|
Veranstaltungen & Kritiken Musiktheater |
|
|
|
Märchenhaftes Finanzgebaren
Von Stefan Schmöe
/
Fotos von Olaf Struck
Betrachtet man das Jahresprogramm des Theaters Hagen, so scheint eine neue Ära angebrochen zu sein: Nach der behäbigen, in der Regel jede Aktualisierung vermeidenden Intendanz von Peter Pietzsch tauchen plötzlich Alltagsbilder auf, das Layout ist frecher geworden, selbst das Theater-Logo sieht ein bisschen anders aus als früher. Da ist es besonders spannend, das sich Hagens neuer Intendant Rainer Friedemann persönlich ans Regiepult gestellt und, einer Hagener Tradition folgend, ein Werk der Moderne auf die Bühne bringt, eine Uraufführung gar. Neuer Schwung für das flügellahme Theater? Nun ja. Nach zwei quälend langen Stunden ist der Rezensent da erst einmal skeptisch.
Das Jahresprogramm verspricht ein Stück über zeitgemäßes Kreditgebaren...
Mit der Auswahl des Stückes, wer auch immer dafür verantwortlich sein mag, hat das Theater alles andere als einen Glücksgriff getan. Rainer Kunad, 1995 verstorben, hat das Libretto nach einem alten deutschen Volksbuch selbst verfasst und die Märchenhandlung in 16 übervolle Szenen gepresst - da ist keine Zeit für langes Diskutieren oder gar psychologisch feine Entwicklung, da geht es gleich zur Sache, sprich: Die Hauptfigur hat einen Wunsch frei und entscheidet sich ganz unphilosophisch für Reichtum. Quell solchen Glücks ist, da hat der Librettist ein ganz wundervolles Wort gefunden: ein Säckel, und zwar ein nie versiegender. Außerdem gewinnt sich unser Held noch einen Hut, der ihn an jeden beliebigen Ort zaubert. Im zweiten Teil erlebt er im Traum - daher der Titel - wie seine beiden Söhne nach seinem Tod an den beiden wundersamen Hilfsmitteln zu Grunde gehen.
... doch es wird unverbindlich märchenhaft: Dieser Herr speist delikat, weil sein Säckel
jederzeit 10 Goldstücke beinhaltet. Das TantTheater-Ensemble (hinten) staunt...
So viel Handlung in so kurzer Zeit lässt sich nur mit comicartiger Prägnanz wiedergeben. Die Musik aber bedient sich durchweg spätromantischer Mittel (die eigentlich nach einer groß angelegten dramatischen Entwicklung schreien) und kommt mit dieser Struktur überhaupt nicht zurecht: Nicht ein einziges Mal darf sie sich verströmend entfalten, statt dessen bricht sie immer wieder nach kurzgliedrigen Themen ab (die allerdings deuten auch nicht gerade an, dass Kunad in der Lage gewesen wäre, längere Bögen zu komponieren). Die ohnehin ausgesprochen schlichte diatonische Melodik verbleibt im Zustand des Stockens. Man muss lange suchen, um ein derart langweiliges Werk auf einem Spielplan zu entdecken.
... und trägt die Gemahlin des wohlhabenden Herren auf Händen, was deren Tod aber nur um einige Szenen aufschiebt ...
Im oben ja schon erwähnten Jahresprogramm ist kein Säckel, sondern das zeitgemäßere Pendant, eine Kreditkarte, abgebildet. Das Bild täuscht: Rainer Friedemann knüpft brav Kontinuität wahrend an den Stil vergangener Jahre an und belässt das Geschehen in einer unverbindlichen Märchenwelt. In der geschmackvollen, dezente Blautöne und schrille Haartrachten bevorzugenden Ausstattung von Hartmut Krügener verweisen lediglich einzelne Kleidungsstücke auf einen eventuell in das Werk hinein zu interpretierenden Gegenwartsbezug. Dafür darf sich das TanzTheater-Ensemble, mit dem Renate Killmann neue tänzerische Akzente in Hagen setzen möchte, ausgiebig vorstellen. Man muss inständig hoffen, dass Frau Killmann uns diese Impulse bewusst vorenthalten hat und mehr bieten kann als belanglose Arrangements.
... und Sohn Andolosia weiß mit dem wertvollen Erbe nicht so recht umzugehen: Nach allerlei magischen
Verwicklungen setzt er der engelischen Prinzessin Agrippina Hörner auf ...
Das Philharmonische Orchester Hagen, geleitet von Georg Fritzsch, spielte die Partitur einigermaßen fehlerarm aber wenig inspiriert herunter. Dabei war das vokale Niveau durchaus ordentlich, allerdings bietet die Oper den Sängern kaum Entfaltungsmöglichkeiten. Stefan Adam in der Rolle des namenlosen Mannes ist sehr solide; Volker Thies (in der Rolle des abenteuerlustigeren Sohnes) entwickelt seinen jugendlichen Tenor erfreulich weiter. Mit Dagmar Hesse (hier die Frau des "Helden") hat man ein viel versprechendes Talent nach Hagen verpflichten können - leider durfte auch sie nicht viel mehr als ein paar Töne singen. Ansonsten ist trotz Intendantenwechsel des Ensemble weitgehend unverändert geblieben.
... womit er das tragische Ende aber lediglich um einige Szenen aufschieben kann. Seinen Bruder
Ampedo sieht man hier einen magischen Hut zerhacken.
Als Lehre bleibt, man traut sich kaum, es niederzuschreiben, die schlichte Erkenntnis: Geld macht nicht glücklich. Das kann man anderswo auf kurzweiligere Art lernen. Beim Publikum hat Friedemann erst einmal einen Vertrauensvorschuss und erhielt freundlichen Beifall - vielleicht auch, weil einem vieles so vertraut vorkam.
|
ProduktionsteamRegieRainer Friedemann
Musikalische Leitung
Choreographie
Ausstattung
Choreinstudierung
SolistenDer Mann Stefan Adan
Kassandra, seine Frau
Ampedo, sein Sohn
Andolosia, sein Sohn
Leopold
Göttin des Glücks
Sultan von Algier
König von Engeland
Königin
Agrippina
Wirt
anderer Wirt
Ein Graf
Zwei andere Grafen
Richard van Gemert
Einsiedler
Dag Neuhaus
Niemand, ein Echo
Dag Neuhaus
|
- Fine -