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Kleine musikalische Lektion in großer Literatur
Warum nur ausgerechnet Effi Briest? "Wenn ich Stoffe suche, komme ich immer auf die gleichen Geschichten, nämlich Scheitern, Liebe und Tod" antwortet Helmut Oehring, männliche Hälfte des Komponistendoppels, das mit der Erstellung der jüngsten Produktion der Reihe Bonn Chance! beauftragt war. Da liegt Fontanes Roman natürlich nahe, und die damit verbundenen Gefahren auch: Kaum eine Figur steht in der deutschen Literatur so exponiert da wie die arme ehebrecherische Effi, und ihr literarischer Schatten droht jede musikalische Annäherung zu verschlingen. Wie soll sich ein Komponist, selbst wenn er als Team sozusagen mit Verstärkung auftritt, dagegen behaupten? Iris ter Schiphorst und Helmut Oehring haben keine Oper geschrieben, sondern ein "musiktheatralisches Psychogramm". Es gibt keine feste Rollenzuordnung zwischen Darstellern und den Figuren des Romans, es gibt in der Musik auch keine Dramaturgie im operntraditionellen Sinne: Keine Arien oder Ensembles, in denen eine Handlung wirklich vorangetrieben würde. Vielmehr brechen ter Schiphorst und Oehring den Text auf, greifen einzelne Momente heraus und bilden die psychologische Situation der Titelfigur ab. Oft ist es einem Darsteller meist Ingrid Caven überlassen, Auszüge aus Fontanes Roman zu sprechen, die den inhaltlichen Rahmen andeuten; das dramatische Prinzip ist aufgehoben zu Gunsten einer Gleichzeitigkeit der Aktionen.
Oft verkörpern alle drei Darstellerinnen parallel zueinander Facetten von Effis Wesen, aber die Zuordnung ist schwebend und wechselt, wenn durch die Textpassagen andere Personen verlangt werden. Eine eigentliche äußere Handlung wird aber nur sehr vage angedeutet. Auf diese Weise wird der Roman zu Blitzlicht-artigen Momenten verdichtet. In ihrer linearen Reihung geben diese dann in recht konventioneller Manier den Inhalt des Romans wieder, und zwar durchaus detailliert. Ter Schiphorst und Oehring gebrauchen den Text nicht als "Material", dessen sie sich nach Gutdünken bedienen, sie strukturieren auch nicht neu (wie etwa Peter Eötvös dies in Drei Schwestern nach Tschechow, zuletzt in Düsseldorf zu sehen, getan hat), sondern sie ordnen brav in braver Werktreue gegenüber Fontane alles an seinen alten Platz zurück.
Die Musik besteht überwiegend aus ruhigen Klangflächen, die extrem langsamen Veränderungen unterworfen sind. Oft bilden ostinate Motive die Basis, zu Ausbrüchen kommt es nur vereinzelt. Damit folgt die Musik dem gelassenen Erzählrhythmus des Romans. Verfremdend kommen gelegentlich Elemente des Chansons dazu, die sich aber nicht recht einfügen wollen. Hier liegt ein großes Problem des Abends: Mit der Chansonnière Ingrid Caven, der Sängerin und Schauspielerin Salome Kammer, dem Sopran(!) Arno Raunig und der Gebärdensolistin Christina Schönfeld stehen vier Künstler zur Verfügung, deren sehr unterschiedlichen Fähigkeiten offenbar irgendwie eingesetzt werden sollten nur die künstlerische Notwendigkeit wird kaum einmal deutlich.
Eötvös hat seine Drei Schwestern ursprünglich von Counter-Tenören singen lassen (was in der Düsseldorfer Aufführung leider nicht realisiert wurde), um das Stück der realistischen Ebene zu entheben. Ähnliches mögen auch die Komponisten der Effi Briest im Sinn gehabt haben, nur hat der Part von Arno Raunig nicht das ausreichende Gewicht, um diesen Kunstgriff wirklich zu legitimieren: Um bei Bedarf einen männlichen Darsteller auf die Bühne zu zaubern braucht man nicht unbedingt einen männlichen Sopran. Und Ingrid Caven kann zwar ganz ausgezeichnet Chansons singen, aber wozu? Es ist reizvoll, die Effi wie hier geschehen als starke Frau und nicht nur als Opfer zu zeigen, aber die Aufführung riecht viel zu sehr nach märkischem Sand, als dass man ihr das unvermittelt eingestreute Pariser Flair abnehmen würde. Schaut her, außer diesem Fontane-Zeug kann ich auch noch was anderes, scheint Ingrid Caven bei ihren Einlagen sagen zu wollen. Will sie natürlich nicht, aber die Konzeption des Stückes vermittelt ungewollt diesen Eindruck.
Eklatant wird das Missverhältnis zwischen künstlerischen Mitteln und künstlerischen Zielen im Einsatz der Gebärdensolistin Christina Schönfeld. Iris ter Schiphorst hat bereits mit der gehörlosen Künstlerin zusammen gearbeitet, und für Helmut Oehring (der als Kind gehörloser Eltern die Gebärdensprache als Muttersprache erlernt hat) ist ein solches Projekt schon aus persönlichen Gründen interessant, aber im Zusammenhang des Stückes wirkt das aufgesetzt, nicht mehr als eine schicke Idee. Die Gehörlosigkeit wird nicht ausreichend thematisiert, um in der gegebenen Konstellation wirklich wichtig zu sein. So lässt die Inszenierung Christina Schönfeld oft aussehen wie eine schlechte Tänzerin.
In einzelnen Szenen fängt die Komposition die Stimmung des Romans in sehr konzentrierter Form ein. Indem sie die Vorlage verdichtet, kann sie sich durchaus gegen sie behaupten dann ist sie mehr als nur stimmungsvoller Background, ist zumal die Musiker der musikFabrik NRW unter der Leitung von Wolfgang Ott ganz hervorragend spielen. Die Reihung vieler sehr kurzer Szenen allerdings krankt am Willen zur Vollständigkeit: Hier muss partout der komplette Roman durchexerziert werden. So wird's dann doch die musikalisch untermalte Inhaltsangabe für Lesefaule. Spätestens mit den geradezu ehrfurchtsvoll rezitierten berühmten Schlusszeilen "Das ist ein zu weites Feld" erschlägt der große Fontane seine Epigonen.
Die Inszenierung von Ulrike Ottinger unterstreicht diesen Zug noch: Mit Effis Schaukel in dreifacher Ausfertigung (klar, es gibt ja auch drei Effis) wird der Romanvorlage gehuldigt, und mit der Projektion von verblichenen Landschaftsfotografien und impressionistischen Gemälden (die passen zu Fontane) sowie dem einen oder anderen Bild von Edvard Munch (die passen nicht) soll so etwas wie die Stimmung der Fontane- und Briest-Zeit vermittelt werden. Vom Zuschauerrang aus sieht's aus wie die Diastunde fürs Bildungsbürgertum: Multimedialer Literaturunterricht mit Musik.
Die unendlich traurige Story und die Qualität der Musik, die oft einfach "schön" sein will (sich deshalb aber keineswegs in überkommene Dur-Moll-Sphären zurückzieht), tragen gut über die zwei Stunden Aufführungsdauer hinweg. In vielen Details beeindruckend, in der Summe ermüdend: Der Fontane, der hat schon ein tolles Buch geschrieben, denkt man zuletzt. Hat er, aber Iris ter Schiphorst und Helmut Oehring haben eine tolle Musik dagegen gesetzt beinahe. Zuletzt sind sie dann, voller Ehrfurcht, doch am Sujet gescheitert. Warum, bleibt die Frage, warum nur ausgerechnet Effi Briest? |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung und Bühne
Kostüme
SolistenStimmeIngrid Caven
Vokal
Sopran
Gebärdensolistin
Sprecher
Alexander Gayk
Akkordeon
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- Fine -