Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musiktheater
Zur Homepage Zur Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum



Lulu

Oper in drei Akten von Alban Berg
revidiert von Friedrich Cerha
nach den Tragödien Erdgeist und Die Büchse der Pandora von Frank Wedekind


Premiere im Opernhaus Düsseldorf
am 21. September 2000




Logo: Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein
(Homepage)

Erotischer Totentanz

Von Stefan Schmöe / Fotos von Eduard Straub


Szenenfoto Wer sich zu Lulu setzt, hat nur geringe Lebenserwartung. In der Reihenfolge ihres Dahinscheidens: Hier verendet der Medizinalrat...

Männermordende femme fatale oder Lustobjekt, Sozialfall mit ebenso schnellem gesellschaftlichen Auf- wie Abstieg oder Ausgeburt von Männerphantasien? Lulu ist nichts von alledem wirklich, und hat doch von allem etwas: Wer ihr zu nahe kommt, der verfällt ihr, stirbt schließlich. Ihr Portrait, während der ganzen Oper präsent, zeigt - nichts, die Leinwand bleibt weiß, zum Rande hin gefährlich rot verlaufend. Und doch ist sie die einzig reale Figur, als einzige nicht puppenhaft weiß geschminkt. Vielleicht ist diese Lulu die rätselhafteste Figur der gesamten Operngeschichte, nicht fassbar, und wenn man sie verstanden zu haben glaubt, dann spielt einen die Musik Alban Bergs sofort wieder schwindlig.


Szenenfoto ... dem gleich der Maler folgen wird...

Regisseur Nikolaus Lehnhoff hat gut daran getan, die Gestalt der Lulu nicht konkret ausdeuten zu wollen. Und er hat mit Alexandra von der Weth eine exzellente Besetzung. "Erstens muss Lulu gut aussehen, aber schon sehr gut aussehen. Zweitens muss sie eine lichte, nicht allzu große, bewegliche Stimme haben, die mit der oberen Quint aber auch nicht die geringsten Schwierigkeiten hat." forderte Alban Berg, und es scheint, er habe ganz genau Alexandra von der Weth vor Ohren gehabt. Dass sich die Männer der Oper kaum vom Anblick von Lulus Beinen losreißen können, das versteht man sofort. Sängerin und Regisseur sind aber klug genug, diese Reize sehr subtil, fast zurückhaltend einzusetzen.


Szenenfoto ... bevor Dr. Schön von Lulu persönlich ins Jenseits befördert wird, den Revover hat sie hier bereits ...

Überhaupt gibt sich die Inszenierung, von den Beinen der Lulu einmal abgesehen, unspektakulär - in dem Sinne, dass sie weitgehend auf die großen Effekte ebenso verzichtet wie auf eine wie auch immer geartete Milieuzeichnung. Der Zirkusdirektor (der später als Schigolch selbst an dem grausigen Spiel teilnimmt) eröffnet lakonisch das Spektakel auf einer recht spartanischen, an eine Manege erinnernden runden Einheitsspielfläche, in deren Mitte als wesentliches und fast einziges Requisit eine Art Liege steht. Auch in der Personenführung ist die Inszenierung sparsam, verweigert die großen Gefühle, erzählt die Geschichte nüchtern und lapidar.


Szenenfoto ... Alwa lebt ein wenig länger, bevor ihn der Neger abmurkst ...

Lehnhoff betont die symmetrische Architektur der Oper, die sich nur in der von Friedrich Cerha vervollständigten dreiaktigen Fassung ergibt und die folglich in Düsseldorf gespielt wird. Der Tod des Dr. Schön ist der Scheitelpunkt, auch optisch klar herausgehoben - von nun an deuten diskrete Zeichen der Zerstörung auf das nahende Ende hin. Die Ermordung Lulus bleibt unsichtbar, man hört nur die Schreie, Alwa und die Geschwitz werden wie nebenbei, quasi emotionslos, erstochen. Über dem Schlussbild liegt grausiger Zynismus.


Szenenfoto ... ach ja, und dann ist Lulu selbst dran, Opfer von "Jack the Ripper" ...

Richard Salter spielt den "Gewaltmenschen" Dr. Schön als zerrissene Gestalt, deren Existenz psychisch von Lulu zerstört wird, seine Ermordung ist nur noch Ausdruck der vorangegangenen seelischen "Hinrichtung". Die "harten" Seiten der Figur gehen dabei ein wenig zu sehr verloren. Pär Lindskog hatte am Premierenabend seine Stimme verloren und konnte den Alwa nur spielen, vom Bühnenrand sang sehr beeindruckend Richard Decker - trotzdem fiel die räumliche Distanz zwischen Sänger und Schauspieler störender auf als an anderen Opernabenden, wo sich derartige Notlösungen einigermaßen bewährt haben. Anja Silja schließlich ist eine großartige Gräfin Geschwitz, mit vornehmer Zurückhaltung an Lulu leidend, bis sie im Schlussbild völlig zerstört ist. Auch wenn das Vibrato etwas leiert, hat die Stimme immer noch etwas jugendlich Frisches und in der Interpretation enorme Intensität.


Szenenfoto ... der anschließend auch noch der Gräfin Geschwitz (hier noch mit Dr. Schön, dem alter ego des Mörders) den Garaus macht.

Kleine Abstriche gibt es im orchestralen Bereich. John Fiore am Pult der Düsseldorfer Symphoniker kann zwar immer wieder auftrumpfen, aber in romantischer Verklärung schwelgende Phrasen stehen in Widerspruch zu scharfen Modernismen, ohne dass sich die Sphären schlüssig verbinden. Fiore kann zwar unterschwellige Spannung aufbauen, keine Frage, aber seine Interpretation wirkt oft ziellos, unschlüssig schwankend. Ein wenig von der Strenge der Inszenierung wäre auch dem Orchesterklang gut bekommen.


FAZIT
Die Betroffenheit nach der sachlichen, aber sehr konzentrierten Inszenierung spiegelte sich im fast verhaltenen Schlussapplaus wieder: Starker Saisonstart der Deutschen Oper am Rhein!



Ihre Meinung ?
Schreiben Sie uns einen Leserbrief

Produktionsteam

Musikalische Leitung
John Fiore

Inszenierung
Nikolaus Lehnhoff

Bühne und Kostüme
Tobias Hoheisel

Bühnenmusik
Roland Böer


Statisterie der
Deutschen Oper am Rhein

Die Düsseldorfer Symphoniker


Solisten

Lulu
Alexandra von der Weth

Gräfin Geschwitz
Anja Silja

Garderobiere/
Gymnasiast/
Groom
Annette Seiltgen

Medizinalrat/
Professor
E. Lee Davis

Maler/Neger
Bruce Rankin

Dr. Schön/
Jack the Ripper
Richard Salter

Alwa
Pär Lindskog spielt,
Richard Decker singt
(wegen Erkrankung von P. Lindskog)

Tierbändiger/
Schigolch
Hermann Becht

Athlet
Peter Nikolaus Kante

Prinz/Kammerdiener/
Marquis
Robert Wörle

Theaterdirektor/
Bankier
Ilkka Vihavainen

Eine Fünfzehnjährige
Heidi Wolf

Ihre Mutter
Cornelia Bergere

Kunstgewerblerin
Taru Sippola

Journalist
Daniel Fiolka

Ein Diener
Thorsten Grümbel

Polieikommisar
Sebastian Ritschel


Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Deutschen Oper am Rhein
Düsseldorf / Duisburg

(Homepage)




Da capo al Fine

Zur Homepage Zur Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum

© 2000 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de

- Fine -