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Der Freischütz

Romantische Oper in drei Akten
Musik von Carl Maria von Weber
Dichtung von Johann Friedrich Kind

Premiere am 28. Januar 2001


Logo: Oper Bonn

Oper Bonn
(Homepage)

Traurige Zeiten für den Teufel



Von Silvia Adler / Fotos von Thilo Beul



Süchtig nach Märchen - sei er stets gewesen, behauptet Regisseur András Fricsay im Bonner Opernmagazin von sich selbst. Gleich vorab haben wir es Schwarz auf Weiß: Eine radikale Entzauberung von Webers Freischütz - dem Inbegriff der romantischen Volksoper - sei von seiner Inszenierung mit Sicherheit nicht zu erwarten. Im Gegenteil: Vom ersten Augenblick an habe ihn die atmosphärisch dichte Vertonung des romantischen Sagen-Stoffes fasziniert und seine Phantasie beflügelt: "Ich hörte vor allem einen wunderbaren, geheimnisvollen, üppigen Wald. Einen Wald, den es so nicht mehr gibt, vielleicht nie gegeben hat. Der aber in meiner Phantasie realistisch wuchs. Ich wusste genau, wie unterschiedlich er roch, und dass in seinen unendlichen Grünfacetten Trolle, Feen und unbekannte, auch gefährliche Geister, Menschen, auch mich, in ihren Bann zogen."

Foto: Bonn: Der Freischütz Anja Harteros als Agathe und Gisela Stille als
Ännchen vor großem Bühnenprospekt.

Bei so viel Enthusiasmus für die waldselige deutsche Romantik hätte man fast befürchten müssen, Fricsays Inszenierung würde die Bonner Opernbühne kurzerhand in ein klingendes Gemälde von Carl Spitzweg oder Caspar David Friedrich verwandeln. Zunächst sah es fast danach aus: Auf dem Vorhang erschien während der unter Anton Zapf eindruckvoll gestalteten Ouvertüre Spitzwegs Liebespaar im Walde. Anfangs nur schemenhaft erkennbar - dank der raffinierten Lichtregie im Halbdunkel fast expressionistisch anmutend - gewann das Bild immer mehr an Detailschärfe und entführte den Zuschauer wie auf einer Zeitreise durch die Epochen in die verwunschene Welt der Romantik.

Alles nur Koketterie? Jedenfalls hätte das, was hinter dem Vorhang schließlich in Erscheinung trat, kaum einen größeren Widerspruch zur stimmungsvollen Bilderwelt der Romantik bilden können. Leuchtend fügen sich im Bühnenbild von Johannes Leiacker rote und grüne Geraden zu einem mathematischen Koordinatensystem, in dem sich die realistisch gehaltene - wenn auch gekonnt persiflierte - Handlung vollzieht wie in einer Computeranimation.

Foto: Bonn: Der Freischütz Anja Harteros als Agathe
und die Brautjungfern (Jugendchor).

Ganz und gar kein beschaulicher Ort ist der Platz vor der Waldschenke, wo die parodistisch ausstaffierte Bauernschaft unter einem grell gestreiften, überdimensionierten Maibaum dem Meisterschützen huldigt. Mit feinem Gespür für das richtige Maß karikiert Fricsay die gemeinen Auswüchse der spießigen Zusammenkunft. Dabei geht es dem Regisseur weniger um eine vordergründige Persiflage von Jägerchor und Jungfernreigen, als darum, das zur Parodie einladende Stück so umzusetzen, dass einem das Lachen im Halse stecken bleibt. So herzhaft man über die grotesken Auftritte des Opernchores und die modern abgefassten, witzigen Dialoge auch lachen kann - die ernsthaften inneren Konflikte der Protagonisten werden darüber zu keinem Augenblick vernachlässigt.

Foto: Bonn: Der Freischütz Franz-Josef Kapellmann als Kaspar.

Dass es bei aller Komik gelingt, das Stück ernst zu nehmen und dem Zuschauer die hilflose Zerrissenheit des gutgläubigen Max, die inneren Abgründe des betrügerischen Kasper sowie Agathes angstvolle Stunden am Tag vor der Hochzeit eindringlich und mit großer Glaubhaftigkeit zu vermitteln, verdankt die Inszenierung nicht zuletzt dem hervorragenden Sängerensemble. Vor allem Anja Harteros als Agathe beeindruckt mit ausdruckvollem Piano und zarten emotionalen Zwischentönen. Erfrischend burschikos - mit sprühendem Charme und müheloser Stimmgebung gestaltet Gisela Stille die Partie des Ännchen. Auch Franz-Josef Kapellmann - mit seinem volltönenden - auch in höheren Lagen frei und unangestrengt klingenden Bass - verkörpert den zwiespältigen Charakter des Kaspar mit großer darstellerischer Intensität. Hingegen bleibt Louis Gentile als Max - trotz einer souveränen stimmlichen Leistung - leider etwas blass.

Bei allem Lob für die Sänger und die ausgezeichnete Personenregie: Eines bleibt die Inszenierung - entgegen aller vorab geschürter Erwartungen - dennoch schuldig: ausgerechnet die romantische Vision vom Spiel dämonischer Mächte, die bedrohliche Dimension des Übernatürlichen, wird dem Zuschauer hartnäckig verweigert.

Foto: Bonn: Der Freischütz Georg Zeppenfeld als Eremit, Franz-Josef Kapellmann als
Kaspar, Louis Gentile als Max, Chor, Extra- und Jugendchor.

Als solle der Schauerromantik endgültig der Garaus gemacht werden, verzichtet der Regisseur zu Beginn der Wolfsschluchtszene bewusst auf eine Verwandlung der Bühne und lässt den unheimlichen Höhepunkt der Oper kurzerhand - ohne zusätzlichen Stimmungszauber - in der Vorhalle des Forsthauses stattfinden. Nicht genug damit, dass in dieser Wolfsschlucht wohl niemand das Fürchten lernt - auch der Teufel hat es in Fricsays Inszenierung wirklich nicht leicht: Mit seiner mikrophonverzerrten Jahrmarktstimme eher grotesk als bedrohlich - taugt der Leibhaftige allenfalls als Karikatur.

Etwas Theaterdonner, sich in bizarren Verrenkungen windende Dämonen, ein aufdringlicher, grotesk ausstaffierter Teufel: Gewollt oder ungewollt - besonders unheimlich wirkt dies alles nicht. Um die beklemmend realen - hinter Höllenspuk und dämonisierter Landschaft verborgenen - Angstvisionen der Protagonisten wirklich deutlich werden zu lassen, hätte es einer anderen, eindringlicheren Bildersprache bedurft. Seltsam unvollständig wirkt Webers Oper ohne die bedrohliche Sphäre des Irrationalen. So bleibt am Ende der mit viel Beifall bedachten Aufführung das Gefühl, zwar eine mitreißende Inszenierung erlebt - den Freischütz aber doch nur zur Hälfte zu Gesicht bekommen zu haben.


FAZIT
Sehenswerte Aufführung in provokanter Inszenierung mit hervorragendem Sänger- Ensemble.




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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Anton Zapf

Regie
András Fricsay

Bühne
Johannes Leiacker

Kostüme
Gabriela Oehmchen

Choreographie
Toni Abbattista

Choreinstudierung
Marco Zeiser Celesti

Einstudierung des Jugendchors
Karoline Philippi

Licht
Thomas Roscher

Dramaturgie
Rainald Endraß



Chor, Extra- und Jugendchor
der Oper der Bundesstadt Bonn
Orchester der Beethovenhalle




Solisten

Ottokar
Reuben Willcox

Kuno
Carlos Krause

Agathe
Anja Harteros

Ännchen
Gisela Stille

Kaspar
Franz-Josef Kapellmann

Max
Louis Gentile

Ein Eremit
Georg Zeppenfeld

Kilian
Axel Mendrok

Samiel
Pascal Schneider

Mütter der Brautjungfern
Gisela Berg, Brigitte Jung,
Edeltraud Kahn, Jeannette Katzer,
Inken Lorenzen, Tiina Sabrio

Brautjungfern
Jugendchor der Oper Bonn

1. Jäger
Claus Raukamp

2. Jäger
Guido Scheer








Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Oper Bonn
(Homepage)




Da capo al Fine

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