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Musiktheater
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Tosca
Oper in drei Akten
Dichtung nach dem Drama von Victorien Sardou
von Luigi Illica und Giuseppe Giacosa
Musik von Giacomo Puccini

In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h (keine Pause!)

Premiere an der Oper der Bundesstadt Bonn
am 1.Oktober 2000

Homepage der Oper der Stadt Bonn
(Homepage)



Von Ralf Jochen Ehresmann / Fotos von Thilo Beu



Die Bonner Neuinszenierung führt mit ihrer soliden Arbeit an die Schwächen eines Stückes heran, dessen Thematik durchaus für Gegenwartsbezüge angetan wäre. Indem Stein Winge den Operncharakter der Tableaus voll ausweidet, veranstaltet er Theater für die Augen. Dabei mischen sich einige sehr schöne Einfälle mit eher durchschnittlichen Passagen zu einer stimmigen Melange von grundsolidem Stadttheater.

Szenenfoto

Im Kirchraum der 1.Szene voller Einzelstühle werkelt Mario auf einem Malwagen mit pneumatischer Hebebühne; sein Opus ist nicht erkennbar, da es offenbar an jener hellen Holzwand montiert ist, die von der Bühnendecke herabhängt und sich späterhin als Teil jener Zimmerbegrenzung erweist, die im 2. Aufzug Scarpias Büro umschließt. Als dessen Schergen auf der Suche nach dem entschwundenen Angelotti die Kirche erreichen, sind ihre Uniformen keiner bekannten geschichtlichen Vorlage nachempfunden, wie auch das zur Siegesfeier prozessierende Volk aus eher schlichten Mädchen vom Lande einerseits und einer Mischung von üppig ausstaffiertem Klerus mit Internatskindern besteht.

Szenenfoto

Scarpia präsentiert sich im 2.Aufzug als ein brutaler Fiesling, der aber als dramatische Gestalt nicht dadurch gewinnt, dass er so eindimensional operiert und am Ende nur daran scheitert, den Passierschein bereits vor Konsum der erpressten Dienstleistung ausgefertigt zu haben. Tosca gewinnt durch ergriffene Gelassenheit quasi heroinenhafte Größe, wobei aber offen bleibt, in wieweit ihre Bluttat eher spontan oder als Resultat langer Vorplanung zustande kam. Immerhin ist Scarpia der Regent, für dessen Feierlichkeiten sie das Tedeum singen wollte. Die Folterrufe von nebenan oder der Anblick des Foltermeisters vom Typ "Metzger" erschüttern sie weniger, als man hätte vermuten mögen nach der Vehemenz, mit der sie sich ihrem geliebten Maler in der Kirche des 1.Aktes recht offensiv in eindeutiger Absicht nähert, während ihn ihre ahnungsvolle Eifersucht verfolgt und sie ihm wenig später die ganze Staffelei daherschleudert. Soviel Temperament mag auch die Irrationalität erklären, nach erfolgreichem Tyrannenmord nicht wacker den Gefangenen vor der angeblichen Scheinhinrichtung wegzuholen und schleunigst das Land zu verlassen, geradeso als ob in all der Zwischenzeit niemand die Leiche entdecken und eine Fahndung einleiten könne... Bei soviel Vertrauen zu den erkannterweise falschen Freunden bleibt wohl nur der Selbstmord als einzig zulässige Konsequenz. Eine überflüssige Selbstopferung, deren Vergeblichkeit allerdings prima passt zu dem Verzicht, dem Konflikt mit dem Diktator irgendeine politisch-inhaltliche Note zu verleihen und ihn damit auf einen leeren Kontrast des Böslings und der Schäfchen zu reduzieren.

Szenenfoto

Als szenenverbindendes Element bleibt außer besagter hellen Wand auch ein Madonnenaltar des Kircheninventars, dessen Verbleib aber nicht wirklich motiviert wird, da er nicht wieder verwendet wird. Die Gegenwart hält Einzug in Form eines Feuerzeuges, einer San Pellegrino Flasche und einer Gegensprechanlage, mittels derer Scarpia Cavaradossis Schreie in das Vernehmungszimmer holt, um Tosca unter Druck zu setzen, die - wohl als Präparation der abendlichen Feier - im vollen Divenornat erscheint. Fast unglaubhaft ihre tränenfreie Stärke, und wenn sie einmal doch zusammenbricht und des Himmels Erklärung ihrer Leiden erfleht, quittiert das Publikum dies mit Applaus. Zu beginn der "Vergewaltigung mit Zustimmung" wird Scarpia fast sentimental, wenn er wie zu einem candle-light-dinner einige Kerzen entzündet, reichlich Rotwein ausschenkt und auch nicht vergisst, den Telefonhörer neben die Gabel zu legen. Mit dieser Kerze nebst einem Kreuze dekoriert Tosca seine Leiche, aus deren Händen sie den Passierschein zieht, wobei sie die Erstechung vielleicht noch mal üben sollte.

Szenenfoto

Auch die Verwandlung zum 3.Akt findet wieder offen statt und verwendet dieselben Kulissen, wobei diesmal die linke Wand zugeklappt wird und von Scarpias Büro nur die Kerze zu seinem Haupte bleibt. Die humorigste Szene bringt den Auftritt eines Junghirten mit lebendigen Schafen, die auch brav blöken. Ein junges Lämmlein im Schoße ergibt sich ein Bild gesteigerter Unbedarftheit, Toscas Seelenzustand spiegelnd und zugleich ein immenser Kontrast zu ihrer soeben vollbrachten Aktion. Nach dieser hübschen aber ansonsten zusammenhanglosen Einlage darf Mario sich seinen Kummer von der Seele singen und in Erinnerung an bessere Zeiten schwelgen. Nach Toscas Eintreffen setzen sie dies gemeinsam fort und wachen erst wieder auf, als das Erschießungskommando erscheint, das auch den Wächter an sein Amt erinnert, welches dieser, seinen Bestechungsring anstierend, ganz vergessen hatte. Die Inszenierung changiert zwischen bewusster Reduktion der Mittel im Bühnenbild oder im weitgehenden Verzicht auf verändernde Frisierung und dadurch sehr weitgehender Bewahrung der natürlichen Person. Gleichwohl bleiben einige Ideen uneingelöst oder zumindest nicht folgerichtig fortgesetzt.

Die Solisten singen durchweg gut und pleitenfrei wenngleich auch ohne übermäßigen Hochglanz, was bestens korrespondiert zu dem spürbaren Bemühen, natürliche Menschen und nicht Archetypen zu präsentieren.. Der Chor erreicht aufgrund der üppigen Besetzung gewaltige Stimmkraft, und gerade die Streicher verleihen dem Orchesterklang stellenweise bezaubernden Charme. Der anfangs etwas deutschlastige Akzent der Protagonisten verliert sich im Verlauf der Aufführung immer mehr, doch bei den Übertiteln hätte man sich etwas mehr Ausführlichkeit gewünscht. Die Aufführung wird in rd. 2 Stunden pausenfrei durchgespielt. Das Heft enthält auf fast 100 Seiten neben einem längeren Originalbeitrag umfangreiches Bildmaterial sowie das gesamte Libretto



FAZIT
Solide.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Alexander Drcar

Inszenierung
Stein Winge

Bühne
Johannes Schütz

Kostüme
Sabine Böeing

Choreinstudierung
Sibylle Wagner


Solisten

Floria Tosca
Clarry Bartha

Mario Cavaradossi
Viktor Afanasenko

Baron Scarpia
Philippe Rouillon

Cesare Angelotti
Taras Konoshchenko

Der Mesner
Andrzej Saciuk

Spoletta
Axel Mendrok

Sciarrone
Pieris Zarmas

Ein Schließer
Johannes Flögl

Ein Hirt
Maja Overmann



Chor, Extrachor und
Kinderchor der Oper
der Bundesstadt Bonn

Orchester der
Beethovenhalle Bonn

Statisterie der Oper
der Bundesstadt Bonn

Schafe der Schäferei
Theo Burbach


Weitere Informationen
Oper der Stadt Bonn (Homepage)



Da capo al Fine

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