraner Inszenierung als moralische Instanz in Erscheinung und kommentiert das Bühnengeschehen, z.B. indem es im Requiem die Bühne verlässt und als vom Unheil Gezeichnete den Prolog zu Mahagonny intoniert.

Die Inszenierung überzeugt durch dieses jugendliche Projektorchester nicht nur im Sinne Brechtscher Pädagogik, sondern auch musikalisch: So gewinnt die Orchesterdarbietung durch die Besetzung mit nicht-Professionellen an Deutlichkeit, Direktheit und damit Aussagekraft. Ohne den Glanz des Perfekten versetzten sich die InstrumentalistInnen in das Geschehen und setzten sich damit erfrischend von routinierten Orchestern ab. Der Preis dafür ist sicherlich mangelnde technische Souveränität und fehlende Präzision, doch wurde diese wiederum kompensiert von den sehr überzeugenden GesangssolistInnen, allen voran Stephanie Kühne und Birgit Beckherrn als Mädchen von Mahagonny.


FAZIT
Bei allen Fragezeichen, die die Inszenierung hinterlässt, wirft die Idee der Werkcollage ein neues Licht auf die einzelnen Kompositionen und ist dadurch auf jeden Fall sehenswert.





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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Dirk Kaftan

Regie
Lorenzo Fioroni

Bühnenbild
Jürgen Lancier

Kostüme
Sabine Bickenstorfer

Choreinstudierung
Peter Heinrich

Dramaturgie
Berthold Warnecke



Theater-Jugendorchester der
Städtischen Bühnen Münster
Chor der
Städtischen Bühnen Münster
Statisterie der
Städtischen Bühnen Münster



Solisten


Das Berliner Requiem

Tenor
Mark Bowman-Hester

Tenor
Boris Leisenheimer

Bariton
Renatus Mészár

Bass
Mark Coles


Der Lindberghflug
(Der Ozeanflug)

Lindbergh
Mark Bowman-Hester

Bariton
Renatus Mészár

Bass
Mark Coles


Mahagony-Songspiel

Bessie
Birgit Beckherrn

Jessie
Stephanie Kühne

Billy
Mark Bowman-Hester

Charly
Boris Leisenheimer

Bobby
Renatus Mészár

Jimmy
Mark Coles







Weitere Informationen
erhalten Sie von den
Städtischen Bühnen Münster
(Homepage)






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