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Der Welt abhanden gekommen
Von Silvia Adler
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Fotos von Olaf Struck
Als Tschaikowsky 1877 seine fünfte Oper schrieb, wollte er ein intimes, aber starkes Drama schaffen, das auf Konflikten beruht, die er selbst gesehen oder erfahren hatte und die ihn im Innersten berührten. Inspiriert von Puschkins lyrischem Roman Eugen Onegin, verzichtete er bewusst auf die äußerlich glanzvollen, bühnenwirksamen Attribute der "Grand Opera" und konzentrierte sich bei der Vertonung des Werkes ganz auf die innere Perspektive der Protagonisten und die musikalische Ausgestaltung subtiler psychologischer Prozesse.
Elvira Soukop als Olga und Marilyn Bennett als Larina.
Bereits im Eingangsquartett - wo sich die temperamentvolle Larina, ihre ungleichen Töchter Olga und Tatjana und die Amme Filipjewna plaudernd und singend die Zeit vertreiben - schwelen unterschwellig heftige Emotionen. Für die große emotionale Wucht, die hinter der harmlos scheinenden Fassade der ersten Szene nach und nach zu Tage tritt, erscheint die Bühne des Hagener Theaters fast zu klein. Dank der ausgezeichneten Personenregie gelingt es dennoch, die starken inneren Konflikte mit kammerspielartiger Intensität deutlich zu machen. Sehr überzeugend vermittelt Marilyn Bennett die untergründige Bitterkeit der lebenslustigen Larina. Ebenso glaubhaft und ohne jedes Klischee verkörpert Schirin Partowi die Partie der zärtlich besorgten Amme Filipjewna.
Magdalena Bränland als Tatjana und Schirin Partowi als Filipjewna.
Blutjung erscheinen dagegen die grüblerisch veranlagte Tanja, ihre oberflächlich kokette Schwester Olga (treffend charakterisiert von Elvira Soukop) sowie der leidenschaftlich in die eigenen Gefühle verliebte Wladimir Lenski. Einzig der gefühlsstarre, illusionslose Onegin bewegt sich in der schwärmerisch verklärten Welt der jungen Leute wie ein Fremdkörper. Eindruckvoll beleuchtet die Inszenierung den konfliktreichen - geradewegs in die Katastrophe führenden Gegensatz zwischen abgeklärtem Realismus und überschwänglicher Romantik. Auch die eindringliche Sprache des Bühnenbildes von Olaf Zombeck spiegelt den Zusammenprall zweier entgegengesetzter Welten: In Tatjanas leidenschaftlicher Briefszene verschieben sich die naturalistisch gestalteten Bühnenelemente zu einer wirren Traumlandschaft. Irgendwo hoch oben ragt ein Bett aus der Wand; das Kopfkissen fällt vom Himmel herab; Bäume wachsen verkehrt herum: Alles scheint sonderbar verrückt und aus dem gewohnten Zusammenhang gerissen. Wie im Rausch offenbart Tatjana (stimmlich souverän - aber etwas zu gradlinig: Magdalena Bränland) ihre leidenschaftlichen Gefühle für Onegin. Das aus den Fugen geratene Bühnenbild erscheint als Spiegel ihrer aufgewühlten Seele. Peinliche Ernüchterung erfährt die vor den Augen des Zuschauers auf der Bühne ausgebreitete Seelenlandschaft, als Onegin Tatjanas Liebe mit der Attitüde des abgeklärten Weltmannes zurückweist.
Volker Thies als Lenski, Klaus Nowaczyk als Saretzki (im Hintergrund), Stefan Adam als Eugen Onegin und der Opernchor und Extrachor des Theaters Hagen. Auch in der Duellszene zwischen Onegin und Lenski gelingt es der Inszenierung, den unüberbrückbaren Widerspruch zwischen rationaler Nüchternheit und jugendlichem Idealismus in seiner ganzen Tragweite deutlich werden zu lassen. Mit vollem Einsatz gestaltet der Tenor Volker Thies die tragische Figur des romantisch überspannten Lenski. Anrührend und beklemmend zugleich, klingt die berühmte Arie des todgeweihten Dichters. Auch Stefan Adam als stimmgewaltiger Onegin meistert seine Partie mit Bravour und gestaltet die innere Wandlung, die dieser am Ende der Oper durchlebt, mit großer Überzeugungskraft. Überwältigt von der Übermacht des Gefühls, das er plötzlich in sich entdeckt, irrt Onegin wie ein Traumwandler über die unwirklich scheinende, mit weißen Tüchern verhängte Bühne: seit Lenskis Tod scheint dem Realisten Onegin, die Wirklichkeit auf einmal fremd geworden.
Thorsten Grümbel als Fürst Gremin und Stefan Adam als Eugen Onegin.
Konsequent lässt die Regie auch das Fest im Hause des Fürsten Gremin (mit beeindruckendem Bass: Thorsten Grümbel) im irrealen Licht des Albtraums erscheinen. In weiße Gewänder gehüllt, bilden Chor und Solisten die unwirkliche Kulisse für das dramatische Finale: Erst im Zwielicht des Traumes, gehen Onegin die Augen auf: viel zu spät erkennt er seine verzweifelte Liebe zu Tatjana.
Stefan Adam als Eugen Onegin und der Opernchor und Extrachor des Theaters Hagen.
Mit sicherem Gespür für die feingewebte Dramaturgie des Stückes, gelingt es der Regie immer wieder, die emotionalen Höhepunkte der Oper in packende Bilder zu übersetzen. Schade nur, dass das mitreißende Bühnengeschehen im Orchester nur wenig Widerhall findet. Dynamisch zu wenig differenziert, fehlt es besonders den lyrischen Passagen an klanglichem Schmelz und feinen Zwischentönen. Auch die Einsätze der Bläser geraten häufig zur musikalischen Zitterpartie. Dennoch gelingt es dem musikalischen Leiter Georg Fritzsch - dank der hervorragend gewählten Tempi - den Spannungsbogen bis zum Schluss aufrecht zu erhalten. Alles in allem also ein Theaterabend, der unter die Haut geht und den Zuschauer nicht unberührt lässt.
Einfühlsame Tschaikowsky-Inszenierung - trotz einiger Abstriche im Musikalischen ein packendes Theatererlebnis. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühnenbild und Kostüme
Choreinstudierung
Dramaturgie
SolistenLarinaMarilyn Bennett
Tatjana
Olga
Filipjewna
Eugen Onegin
Wladimir Lenski
Fürst Gremin
Ein Hauptmann
Saretzki
Triquet
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- Fine -