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Musiktheater
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Rigoletto

Melodramma in drei Akten
Libretto von Francesco Maria Piave
nach dem Drama "Le Roi s'amuse" von Victor Hugo Musik von Giuseppe Verdi

In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 30' (eine Pause)

Premiere im Opernhaus Köln
am 9. Juni 2001

Logo: Oper Köln

Bühnen der Stadt Köln
(Homepage)

Das unglaubwürdige Liebesleben des Konzernchefs

Von Stefan Schmöe / Fotos von Klaus Lefebvre


Wenn eine junge Dame erstochen und in einen Sack gestopft wird, um dann ein umfangreiches Duett zu singen, dann geht das selbst hartgesottenen Opernliebhabern an die Schmerzgrenze. Natürlich muss Oper nicht realistisch sein, im Gegenteil. Aber der Rigoletto krankt wie etliche andere Opern seiner Zeit daran, dass der Komponist so tut, als sei das realistisch. Zu eindeutig steht die spektakuläre und vermeintlich (und seinerzeit war sie das wohl auch) theaterwirksame Story im Vordergrund. Wagner hat wissend seine Handlungen ins raunend mythische Dunkel verschoben, wo jeglicher Realismus a priori aufgehoben ist. Hätte er den Rigoletto komponiert, das fatale Ende wäre Ausdruck schicksalhafter Notwendigkeit gewesen, die in der psychischen Entwicklung der Charaktere angelegt ist. Bei Verdi folgen die Emotionen dagegen der äußeren Handlung (das wird sich später, in der Aida und im Otello ändern). Auch wenn der Titelheld, zerrissen zwischen der Rolle des zynischen Hofnarrs und dem liebenden Vater, doppelgesichtig angelegt ist, dominiert das Schablonenhafte der Personen.


Szenenfoto Besinnungspause: Rigoletto, der Mann fürs Grobe, muss nachdenken

In diese Rollen, so argumentiert Regisseurin Karin Beier, werden die Personen (mitunter gewaltsam) hineingedrängt, und das möchte sie zeigen. Dieses Konzept ist unverschämt genial bzw. genial unverschämt: So lassen sich noch etliche drittklassige Opernbücher mit allzu schematischer Charakterzeichnung mühelos rehabilitieren. Ganz stimmt das, zugegeben, nicht, denn zumindest muss der Rollenwechsel oder die Möglichkeit, aus der Rolle auszubrechen, angedeutet sein (und das ist in Rigoletto der Fall). Deutlich macht die Regisseurin den Konflikt zwischen angetragener und ausgestrebter Rolle an der Figur der Gilda: Diese ist meistens doppelt auf der Bühne, einmal in Gestalt eines kleinen Mädchens (dieses Bild hat Vater Rigoletto), einmal als liebesbegierige junge Frau (wie sie sich selbst sieht).


Szenenfoto Die doppelte Gilda: Für Rigoletto (links) ist Gilda immer noch das Kind, auch wenn die Dame durchaus erwachsen geworden ist.

Mit dieser Konstellation kann Karin Beier auch den absurden Schluss einigermaßen erträglich auflösen. Im Sack steckt das tote Kind Gilda, derweil die erwachsene Frau blutverschmiert daneben steht: Zerstört ist das Bild, das Rigoletto sich bewahrt hat. Indem die Regisseurin das Geschehen auf diese symbolische Ebene verlegt, nimmt sie der Szene die Peinlichkeit. Allerdings fällt sie sofort in das Verdi'sche Pathos zurück, denn sie lässt auch die erwachsene Gilda verbluten: Schließlich, so scheint's, muss es in der romantischen Oper eben aufs Sterben hinauslaufen.


Szenenfoto Karnevalsparty mit Konzernchef: Der Herzog (stehend) kann sich nur ausnahmsweise um die New Economy kümmern, da er meistens mit Damen beschäftigt ist.

Iride Martinez singt sich nach verhaltenem Beginn immer mehr frei und kann, nachdem die Spitzentöne zu Beginn noch recht „eingeübt“ klangen, die Rolle glaubwürdig ausfüllen. Leider hat sie verhältnismäßig wenig mädchenhafte Ausstrahlung, was der Inszenierung einiges an Wirkung nimmt. Wirklich problematisch aber ist die Besetzung der Titelrolle mit dem stimmgewaltigen Ko Seng-Hyoun: So imponierend sein sattes, raumfüllendes und immer kultiviertes Forte auch ist, so dürftig ist das matt dahingesäuselte Piano. Das schränkt die Ausdrucksvielfalt des Sängers ganz erheblich ein. Und darstellerisch ist es ein Debakel: Ein tumber Narr durch und durch, der dieses (man muss befürchten: jedes) Regiekonzept konterkariert.


Szenenfoto Vater-Tochter-Konflikt: Rigoletto und Gilda leben sich auseinander.

Durchweg überzeugend präsentiert sich dagegen Roberto Saccá als Frauen liebender und verführender Herzog. Schwer hat man es ihm freilich nicht gemacht, denn er muss von Anfang bis Ende den Strahlemann geben. Das gelingt ihm ganz ausgezeichnet, auch sängerisch: Ein eleganter, geschmeidiger Tenor mit jubelnden Höhen, vielleicht nicht überreich an gestalterischen Nuancen, aber die waren auch nicht gefragt. Frei von Selbstzweifeln Weiberherzen brechen, das war der Auftrag, den er bravourös erfüllte. Was man ihm weniger abnahm, das war der Konzernchef, den er nebenbei auch noch abgeben soll: In zeitgemäßer Messestand-Architektur herrscht er über seine Angestellten, die am Laptop das Auf und Ab am neuen Markt verfolgen, und der humpelnde Rigoletto (Sportverletzung?) ist sein Mann fürs Grobe. Leider ist die Geschichte in dieser unglaubwürdigen Umdeutung auf unsere Zeit mindestens genauso schlecht wie im originalen historischen Gewand.


Szenenfoto Für Puppen ist Gilda inzwischen zu alt geworden.

Aber auch aus einem anderen Grund geht das Regiekonzept nicht auf, und das ist Dirigat von Graeme Jenkins, der die Partitur in ganz konventioneller Manier angeht. Wenn die Musik einmal in Gang kommt, dann ist alles sehr schön (und sängerfreundlich), aber die Nahtstellen und Übergänge sind oft sehr pathetisch angelegt, Punktierungen und Akzente sehr breit und rhythmisch unscharf genommen: Unarten, die auch in konventionellen Inszenierungen stören, hier aber das sich bewusst modern gebende Konzept unterlaufen.


Szenenfoto Wahrnehmungsverlust: Rigoletto sieht nur das Kind Gilda. Die erwachsene Frau sitzt betroffen daneben.

Neben viel Missglücktem gibt es aber auch einige eindrucksvolle Momente. Auf mehreren Leinwänden wird das Geschehen in einer Videoinstallation (Alexander Grasseck) oft verdoppelt, dabei verfremdet oder auch symbolisch umgedeutet. Gildas Begehren nach der Liebe des Herzogs wird kontrastiert von Bildern einer schwimmenden Frau, und bei der Begegnung mit dem Geliebten fließt richtiges Wasser aus der Leinwand – in solchen Momenten wird die Handlung aufgebrochen, und das macht die Produktion trotz vieler Unzulänglichkeiten spannend. Und auch die ironische Brechung mancher Szenen (etwa der schaurig-scheußliche Studenten-Pulli des unerkannt bleibenden Herzogs) tut dem Stück gut.


FAZIT
Divergierende Kräfte am Werk: Dirigent und Regisseurin eilen in verschiedene Deutungsrichtungen, der Hauptdarsteller steht derweil einfach rum und tut – nichts. Bei so vielen Höhen und Tiefen hat man immerhin wenig Zeit zur Langeweile.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Graeme Jenkins

Regie
Karin Beier

Bühne
Achim Römer

Kostüme
Maria Roers

Licht
Hans Toelstede

Choreinstudierung
Albert Limbach

Videoinstallation
Alexander Grasseck



Gürzenich-Orchester
Kölner Philharmoniker

Opernchor der
Bühnen der Stadt Köln


Solisten

Rigoletto
Seng-Hyoun Ko

Gilda
Iride Martinez

Herzog
Roberto Saccá

Sparafucile
Eric Owens

Maddalena
Dalia Schaechter

Giovanna
Andrea Andonian

Monterone
Andrew Collins

Marullo
Michael Vier

Borsa
John Pierce

Nicolette
Eva Dimitrova

Ceprano
Samuel Youn

Gräfin Ceprano
Eva Dimitrova

Gerichtsdiener
Karl Huml

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Weitere Informationen
erhalten Sie von den
Bühnen der Stadt Köln
(Homepage)




Da capo al Fine

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