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five movements

Fünf Werke für Musiktheater

David Coleman: HERZKAMMEROPER oder: menetekel mit ALBATROS
Jörg Widmann: Das Echo
Régis Campo: Nonsense Opera
Marc André: ...das O...
Emanuele Casale: Tempo intine in sogni e sole

Uraufführungen durch die Oper Frankfurt
im Bockenheimer Depot
am 23. Juni 2001
rezensierte Aufführung:
28. Juni 2001



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Oper Frankfurt
(Homepage)

„five movements“ – fünf Vorschläge zum zeitgenössischen Musiktheater

Von Sebastian Hanusa



Unter dem Titel „Klangfiguren 2000-2004“ hat die Oper Frankfurt eine Reihe ins Leben gerufen, die sich zum Ziel gesetzt hat, eine Positions-Bestimmung des zeitgenössischen Musiktheaters vorzunehmen. Neben der Neuinszenierung wichtiger Werke der letzten Jahrzehnte umfasst das Projekt auch mehrere Uraufführungen. Für die diesjährige Saison waren Kompositionsaufträge an fünf Komponisten der jüngeren Generation vergeben worden und zum Saisonabschluss wurden die jeweils ca. 15minütigen Stücke in Zusammenarbeit mit dem Ensemble Modern im Bockenheimer Depot uraufgeführt. Einer der zwischen 1964 und 1973 geborenen Komponisten wurde von einer Jury unter Vorsitz Wolfgang Rihms - des künstlerischen Leiters der „Klangfiguren“ - für einen Auftrag für ein abendfüllendes Werk ausgewählt, dessen Uraufführung für 2005 angesetzt ist.

Alle fünf entstandenen Kompositionen werfen die Frage nach dem jeweiligen Gewicht und wechselseitigen Verhältnis der verschiedenen Elemente von Musiktheater auf, insbesondere die Rolle des Textes gegenüber Szene und Musik: Ein relativ traditionelles Verständnis von Wort-Ton-Verhältnis findet sich in HERZKAMMEROPER oder: menetekel mit ALBATROS des Engländers David Coleman. Im Zentrum steht das Dramenfragment „Herzstück“ von Heiner Müller, welches, nachdem es einmal gesprochen wurde, stark gedehnt, aber weiterhin vollkommen verständlich von dem im Orchester platzierten Vokalensemble gesungen wurde. Hiermit hat Librettist Olaf Brühl einen Auszug aus Dantes „Divina Comedia“ und Gabriele Goettlers kurzen „Dialog zwischen Kapitän und Co-Pilot unmittelbar vor dem Absturz“ kombiniert. Während der Dante-Text gegen Ende von einer auf der Bühne herumgehenden, weiß gewandeten Sängerein gesungen wird, erklingt Goettlers Dialog ebenfalls nur gesprochen. Man stellt fest, dass das gesprochene Wort weitaus nachdrücklicher wirkt als das vertonte. Während die gesprochenen Texte eine sehr starke Eigenwirkung haben, erscheint das Verhältnis zur Musik problematisch. Die Texte wirken wie Fremdkörper, eine Synthese zwischen dem gesprochenen Wort und der Musik findet nur selten statt. Auch wenn das Vokalensemble als „Klangschatten“ den Müller-Text in seiner vertonten Form singt, ist der Text zwar ins klangliche Geschehen integriert, hier fehlt jedoch eine bemerkbare Bezugnahme auf das Bühnengeschehen. Die Musik selber ist relativ heterogen, umfasst hierin aber eine große Menge packender Momente. Bettina Gieses Inszenierung stütz sich im wesentlichen auf die je vier Tänzerinnen und Tänzer, die in schreiend bunten Kostümen verschiedene Gesten-Komplexe zum Thema „Herzstück“ tanzen. Insgesamt wirkt dies illustrierend, aber ähnlich wie Text und Musik hat man das Gefühl, dass eine musikdramatische Idee eher umkreist wurde, als dass sie in einem komponierten und inszenierten Gesamtergebnis enggeführt wäre.

Ähnliches muss man auch von Jörg Widmanns Das Echo sagen: Ein Schauspieler tritt auf und rezitiert einen hektisch neurotischen Wortschwall, einen Monolog, adressiert an eine unsichtbare Geliebte, eine Sängerin, die hinter einem halb durchsichtigen Spiegel auftritt, einen Echo-Sopran – eventuell auch nur an das alter ego. Einen Text der Beziehungskrise, eine hektische Selbstsuche vor einem übermächtigen Spiegel, aus dem sich eine Zwiesprache mit jener – imaginierten? – Frauengestalt entwickelt. Dieser Spiegel ist ein Geniestreich von Bühnenbildnerin Cornelia Gaertner: Er füllt das ganze Bühnenportal aus, im Rücken der Zuschauer hinter den Sitzreihen findet sich ein weiterer Spiegel und hier zwischen vervielfältigt sich Orchester und Publikum in dem Maße, wie sie hierin visuell eingesperrt sind. Die hektischen Deklamation des Textes wird von einer nervös laufenden, unruhigen Musik begleitet. Leider besteht die Gefahr, dass eine vom Komponisten gewollte Energetik in leerlaufende Klangkulisse umschlägt; das Agieren der Musiker wirkt sehr bald nur noch ziellos und es ergibt sich keine immanente musiklische Spannung, die dem gesprochenen Text in der überzeugenden Darstellung durch Schauspieler Peter Pruchniewitz eine ebenbürtige Ergänzung liefern könnte.

Gerade dies gelingt Régis Campo in seiner Nonsense Opera. Campo tritt aber auch mit einem Text an, der es ihm relativ leicht macht: Seine Nonsense Opera ist ein ironisches Spiel mit den Inhalten des klassischen Opernrepertoires, folgt formal den Vorlagen unzähliger Libretti. Eine Sopranistin liebt einen Tenor, wird aber auch von einem Bariton geliebt, welcher letztlich seinen Rivalen umbringt. Die Opernrealität wird durch den Doppelcharakter der Figuren als Puppen und ebenso als „Bühnenmenschen“ erzeugt, zum Schluss wird diese Realität nochmals gebrochen, indem das Aussprechen eines Zauberworts das Geschehene aufhebt und die Oper von Neuem beginnen lässt. Mit leichter Hand hat Campo eine durchaus melodie- und cantilene-verliebte Musik mit diversen Mozart-Anklängen geschrieben, die es den Sängern ermöglicht, stimmliche zu brillieren und zudem einen unterhaltsamen szenischen Reigen zu entfachen. Katrin Hilbes Regie tut ein übriges, besonders der Einfall, den drei Akteuren lebensgroße Schaumstoff-Puppen - quasi als Körperdouble - an die Hand zu geben und hiermit das eigene Handeln nochmals zu kommentieren und im Stück nachzuzeichnen, wirkt hervorragend.

Während Campo fast wehmütig auf eine aus der Tradition gegebene Auffassung von Oper stütz, haben Mark André und Emanuele Casale je auf ihre Art eine Tendenz der letzten 50 Jahre innerhalb der Neuen Musik aufgegriffen und weiterverarbeitet: Spätestens seit Nonos Prometeo und Sciarrinos jüngsten Musiktheater-Kompositionen hat sich der Versuch, Sprache auf einer subsemantischen Ebene zu musikalisieren, die Materie des Sprachkörpers als klangliches Material aus der Musik heraus zu entwickeln und damit gleichzeitig die Musik mit sprachlichen Elementen anzureichern, auch in musikdramatischen Werken niedergeschlagen. Dieser Ansatz findet sich insbesondere bei André – der den Wettbewerb und somit den Kompositionsauftrag gewonnen hat. Die vier anwesenden Sängerinnen werden über Mikrophon aufgenommen, man hört sie flüstern, atmen und raunen, ohne dass Textinhalt oder selbst die Herkunft der gesprochene Sprache erkennbar wären. Hierzu kommt ein durchsichtiges Klanggewebe von drei um das Publikum herum aufgebauten Instrumentalisten-Gruppen, als weiteres Element eine live-elektronische Verarbeitung der Stimmklänge – realisiert vom Freiburger Experimental-Studio des SWR unter der Leitung von André Richard. Es ergibt sich eine Verräumlichung des musikalischen Geschehens, eine faszinierende Verklanglichung des Raumes, in dem ein abstrakte Spiel des „Protagonisten“ Willy Forwick mit dreidimensionalen geometrischen Figuren eingefasst ist. Es entsteht ein klangliche-visuelles Total von hoher Suggestionskraft. Problematisch ist einzig der Punkt, dass auf der semantischen Ebene die Gefahr der Willkürlichkeit droht. Auf einer verklanglichten Ebene ist die unmittelbare Sinnhaftigkeit aufgelöst. Die zu Grunde liegenden Texte - die Offenbarung des Johannes und eine Analyse der Schachpartie zwischen Kasparov und dem Computer deep blue – sind für das Publikum aus dem Stück heraus nicht erkennbar. Auch ohne in einen naiven Werk-Purismus zu verfallen, bleibt die Frage offen, warum gerade jener Text und nicht ein anderer.

Emanuele Casale verzichtet konsequenterweise in Tempo intine in sogni e sole ganz auf eine Vertonung von Text. Statt dessen hat er ein Ballett komponiert, dem Kafkas Erzählung „Der Bau“ zu Grunde liegt, während die Stimmen der acht Vokalisten ausschließlich instrumental eingesetzt werden. Zu der differenziert ausgehörten, fast spektralistisch wirkenden Musik hat Choreograph Thomas McManus mit klaren, sehr einfachen Mitteln eine eindrückliche Umsetzung von Kafkas Text gefunden. In diesem hat eine Kreatur sich einen fast perfekten „Bau“ konstruiert, der sie aber nicht nur vor allen Gefahren der Außenwelt schützt, sondern nach und nach eine Art Eigenleben entwickelt, welches immer mehr Einfluss über seinen Erbauer gewinnt. Letztlich droht das Wesen sich in diesem unpersönlichen Objekt aufzulösen. In Casales Stück kommt es zu einer Deckungsgleichheit zwischen musikalischer und szenischer Ebene, vielleicht aber erst durch einen Verzicht auf einen in der Komposition konkret vorzufindenden und verklanglichten Text.

Abschließend muss man wieder einmal die Selbstverständlichkeit bewundern, mit der das Ensemble Modern die fünf Partituren realisiert hat, so wie auch sängerisch die Aufführungen allesamt auf höchstem Niveau waren.


FAZIT
Im zeitgenössischen Musiktheater finden sich ein spannungsreiches Feld, in dem derzeit von kompositorischer Seite mehr Fragen aufgeworfen werden als dass ausgearbeitete Konzepte vorzufinden wären. Die fünf Frankfurter Uraufführungen boten einen repräsentativen Schnitt aktueller Ansätze - mit Interesse ist das abendfüllende Werk des Preisträgers Mark André zu erwarten.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
David Coleman, Johannes Debus

Inszenierung
Bettina Giese, Katrin Hilbe

Choreographie
Thomas McManus

Bühne
Cornelia Gärtner

Kostüme
Stephanie Geiger, Elke Wolter

Dramaturgie
Jutta Georg, Zsolt Horpácsy
Beate Maurer

Musikalische Dramaturgie
Wolfgang Hofer

Licht
Frank Keller

Ensemble Modern


Solisten

...das O...

Protagonist
Willy Forwick

Anwesende
Verena Groß

Anwesende/Vokalensemble
Vanessa Barkowski, Gabriele Hierdeis
Gabriele May, Britta Stöher


Das Echo

Echo
Maraile Lichdi

Er
Peter Prunchniewitz


Tempo intinge in sogni e soli

Vokalensemble
Vanessa Barkowski, Gabriele Hierdeis,
Gabriele May, Britta Stöhmer,
Lukas Battis, Thomas Heyer,
Peter Marsch, Thomas Mehnert

Tänzer
Isabelle Drexler, Irene Klein,
Johanna Korgel, Barbra J. No,
Steven Barrett, Tamás Moritz,
Ricardo Pereira, Volnei Schneider


HERZKAMMEROPER oder:
menetekel mit ALBATROS

Piloten
Peter Pruchniewitz, Uli Wirtz von Mengden

Albatros
Annette Elster

Vokalensemble
Vanessa Barkowski, Gabriele Hierdeis,
Gabriele May, Britta Stöhmer,
Lukas Battis, Thomas Heyer,
Peter Marsch, Thomas Mehnert

Tänzer
Isabelle Drexler, Irene Klein,
Johanna Korgel, Barbra J. No,
Steven Barrett, Tamás Moritz,
Ricardo Pereira, Volnei Schneider


Nonsense Opera

Puppet 1
Britta Ströher

Puppet 2
Peter Marsh

Puppet 3
Thomas Mehnert


Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Oper Frankfurt
(Homepage)




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