|
Veranstaltungen & Kritiken Musiktheater |
|
|
|
Worte und KlangfarbenVon Stefan Schmöe / Fotos von Matthias Stutte
Was für ein Geburtstagsgeschenk: Die Vereinten Städtischen Bühnen in Krefeld und Mönchengladbach beschenken sich anlässlich ihres 50-jährigen gemeinsamen Bestehens mit gleich zwei großen Uraufführungen. Auf das freche Satyrspiel Arche Nova , das die Gattung Oper auf aberwitzige Weise sprengt, folgt nun ganz traditionsbewusst die große bürgerliche Oper. Schon das Sujet ein in den Stand der Weltliteratur erhobener Stoff, nämlich Dostojewskijs Roman Der Idiot - strahlt Ernst und Würde aus.
Der Düsseldorfer Komponist Thomas Blomenkamp ist kein Umstürzler, der Dostojewskijs Vorlage radikal verändern möchte. Ulrike Gondorf, von 1996 bis 2000 Dramaturgin am Theater Krefeld/Mönchengladbach, hat ihm den ausufernden Roman auf 9 Szenen zusammengestutzt. Die narrative Struktur des Romans ist beibehalten; in erster Linie erzählt die Oper eine (allerdings ziemlich komplizierte) Geschichte. Auch Blomenkamps Musik ist in vielen Elemente durchaus konservativ. Jedes experimentelle Moment ist ihr fern, hinter ihrer Modernität spürt man jederzeit den romantischen Gestus. In gewisser Hinsicht knüpft sie bei Bergs Wozzeck an, ohne aber dessen Strenge zu übernehmen. Blomenkamp komponiert geschmeidiger, und weil seine Musik sich auch permanent als Klangerlebnis zu feiern scheint, auch kulinarischer.
Blomenkamp setzt Klangfarben als konstituierendes Element ein. Jede seiner Figuren ist von einer Klangfarbe wie von einer Aura umgeben. In den ersten Szenen sind selbst die Singstimmen in diesen Klang sehr eng eingebunden, erst im Verlauf der Oper (die Blomenkamp chronologisch von vorne nach hinten komponiert hat) emanzipieren sie sich von dieser symphonischen Ausprägung. Gleichzeitig ist gerade der erste Teil sehr textlastig das Libretto muss eine Vielzahl von Figuren einführen, und der erste wirklich theaterwirksame Moment das Geburtstagsfest der Nastassja lässt vier Szenen auf sich warten. Und da leider viel zu wenig vom Text zu verstehen ist, läuft die Oper recht schwerfällig an.
Im Mittelpunkt der Oper steht Fürst Myschkin, Epileptiker und "Idiot", der durch die russische Gesellschaft taumelt und unfreiwillig zum Auslöser diverser Katastrophen wird. Myschkin ist in der Oper ständig präsent, alles ist auf ihn zugeschnitten. Christoph Erpenbeck bewältigt diesen Kraftakt sängerisch wie darstellerisch mit Bravour. Wie ein Schlafwandler geht er umher, während die Inszenierung von Thomas Krupa alles um ihn herum immer wieder in Standbildern "einfriert". Leider fehlt ihm ein adäquater Gegenspieler. Natürlich ist da in erster Linie die rätselhafte Schönheit Nastassja, um die sich alles dreht, und der Kaufmann Rogoschin, der sie am Ende ersticht; und dann ist da auch noch Aglaja, die sich in Myschkin verliebt aber Gondorf und Blomenkamp verleihen ihnen nicht entschlossen genug die Wichtigkeit, der sie innerhalb der Dramaturgie der Oper eigentlich bedürfen. Hier schlägt die Romanvorlage durch, die natürlich viel mehr Raum hat, diese Konstellation zu entfalten. In der Oper will das nicht recht gelingen, denn die verlangt nach klar umrissenen Situationen statt langer Erklärungen.
Trotz dieser dramaturgischen Schwächen beschreibt die Musik auf sehr beeindruckende Weise die bedrohliche Stimmung. Vielleicht müsste man sie einmal mit dem Libretto auf dem Schoß und von einem Spitzenensemble aufgeführt - hören. Die Krefelder Musiker schlagen sich wacker, aber an besonders expressiven Stellen fehlt den meisten Sängern die Kraft, gegen ein echtes Orchester-Fortissimo zu bestehen. Zwar ist Dirigent Anthony Bramall bemüht, sängerfreundlich zu dirigieren, aber die Grundlautstärke ist dennoch oft zu hoch. Neben Christoph Erpenbeck ist Frank Valentin herauszuheben, der sehr effektvoll im Falsett die Partie des Nihilisten Ippolit gestaltet.
Regisseur Thomas Krupa hebt die lineare Erzählweise der Oper in seiner (vor allem auf der ästhetischen Ebene sehr gelungenen) Inszenierung auf: Im mystisch leuchtenden Bühnenraum (Andreas Jander) scheint die Zeit aufgehoben. Ein paar Möbelstücke liegen herum, Telegrafenmasten deuten russische Weiten an. Vielleicht ist das ein Irrenhaus, vielleicht auch Myschkins Haluzinationen - Krupa verweigert solche Eindeutigkeiten. Personen kommen und gehen, sind plötzlich einfach da, dann wieder verschwunden. Im Schlussbild sitzen Myschkin und Rogoschin an der Bahre der erstochenen Nastassja so haben sie im ersten Bild auch schon gesessen. Dostojewskijs epische Breite wird hier zur Momentaufnahme, und vielleicht ist das der entscheidende Punkt, der die Autonomie der Oper gegenüber der Vorlage rettet. Und da die rätselhaften Bilder auch noch hervorragend mit der Musik zusammenpassen, ist's dann doch ein schönes Geburtstagsgeschenk.
Ihre Meinung ? Schreiben Sie uns einen Leserbrief |
ProduktionsteamMusikalische LeitungAnthony Bramall
Inszenierung
Bühne
Licht
Kostüme
Choreographie
SolistenFürst MyschkinChristoph Erpenbeck
Rogoschin, Kaufmann
Nastassia Filippowna
Iwan Jepantschin
Lisaweta Jepantschina
Aglaja Jepantschina
Alexandra Jepantschina
General Iwolgin
Ganja Iwolgin
Kolja Iwolgin
Ippolit
Tozkij
Diener bei Jepantschin
* in der rezensierten Vorstellung konnte Vuokko Kekäläinen wegen Erkrankung nur spielen; es sang Antje Gnida
|
- Fine -