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Treffen sich zwei Planeten, sagt der eine: "Du siehst aber schlecht aus." "Kein Wunder", sagt der andere, "ich habe homo sapiens!" Darauf der erste: "mach dir keine Sorgen, das geht vorbei!" Unerhörte BlasphemieVon Stefan Schmöe / Fotos von Matthias Stutte
Da feiern die Vereinigten Städtischen Bühnen Krefeld und Mönchengladbach ihr 50-jähriges Bestehen mit einer großen Uraufführung, und worum geht es: Um den Untergang. Genauer: um die Sintflut, Prototyp aller Endzeitszenarien und die globale Katastrophe schlechthin. Inhaltlich knüpft das sinnvoll an Ligetis Grand Macabre an - das Theater entwickelt sich sozusagen zum Endzeitspezialisten. Aber wie schon bei Ligeti geht es auch auf der Arche Nova nicht todernst zu. Anders gesagt (und Dürrenmatt hätte sicher zugestimmt): Das Thema ist zu ernst, um ernst zu bleiben.
Gleich drei Komponisten sind an dem gattungssprengenden Projekt beteiligt, das sich mangels geeigneter geeigneter Ordnungsbegriffe gleich selbst als Sintflut bezeichnet. Tatsächlich verbirgt sich dahinter eine Revue mit viel Musik und Tanz, allerdings mit einer inneren Struktur, die über eine konventionelle Revue hinaus reicht. Das Skelett bildet eine "Comic-Oper" mit dem Titel Der kleine Jehova. Der Titelheld ist krank und bekommt deshalb von seiner Mutter Gott einen Kosmos geschenkt, mit dem er sieben Tage friedlich spielt, um dann in tiefe Depressionen zu verfallen: Die Menschen, die er da hineingeschaffen hat, liebe ihn nicht so recht, und deshalb hat er alle bis auf einen ertränken müssen. Klarer Fall für den psychoanalytisch geschulten Arzt: Die schwierige Mutter-Sohn-Beziehung ist schuld! Zur Therapie lässt Jehova sich von den Menschen umbringen, und die haben fortan so starke Schuldgefühle, dass sie Jehova lieben, und der ist geheilt.
Zwischen den vier Abschnitten dieses obskuren Öperchens sind collagenartig nicht weniger absurde Szenen gestellt. Ein Killer wird beauftragt, seine Familie zu retten - das überfordert ihn, töten, das hätte er noch gekonnt. Ein Bankbeamter sucht beim Kauf eines Tickets zur rettenden Arche den Sinn des Seins. Ein postbarockes Kabinett diskutiert über das Projekt Arche, und Herakles kämpft mit der Hydra. Ein Liebespaar tritt mehrfach auf. Ein Showmaster lässt Kafkas Erzählung vom Türhüter nachspielen. Noah besteigt die Arche. Und so weiter. Die Geschichte der Sintflut bildet den "roten Faden", aber keine eigentliche Handlung. Die Sintflut ist in Arche Nova nicht Symbol einer ökologischen Katastrophe, sondern mehr Beschreibung unseres Dauerzustandes: Das Aufreiben im Alltag, das könnte gemeint sein. Librettist Michael Frowin lässt bewusst vieles offen, lässt viel Assoziationsräume. Beim einmaligen Sehen und Hören ist Arche Nova sicher nur ansatzweise zu erfassen, und leider ist im Programmheft der Text nur in wenigen Auszügen zusammengestellt. Dabei ist das Stück gerade in seinem Verzicht auf Eindeutigkeit sehr intelligent angelegt, dass sich das genaue Nachlesen lohnen würde.
Regisseur Michael Sturminger hat die Handlungsmomente theatralisch effektvoll umgesetzt. Er kommt mit wenigen Requisiten aus und bedient sich dafür ausgiebig der Mittel von Revue und Fernsehshow. Choreographin Christina Comtesse hat zwei sehr poetische Ballett-Szenen - die Erschaffung der Welt und die Wiedererschaffung ach der Sintflut - arrangiert. Die theatralischen Mittel sind über weite Strecken sehr gelungen verzahnt, und komödiantische Elemente und nachdenkliche Szenen gut ausbalanciert. Allerdings gibt es insbesondere nach der Pause auch Längen. Insgesamt hätten dem Abend ein paar Straffungen gut getan. Die Musik deckt, bei drei Komponisten kein Wunder, ein breites Spektrum von der strengen postbarocken Fuge über Anleihen bei Kurt Weill bis zum Big Band- und Schlagersound ab. Einheitlicheit ist angesichts des Collagencharakters auch nicht erwünscht. Die Musiknummern sind gerade in ihrem Abwechslungsreichtum äußerst wirkungsvoll. Und das Ensemble überzeugt gleichermaßen singend wie tanzend.
Das Publikum applaudierte freundlich und tat dem Produktionsteam damit in doppelter Weise Unrecht: Einerseits hätte das intelligente und freche, auch überzeugend umgesetzte Stück mehr als nur freundlichen Beifall verdient. Auf der anderen Seite ist die Aussage, so sehr sich Arche Nova sonst auch eindeutigen Auslegungen entzieht, in einem Punkt von aufklärerischer Eindeutigkeit, nämlich in ihrer antikirchlichen Attitüde. Natürlich haben Witze auf Kosten der Religion eine gute Tradition, Monty Pythons Leben des Brian sei als populärstes Beispiel genannt, oder in jüngerer Zeit Walter Moers und sein Kleines Arschloch. Dort aber wird der Kern der Religion nicht wirklich berührt, und das ist bei Arche Nova anders: Hier wird die Emanzipation von der (unterdrückenden) Religion unverhohlen gefordert. Sei Du selbst, fordert das tanzende Ensemble als Reaktion auf die Jehova-Geschichte. Dass dies nicht zu stärker polarisierenden Publiumsreaktionen führt ist beinahe bedenklich. Die blasphemischen Untertöne blieben sozusagen unerhört. Unterliegt Arche Nova deshalb einer Fehlzündung? Schwer zu sagen. Die musikalisch-theatralische Sintflut erfordert in ihrer Komplexität vom Zuschauer einiges, um sich freizuschwimmen. Und auch wenn der Gesamteindruck nicht zuletzt wegen der Längen des Stücks indifferent bleibt, so prägen sich viele Bilder ein.
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ProduktionsteamMusikalische LeitungGernot Sahler
Inszenierung
Ausstattung
Choreographie
SolistenMutter Gott,Gott als Mezzosopran, Hofastrologin Michaela Mehring
Roboterin,
Herakles,
Kleiner Jehova,
Erzengel,
Scherfel,
Erzengel,
Ärzte Kathrin Degenhardt Frank Bahrenberg Martin Wilger
und außerdem
An-Chi Tsao Ulrich Kupas Morgan Nardi Karine Adrei-Sutter Claudia Creutz Lidija Curcic Alice Martin Valerie Moreau Eleonora Nezguretska Victor Belinski Michael McClain Vassili Troubnikov
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