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Veranstaltungen & Kritiken Musiktheater |
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Schule des SehensVon Heike Schumacher / Fotos von Frank Heller
Beat Furrers Musikdrama "Die Blinden", Auftragswerk der Wiener Staatsoper vor elf Jahren, ist musikalisch nicht so sperrig wie man beim Kompositionsdatum erwarten könnte. Nach einer kurzen Einhörzeit kann auch der Mozart-gewöhnte Zuhörer Genuss an den neuen Klängen finden. Etwas mehr gewöhnungsbedürftig ist die Handlungsarmut der Kurz-Oper (Spieldauer 65'). Hier wollte Esterhazy das Publikum nicht hilflos lassen und stellt so programmatisch jedem Opernabend eine Einführung voran. Dabei präsentiert Esterhazy ein Stück Schulmeisterei, das zwar hilfreiche Informationen liefert, aber in dieser trockenen Form mehr mit Schule als mit erlebtem Theater zu tun hat. Solchermaßen belehrt durfte das Aachener Publikum nach einer weihevollen Schweigeminute nun den Klängen überlassen werden.
Musiktheater im herkömmlichen Sinne von Aktion ist dies nicht. Es laufen zwei Handlungen, vielleicht wäre hier besser zu sagen: Eindrucksketten, parallel. Zum einen die Opernklänge Furrers, zum anderen eine Video-Installation, die der Regisseur Michael Simon gemeinsam mit dem Komponisten entwarf. Furrer nimmt ein Drama des belgischen Symbolisten Maurice Maeterlinck (1862-1949) in der deutschen Übertragung als Grundlage seines Librettos und ergänzt es durch Texte aus Hölderlins "Patmos" und "Der blinde Sänger" , Platons Höhlengleichnis im altgriechischen Original und A. Rimbauds "Nacht der Hölle" (in französischer Sprache). Blindsein, Blendung und Nicht-Sehen obwohl man eigentlich sehend ist, sind die Themen, um die die Klang-Text-Bild-Collagen kreisen. Der Handlungsrest läßt sich folgendermaßen beschreiben: 12 Blinde sind auf einer Insel, auf die sie durch einen Führer geführt wurden, und sie erleben, daß ihr Führer sich entfernt hat. Verunsichert und alleingelassen versuchen sie zu begreifen, was um sie herum vorgeht und werden von Erinnerungen überwältigt. Schließlich stellen sie fest, daß ihr Führer inmitten von ihnen tot liegt. Sie begreifen langsam die Ausweglosigkeit der Lage, vermeinen noch Schritte zu hören, die sie retten, bis ein Kind diese Schritte als das Nahen des Todes erkennt. Die stark verkürzten Dramenteile Maeterlincks läßt Furrer (Jahrgang 1954) als rhythmisierte, aber gesprochene Sprache bestehen. Darum herum webt er Klänge des Chores, die Platons Höhlengleichnis singen. An ausgewählten Stellen treten gegen den murmelnden, an buddhistische Mönche erinnernden Chor (nebst Gong) drei Sängerinnen auf, die die Texte Hölderlins und Rimbauds singen, in reicher Melodieführung und mit einem Minimum an Bewegung auf der Bühne. Dies ist besonders zu betonen, weil die Handlung ansonsten auf drei Video- Installationen verlegt wurde. Die 21 Choristen stehen an Pulten um das auf der Bühne gruppierte Orchester hinter einer halbtransparenten Wand, vor der Videobilder auf eine Leinwand und eine Fernseher projiziert werden. Furrer stellt sich mit dieser Konzeption der musikdramatischen Verweigerung in die Nachfolge Luigi Nonos. Parallel zur gesungenen Handlung der Oper läuft nun auf den Videobildern eine zweite Handlung ab: der Blick des Menschen auf Aachen und Aachener Gesichter, vom Aufwachen (Unscharfe Bilder über 10 Minuten hinweg, verfremdete Ansichten) über Blicke, schnelle Fahrten durch das nächtliche Aachen bis hin zu Portraits von Aachenern, zufällig aufgenommen, alltäglich oder teilweise in großen Video-Standbildern verfremdet. Auch hier hätte man den tiefen Sinn nicht erkannt, wäre nicht die beredte Einführung durch den Intendanten vorweg gegangen. Da die Video-Installation die Operntexte nicht erklärt oder begleitet, ist es ein interessanter Liederabend mit Bildern, die nur entfernt dazu in Bezug stehen. Beide Elemente setzen sich im informierten Betrachter zu diesem Eindruck des Sehenden-Blinden zusammen. Musikalisch ist die Zusammenarbeit zwischen den Aachener Musikern (15 Instrumentalisten und 21 Sängern) und dem Komponisten (er dirigiert die ersten 6 Vorstellungen) ein Genuss. Die Aachener zeigten sich der schwierigen Aufgabe gewachsen, und der hervorragend präparierte Chor konnte beweisen, dass er auch in der Sparte des neuen Musiktheaters besteht. Die Mischung aus Sprache und Rhythmik gelang hervorragend, die Sprache wurde als Musikinstrument gestaltet. Eigentlich schade, dass man die Choristen nur hinter dem Schleier wahrnahm, das Konzerterlebnis wäre noch genussvoller gewesen, wenn Chor und Orchester sichtbar gewesen wären, zumal dies die Video-Installation nicht gestört hätte. Doch auch diese verschwommene Wahrnehmung ist wohl als Bestandteil der Konzeption zu sehen, inhaltlich stimmig, musikalisch schade.
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Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung, Bühne, Kostüme Korregie Choreinstudierung
Chor des theater Aachen
SolistenErster BlindgeborenerJosef Hermanns
Zweiter Blindgeborener
Dritter Blindgeborener
Der älteste Blinde
Die älteste Blinde
Die junge Blinde
Erste Frauenstimme
Zweite Frauenstimme
Dritte Frauenstimme
Vokalensemble Sopran
Susanne Hodi Silke Storz
Vokalensemble Alt
Lynn Borok-Melton Ulla Brachmanski
Vokalensemble Tenor
Munki Jeong Hans Schaapkens Johan Souren
Vokalensemble Bass
Richard Meijer Johannes Piorek
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- Fine -