Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musiktheater
Zur OMM-Homepage Zur Musiktheater-Startseite E-mail Impressum



Intolleranza

Handlung in zwei Teilen von Luigi Nono
nach einer Idee von Angelo Maria Ripellino
Deutsche Übersetzung von Alfred Andersch
Premiere im Opernhaus Köln
am 22.September 2000

Logo: Oper Köln

Bühnen der Stadt Köln
(Homepage)

Die Banalität der Bilder

Von Stefan Schmöe / Foto von Klaus Lefebvre



Ein Polizist patrouilliert mit Hund an einem Metallcontainer. Wenn dieser geöffnet wird, erkennt man Paletten mit Tomaten im Inneren. Doch dann erscheinen Leute mit Schutzanzügen und ziehen vier Leichen dahinter hervor, scheinbar routinemäßig.

Szenenfoto Gewohnte Krämersche Ästhetik: Viel Schwarz-Weiß-Malerei...

Luigi Nonos Intoleranza 1960 ist ein eminent politisches Stück, dass Gastarbeiterelend und rassistische Diskriminierung anklagt. Regisseur Günter Krämer versucht, den realen Hintergrund der azione scenica - Bergwerksunglück, Algerienkrieg, Überschwemmung der Po-Ebene - in die Gegenwart zu übersetzen, überwiegend durch Abstraktion, teilweise aber auch durch ganz konkrete Bilder wie das oben beschriebene. Ein Projekt, das von gutem Willen nur so strotzt: Ein Zeichen gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit.

Szenenfoto ... die auch vor dem unsäglichen KINDER-INDER-Kalauer nicht halt macht...

Sitzreihen eines Flugzeuginneren werden auf die Bühne gerollt. Alle Passagiere sind verborgen hinter Zeitungen, die Stewardess erteilt geschäftsmäßig lächelnd Getränke. Wenn plötzlich die Zeitungen heruntergenommen werden, erkennt man zwischen zwei adrett gekleideten Herren des Bundesgrenzschutzes einen gefesselten und geknebelten Afrikaner, offenbar erstickt. Trotz der Schrecksekunde ist die Szene, Entschuldigung!, unfreiwillig komisch, denn fatalerweise bedient sich Krämer der Ästhetik der Fernseh-sitcom, die auf vergleichbare Weise mit ihren mageren Pointen überrumpeln will. Und Krämer vergisst auch, dass unsere Sehgewohnheiten von Tagesschau und Tatort geprägt und längst an solche Bilder gewöhnt sind. Der Schockeffekt ist kurz und führt zu einer Banalisierung.

Szenenfoto ... und Schlägertrupps, choreographisch hübsch arrangiert, als warnenden Hinweis auf gegenwärtigen Rassismus aufbietet...

Man kann Intolleranza auch auf einer anderen Ebene deuten, als - bei aller Anklage - positives Stück, das die Bewusstmachung des Begriffes "Freiheit" für den Einzelnen verhandelt. In Nonos Musik ist die Utopie von der Emanzipation des Unterdrückten stark präsent, und das kann man universeller verstehen als "nur" im Kontext von Fremdenfeindlichkeit. Krämer misstraut dieser Utopie. In der stärksten Szene sitzen Melanie Walz und Sidwill Hartman ganz vorne am Bühnenrand und lassen die Beine in den Orchestergraben baumeln, vom restlichen Geschehen durch einen Vorhang getrennt. Ist Verwirklichung von Freiheit nur im Privaten, nicht aber für die Gesellschaft möglich? Was sich hier andeutet, hätte einen spannenden (und angesichts eines in der globalisierten Internet-Welt neu zu definierenden Freiheitsbegriffs brandaktuellen) Ansatz ergeben können.

Szenenfoto ...in einer trostlosen Welt, in der Kinderreime nur noch als Email bestand haben.

Krämer zeigt aber lieber stilisierte Schlägertrupps, und mit dem erhobenen Zeigefinger weist er auf rassistische Tendenzen hin: Wo zuerst groß KINDER am Bühnenhintergrund zu lesen ist, da steht kurz darauf nur noch INDER. Auf das intellektuelle Niveau dieses unsäglichen Polit-Kalauers hätte sich Krämer nun wahrlich nicht herabbegeben müssen. So liefert er starke Argumente dafür, Intolleranza lieber konzertant aufzuführen, denn Nonos Musik rüttelt in weit stärkerem Maße auf als die missglückte Bebilderung.

Szenenfoto Was bleibt einem da anderes übrig als zu resignieren?

Jeffrey Tate am Pult der Kölner Philharmoniker setzt die Partitur fesselnd um, die Klangbalance zwischen Chor und Orchester stimmt allerdings nicht immer. Mit Melanie Walz und Dalia Schaechter sind die Frauenpartien ganz hervorragend besetzt; die Stimme von Sidwill Hartman dagegen verliert in der Höhe einiges an Klang. Sehr überzeugend singt der von Albert Limbach bestens vorbereitete Chor. So stellt die musikalische Leistung die Inszenierung klar in den Schatten.


FAZIT
Krämer scheitert an der ästhetischen Dimension seines Projekts - was aufrütteln soll, sieht bestenfalls niedlich aus und tendiert stark zum Kitsch.


Ihre Meinung ?
Schreiben Sie uns einen Leserbrief

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Jeffrey Tate

Inszenierung
Günter Krämer

Mitarbeit Regie
Christian Schuller

Bühne und Kostüme
Petra Buchholz

Licht
Manfred Voss

Chor
Albert Limbach



Gürzenich Orchester
Kölner Philharmoniker

Opernchor der Bühnen
der Stadt Köln


Solisten

Der Emigrant
Sidwill Hartmannn

Seine Gefährtin
Melanie Walz

Eine Frau
Dalia Schaechter

Ein Algerier
Michael Vier

Ein Gefolterter
Andrew Collins

Sopran-Solo
Banu Böke

Gendarme
Philipp Rührmund
Torben Krämer
Ralf Giebel
Markus Etzbach


Weitere Informationen
erhalten Sie von den
Bühnen der Stadt Köln
(Homepage)




Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Zur Musiktheater-Startseite E-mail Impressum

© 2000 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de

- Fine -