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Kubus im WohnzimmerVon Stefan Schmöe / Fotos von Klaus Lefebvre
Sophies sportliches Schuhwerk, die ausklappbare Bettcouch und die Spiegelreflexkamera wollen uns wohl sagen: Die Aktualität des Werther ist ungebrochen. Unerfüllte Liebe im Widerstreit mit den Konventionen und Erfordernissen des Alltags, das ist fraglos ein zeitloses Thema. Und was zeitlos ist, das verhandelt man am besten auf der symbolischen Ebene, hat sich Regisseur Michael Sturminger wohl gedacht, daher bleiben die Accessoires des Heutigen nur Zitat. Ein bisschen modern, das reicht und wie zum Ausgleich darf ein kleines Kreuz mit zwei Grablichtern, das düstere Ende voraussagend, sanftes Pathos verströmen.
Der geordneten bürgerlichen Welt Alberts steht die illusionäre, realitätsfremde Liebessehnsucht Werthers gegenüber, die sich im Tagesgeschehen nicht erfüllen kann. Das ist kein Gegenentwurf, weil das konstruktive Element fehlt, das einen Entwurf überhaupt erst als solchen klassifizieren könnte. Charlotte, zwischen Werther und Albert hin und her gerissen, könnte eine Isolde werden, würde sie den entscheidenden Schritt wagen. Im Bühnenbild manifestiert sich diese Spannung in einem mit Tropenhölzern getäfelten Salon, in dunklen, warmen Farben ausgeleuchtet, der sich bei Werthers Auftritten immer wieder öffnet und den Blick auf eine kaltblaue Fläche und einen geheimnisvollen begehbaren Kubus frei gibt. Dazu sind die Szenen Alberts und der Kinder in naivem Naturalismus wie aus der Spieloper entsprungen, Werther dagegen ist dieser Welt entrückt. Realität und Traumwelt werden auf einer ästhetischen Ebene gegenüber gestellt und in den besten Szenen gelingt Sturminger das durchaus eindrucksvoll.
Leider bleibt die Personenregie innerhalb dieses Konzepts viel zu unbestimmt. Octavio Arévalo, der die Titelrolle verkörpert, entspricht jener oft karikierten Sorte Tenor, dessen gestisches Repertoire sich im Wesentlichen auf die Frage beschränkt, ob die Hände in den Taschen bleiben oder nicht. Unter dem Aspekt der Schadensbegrenzung ist es vielleicht ganz gut, dass der Regisseur ihn weitgehend die Bühne auf und ab schlendern lässt (der unfreiwillig komische Wechsel zwischen leidenden Siechtum und quicklebendigem Enthusiasmus in der Sterbeszene deutet an, dass es viel schlimmer hätte kommen können). Oder liegt es doch am Regisseur? Jedenfalls wirkt auch Marie-Ange Todorovitch als Charlotte seltsam desorientiert. Und die bravourös singende Claudia Rohrbach muss die Sophie überzogen kindlich spielen da wird ein interessanter Charakter schlichtweg verschenkt.
Klangbeispiel aus dem 3. Akt: Claudia Rohrbach (Sophie) und Marie-Ange Todorovitch (Charlotte)
Um das Klangbeispiel hören zu können, müssen Sie den RealPlayer installiert haben. Diesen gibt es kostenlos bei www.real.com
Die Figuren werden kaum greifbar; es dominiert eindeutig die symbolische Ebene. Damit kann man leben, solange die psychologisch fein nuancierte Musik ein Gegengewicht bietet. Das tut sie in Köln nur teilweise. Arévalo besitzt zwar eine schöne, lyrische Stimme, hat aber schwer mit technischen Problemen zu kämpfen: Jeder Registerwechsel kommt einem kleinen Abenteuer gleich. Zu oft bricht dann die Stimme weg oder wird die Intonation eingetrübt. Marie-Ange Todorovitch dagegen singt zuverlässig, aber im Ausdruck recht distanziert. Alles in allem ist das nicht schlecht, aber nennenswerte Impulse verleiht es der Aufführung auch nicht. Scott Hendricks singt einen grundsoliden Albert, was der Rollenzeichnung des Regisseurs entspricht, aber ihr auch nur einen Platz am Rande einräumt: Wie Sophie ist auch Albert eine bessere Staffage.
Insgesamt fehlt musikalisch wie darstellerisch ein dramatisches Voranschreiten. Fast gerät die Oper zu einer großen Symphonie mit obligaten Singstimmen. Dabei liegt gerade in den symphonischen Stellen die Schwäche des Dirigenten Emmanuell Villaume, der sich fast zu genieren scheint, mal ein ordentliches Forte spielen zu lassen dann jedenfalls wird der Orchesterklang recht substanzlos. Wenn es aber darum geht, die Sänger zu begleiten, dann zaubern Villaume und das Gürzenich Orchester ganz wunderbare Klangfarben hervor, und ganz besonders das Zusammenspiel von Holzbläsern und Harfe sucht in seiner Schönheit seinesgleichen. In solchen Momenten könnte man dahinschmilzen. Alles in allem bleibt es denn auch bei einzelnen schönen Momenten: Sturminger gelingt es nicht, sein Konzept im Finale plausibel zu machen. Der Kubus steht schließlich im Wohnzimmer, aber ob es zu einer wie auch immer gearteten Verschmelzung der Sphären kommt oder nicht, das wird nicht erkennbar. Nicht nur konzeptionell, auch ästhetisch wirkt der Schluss ziemlich unbeholfen: Da kann man alles oder nichts hinein interpretieren. Immerhin ist die Regie verhältnismäßig unaufdringlich. Dem Premierenpublikum war das zu wenig: Der Applaus für das Regieteam blieb fast unfreundlich verhalten.
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Produktionsteam
Musikalische Leitung
Regie
Bühne und Kostüme
Licht
Dramaturgie
Solisten
Werther
Albert
Charlotte
Sophie
Le Bailli
Fritz
Max
Hans
Karl
Gretel
Clara
* Mitglieder der Chöre
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- Fine -