|
Veranstaltungen & Kritiken Musiktheater |
|
|
|
Das unglaubwürdige Liebesleben des KonzernchefsVon Stefan Schmöe / Fotos von Klaus Lefebvre
Wenn eine junge Dame erstochen und in einen Sack gestopft wird, um dann ein umfangreiches Duett zu singen, dann geht das selbst hartgesottenen Opernliebhabern an die Schmerzgrenze. Natürlich muss Oper nicht realistisch sein, im Gegenteil. Aber der Rigoletto krankt wie etliche andere Opern seiner Zeit daran, dass der Komponist so tut, als sei das realistisch. Zu eindeutig steht die spektakuläre und vermeintlich (und seinerzeit war sie das wohl auch) theaterwirksame Story im Vordergrund. Wagner hat wissend seine Handlungen ins raunend mythische Dunkel verschoben, wo jeglicher Realismus a priori aufgehoben ist. Hätte er den Rigoletto komponiert, das fatale Ende wäre Ausdruck schicksalhafter Notwendigkeit gewesen, die in der psychischen Entwicklung der Charaktere angelegt ist. Bei Verdi folgen die Emotionen dagegen der äußeren Handlung (das wird sich später, in der Aida und im Otello ändern). Auch wenn der Titelheld, zerrissen zwischen der Rolle des zynischen Hofnarrs und dem liebenden Vater, doppelgesichtig angelegt ist, dominiert das Schablonenhafte der Personen.
In diese Rollen, so argumentiert Regisseurin Karin Beier, werden die Personen (mitunter gewaltsam) hineingedrängt, und das möchte sie zeigen. Dieses Konzept ist unverschämt genial bzw. genial unverschämt: So lassen sich noch etliche drittklassige Opernbücher mit allzu schematischer Charakterzeichnung mühelos rehabilitieren. Ganz stimmt das, zugegeben, nicht, denn zumindest muss der Rollenwechsel oder die Möglichkeit, aus der Rolle auszubrechen, angedeutet sein (und das ist in Rigoletto der Fall). Deutlich macht die Regisseurin den Konflikt zwischen angetragener und ausgestrebter Rolle an der Figur der Gilda: Diese ist meistens doppelt auf der Bühne, einmal in Gestalt eines kleinen Mädchens (dieses Bild hat Vater Rigoletto), einmal als liebesbegierige junge Frau (wie sie sich selbst sieht).
Mit dieser Konstellation kann Karin Beier auch den absurden Schluss einigermaßen erträglich auflösen. Im Sack steckt das tote Kind Gilda, derweil die erwachsene Frau blutverschmiert daneben steht: Zerstört ist das Bild, das Rigoletto sich bewahrt hat. Indem die Regisseurin das Geschehen auf diese symbolische Ebene verlegt, nimmt sie der Szene die Peinlichkeit. Allerdings fällt sie sofort in das Verdi'sche Pathos zurück, denn sie lässt auch die erwachsene Gilda verbluten: Schließlich, so scheint's, muss es in der romantischen Oper eben aufs Sterben hinauslaufen.
Iride Martinez singt sich nach verhaltenem Beginn immer mehr frei und kann, nachdem die Spitzentöne zu Beginn noch recht eingeübt klangen, die Rolle glaubwürdig ausfüllen. Leider hat sie verhältnismäßig wenig mädchenhafte Ausstrahlung, was der Inszenierung einiges an Wirkung nimmt. Wirklich problematisch aber ist die Besetzung der Titelrolle mit dem stimmgewaltigen Ko Seng-Hyoun: So imponierend sein sattes, raumfüllendes und immer kultiviertes Forte auch ist, so dürftig ist das matt dahingesäuselte Piano. Das schränkt die Ausdrucksvielfalt des Sängers ganz erheblich ein. Und darstellerisch ist es ein Debakel: Ein tumber Narr durch und durch, der dieses (man muss befürchten: jedes) Regiekonzept konterkariert.
Durchweg überzeugend präsentiert sich dagegen Roberto Saccá als Frauen liebender und verführender Herzog. Schwer hat man es ihm freilich nicht gemacht, denn er muss von Anfang bis Ende den Strahlemann geben. Das gelingt ihm ganz ausgezeichnet, auch sängerisch: Ein eleganter, geschmeidiger Tenor mit jubelnden Höhen, vielleicht nicht überreich an gestalterischen Nuancen, aber die waren auch nicht gefragt. Frei von Selbstzweifeln Weiberherzen brechen, das war der Auftrag, den er bravourös erfüllte. Was man ihm weniger abnahm, das war der Konzernchef, den er nebenbei auch noch abgeben soll: In zeitgemäßer Messestand-Architektur herrscht er über seine Angestellten, die am Laptop das Auf und Ab am neuen Markt verfolgen, und der humpelnde Rigoletto (Sportverletzung?) ist sein Mann fürs Grobe. Leider ist die Geschichte in dieser unglaubwürdigen Umdeutung auf unsere Zeit mindestens genauso schlecht wie im originalen historischen Gewand.
Aber auch aus einem anderen Grund geht das Regiekonzept nicht auf, und das ist Dirigat von Graeme Jenkins, der die Partitur in ganz konventioneller Manier angeht. Wenn die Musik einmal in Gang kommt, dann ist alles sehr schön (und sängerfreundlich), aber die Nahtstellen und Übergänge sind oft sehr pathetisch angelegt, Punktierungen und Akzente sehr breit und rhythmisch unscharf genommen: Unarten, die auch in konventionellen Inszenierungen stören, hier aber das sich bewusst modern gebende Konzept unterlaufen.
Neben viel Missglücktem gibt es aber auch einige eindrucksvolle Momente. Auf mehreren Leinwänden wird das Geschehen in einer Videoinstallation (Alexander Grasseck) oft verdoppelt, dabei verfremdet oder auch symbolisch umgedeutet. Gildas Begehren nach der Liebe des Herzogs wird kontrastiert von Bildern einer schwimmenden Frau, und bei der Begegnung mit dem Geliebten fließt richtiges Wasser aus der Leinwand in solchen Momenten wird die Handlung aufgebrochen, und das macht die Produktion trotz vieler Unzulänglichkeiten spannend. Und auch die ironische Brechung mancher Szenen (etwa der schaurig-scheußliche Studenten-Pulli des unerkannt bleibenden Herzogs) tut dem Stück gut.
|
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Regie
Bühne
Kostüme
Licht
Choreinstudierung
Videoinstallation
SolistenRigolettoSeng-Hyoun Ko Gilda Iride Martinez Herzog Roberto Saccá Sparafucile Eric Owens Maddalena Dalia Schaechter Giovanna Andrea Andonian
Monterone
Marullo
Borsa
Nicolette
Ceprano
Gräfin Ceprano
Gerichtsdiener
Page
|
- Fine -