Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musiktheater
Zur Homepage Zur Musiktheater-Startseite E-mail Impressum



Effi Briest

Musiktheatralisches Psychogramm in vier Akten
nach Theodor Fontane
Musik von Iris ter Schiphorst und Helmut Oehring

Uraufführung am 9.März 2001 in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland

Auftragswerk des Theaters der Bundesstadt Bonn
in der Reihe Bonn Chance! Experimentelles Musiktheater
Eine Koproduktion der Oper Bonn mit der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland

Aufführungsdauer: 2 Stunden (keine Pause)


Logo:  Bonn Chance!

Logo: Oper Bonn

Oper Bonn
(Homepage)

Kleine musikalische Lektion in großer Literatur


Von Stefan Schmöe / Fotos von Thilo Beu


Warum nur ausgerechnet Effi Briest? "Wenn ich Stoffe suche, komme ich immer auf die gleichen Geschichten, nämlich Scheitern, Liebe und Tod" antwortet Helmut Oehring, männliche Hälfte des Komponistendoppels, das mit der Erstellung der jüngsten Produktion der Reihe Bonn Chance! beauftragt war. Da liegt Fontanes Roman natürlich nahe, und die damit verbundenen Gefahren auch: Kaum eine Figur steht in der deutschen Literatur so exponiert da wie die arme ehebrecherische Effi, und ihr literarischer Schatten droht jede musikalische Annäherung zu verschlingen. Wie soll sich ein Komponist, selbst wenn er als Team sozusagen mit Verstärkung auftritt, dagegen behaupten?

Szenenfoto Effi dreifach in der Schaukel (von links: Ingrid Caven, Christina Schönfeld, Salome Kammer)

Iris ter Schiphorst und Helmut Oehring haben keine Oper geschrieben, sondern ein "musiktheatralisches Psychogramm". Es gibt keine feste Rollenzuordnung zwischen Darstellern und den Figuren des Romans, es gibt in der Musik auch keine Dramaturgie im operntraditionellen Sinne: Keine Arien oder Ensembles, in denen eine Handlung wirklich vorangetrieben würde. Vielmehr brechen ter Schiphorst und Oehring den Text auf, greifen einzelne Momente heraus und bilden die psychologische Situation der Titelfigur ab. Oft ist es einem Darsteller – meist Ingrid Caven – überlassen, Auszüge aus Fontanes Roman zu sprechen, die den inhaltlichen Rahmen andeuten; das dramatische Prinzip ist aufgehoben zu Gunsten einer Gleichzeitigkeit der Aktionen.

Oft verkörpern alle drei Darstellerinnen parallel zueinander Facetten von Effis Wesen, aber die Zuordnung ist schwebend und wechselt, wenn durch die Textpassagen andere Personen verlangt werden. Eine eigentliche äußere Handlung wird aber nur sehr vage angedeutet. Auf diese Weise wird der Roman zu Blitzlicht-artigen Momenten verdichtet. In ihrer linearen Reihung geben diese dann in recht konventioneller Manier den Inhalt des Romans wieder, und zwar durchaus detailliert. Ter Schiphorst und Oehring gebrauchen den Text nicht als "Material", dessen sie sich nach Gutdünken bedienen, sie strukturieren auch nicht neu (wie etwa Peter Eötvös dies in Drei Schwestern nach Tschechow, zuletzt in Düsseldorf zu sehen, getan hat), sondern sie ordnen brav in braver Werktreue gegenüber Fontane alles an seinen alten Platz zurück.

Szenenfoto Zwei Sphären, rot und blau, durchkreuzen sich - soll das etwa die weibliche und die männliche Sphäre sein? Egal, für die Auführung hat's weiter keine erkennbare Bedeutung, aber die Musiker passen sich farblich einschließlich Schminke und Perücke der jeweiligen Podestfarbe an.

Die Musik besteht überwiegend aus ruhigen Klangflächen, die extrem langsamen Veränderungen unterworfen sind. Oft bilden ostinate Motive die Basis, zu Ausbrüchen kommt es nur vereinzelt. Damit folgt die Musik dem gelassenen Erzählrhythmus des Romans. Verfremdend kommen gelegentlich Elemente des Chansons dazu, die sich aber nicht recht einfügen wollen. Hier liegt ein großes Problem des Abends: Mit der Chansonnière Ingrid Caven, der Sängerin und Schauspielerin Salome Kammer, dem Sopran(!) Arno Raunig und der Gebärdensolistin Christina Schönfeld stehen vier Künstler zur Verfügung, deren sehr unterschiedlichen Fähigkeiten offenbar irgendwie eingesetzt werden sollten – nur die künstlerische Notwendigkeit wird kaum einmal deutlich.

Eötvös hat seine Drei Schwestern ursprünglich von Counter-Tenören singen lassen (was in der Düsseldorfer Aufführung leider nicht realisiert wurde), um das Stück der realistischen Ebene zu entheben. Ähnliches mögen auch die Komponisten der Effi Briest im Sinn gehabt haben, nur hat der Part von Arno Raunig nicht das ausreichende Gewicht, um diesen Kunstgriff wirklich zu legitimieren: Um bei Bedarf einen männlichen Darsteller auf die Bühne zu zaubern braucht man nicht unbedingt einen männlichen Sopran. Und Ingrid Caven kann zwar ganz ausgezeichnet Chansons singen, aber wozu? Es ist reizvoll, die Effi – wie hier geschehen – als starke Frau und nicht nur als Opfer zu zeigen, aber die Aufführung riecht viel zu sehr nach märkischem Sand, als dass man ihr das unvermittelt eingestreute Pariser Flair abnehmen würde. Schaut her, außer diesem Fontane-Zeug kann ich auch noch was anderes, scheint Ingrid Caven bei ihren Einlagen sagen zu wollen. Will sie natürlich nicht, aber die Konzeption des Stückes vermittelt ungewollt diesen Eindruck.

Szenenfoto Wie die Bilder täuschen: Nicht Ingrid Caven (stehend), sondern Christina Schönfeld (liegend) ist die Gebärdensolistin

Eklatant wird das Missverhältnis zwischen künstlerischen Mitteln und künstlerischen Zielen im Einsatz der Gebärdensolistin Christina Schönfeld. Iris ter Schiphorst hat bereits mit der gehörlosen Künstlerin zusammen gearbeitet, und für Helmut Oehring (der als Kind gehörloser Eltern die Gebärdensprache als Muttersprache erlernt hat) ist ein solches Projekt schon aus persönlichen Gründen interessant, aber im Zusammenhang des Stückes wirkt das aufgesetzt, nicht mehr als eine schicke Idee. Die Gehörlosigkeit wird nicht ausreichend thematisiert, um in der gegebenen Konstellation wirklich wichtig zu sein. So lässt die Inszenierung Christina Schönfeld oft aussehen wie eine schlechte Tänzerin.

In einzelnen Szenen fängt die Komposition die Stimmung des Romans in sehr konzentrierter Form ein. Indem sie die Vorlage verdichtet, kann sie sich durchaus gegen sie behaupten – dann ist sie mehr als nur stimmungsvoller Background, ist zumal die Musiker der musikFabrik NRW unter der Leitung von Wolfgang Ott ganz hervorragend spielen. Die Reihung vieler sehr kurzer Szenen allerdings krankt am Willen zur Vollständigkeit: Hier muss partout der komplette Roman durchexerziert werden. So wird's dann doch die musikalisch untermalte Inhaltsangabe für Lesefaule. Spätestens mit den geradezu ehrfurchtsvoll rezitierten berühmten Schlusszeilen "Das ist ein zu weites Feld" erschlägt der große Fontane seine Epigonen.

Szenenfoto Effi tot, Schaukel am Boden, die Eltern (Arno Raunig, Salome Kammer) betroffen

Die Inszenierung von Ulrike Ottinger unterstreicht diesen Zug noch: Mit Effis Schaukel in dreifacher Ausfertigung (klar, es gibt ja auch drei Effis) wird der Romanvorlage gehuldigt, und mit der Projektion von verblichenen Landschaftsfotografien und impressionistischen Gemälden (die passen zu Fontane) sowie dem einen oder anderen Bild von Edvard Munch (die passen nicht) soll so etwas wie die Stimmung der Fontane- und Briest-Zeit vermittelt werden. Vom Zuschauerrang aus sieht's aus wie die Diastunde fürs Bildungsbürgertum: Multimedialer Literaturunterricht mit Musik.

Die unendlich traurige Story und die Qualität der Musik, die oft einfach "schön" sein will (sich deshalb aber keineswegs in überkommene Dur-Moll-Sphären zurückzieht), tragen gut über die zwei Stunden Aufführungsdauer hinweg. In vielen Details beeindruckend, in der Summe ermüdend: Der Fontane, der hat schon ein tolles Buch geschrieben, denkt man zuletzt. Hat er, aber Iris ter Schiphorst und Helmut Oehring haben eine tolle Musik dagegen gesetzt – beinahe. Zuletzt sind sie dann, voller Ehrfurcht, doch am Sujet gescheitert. Warum, bleibt die Frage, warum nur ausgerechnet Effi Briest?


FAZIT

Alles Fontane oder was? Schöne Musik, ausgezeichnet dargeboten, dazu vier hochrangige Künstler (deren Funktion freilich offen bleibt) - und doch bleibt nicht die musiktheatralische Handlung, sondern die Romanvorlage im Gedächtnis haften. Man hätte den Künstlern mehr Mut zur Bilderstürmerei gewünscht.




Ihre Meinung?
Schreiben Sie uns einen Leserbrief

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Wolfgang Ott

Inszenierung und Bühne
Ulrike Ottinger

Kostüme
Gisela Storch-Pestalozza



Ensemble musikFabrik NRW
Statisterie der Oper Bonn



Solisten

Stimme
Ingrid Caven

Vokal
Salome Kammer

Sopran
Arno Raunig

Gebärdensolistin
Christina Schönfeld

Sprecher
Christopher Sprenger
Alexander Gayk

Akkordeon
Gerhard Giel






Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Oper Bonn
(Homepage)




Da capo al Fine

Zur Homepage Zur Musiktheater-Startseite E-mail Impressum

©2001 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de

- Fine -