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Der Blitz
Komische Oper in drei Akten
Text von Francois Antoine Eugène de Planard
und Jules Henri Vernoy de Saint-Georges
Deutsche Übersetzung von Paul Esterhazy
Musik von Jacques Fromental Halévy

1 Stunde 45 Minuten (ohne Pause)

Premiere im Theater Aachen am 28. April 2001


Logo: Theater Aachen

Theater Aachen
(Homepage)

Bärendienst

Von Thomas Tillmann / Fotos von Frank Heller



Natürlich ist es den Verantwortlichen des Theaters Aachen hoch anzurechnen, sich einer Rarität wie Jacques Fromental Halévys L'éclair anzunehmen. Natürlich macht es auch Sinn, das im 19. Jahrhundert auch in Deutschland erfolgreiche, meines Wissens auf Tonträgern nicht dokumentierte Werk dem Publikum in der bereits in Freiburg (1988/89) und Ulm (1991/92) erprobten, stilistisch freilich wegen des Hangs zum platten umgangssprachlichen Idiom ziemlich uneinheitlichen, nicht unkomischen deutschen Übersetzung des Hausherrn Paul Esterhazy zu präsentieren (wobei man sich ja doch inzwischen auch an originalsprachige Produktionen mit Übertitelung gewöhnt hat). Natürlich erwartet man von dem eher kleinen Haus auch keine hochkarätigen, den nicht geringen Anforderungen in jeder Hinsicht gerecht werdenden Solisten und kein Spitzenorchester.

Aber könnte man nicht wenigstens erwarten, dass die Vorlage ernst genommen wird? Statt dem Publikum die Entscheidung über die Qualitäten des Stückes zu überlassen, sprach Regisseurin Barbara Beyer der ursprünglichen Handlung nämlich kurzerhand den guten Geschmack ab, führte stattdessen lieber "Gefühlskatastrophen" vor, "die sich ... zwischen Frauen und Männern immer und immer wieder abspielen" und strich rigoros die (im Programmheft als naiv und stark in der Entstehungszeit verhaftet beschriebenen) Dialoge - so einfach geht das. Sicher, es gibt bessere Stories als die des durch einen Blitzschlag geblendeten Seemanns, der sich in die "Falsche" verliebt, nachdem er sein Augenlicht wieder erlangt hat, aber ist der geneigte Opernhausbesucher nicht häufig bereit, hinsichtlich der Plots und Libretti Konzessionen an den Geschmack der Entstehungszeit zu machen? Gilt dies mit Abstrichen nicht auch für Mozarts Meisterwerk Così fan tutte, das dem hier vorgestellten hinsichtlich des Sujets ähnelt?



Vergrößerung Foto links:
Lucy (Carola Günther, hinten) und Harriet (Kristina Totzek) kämpfen mit den Tücken des Landlebens.

Vielleicht hätte man diese konzeptionelle Fehlentscheidung zähneknirschend akzeptiert, wenn man einem temporeichen, spritzigen Abend hätte beiwohnen dürfen. Stattdessen wurde man jedoch immer wieder mit lähmenden Schweigeminuten konfrontiert (wir verstehen: Männer und Frauen sprechen nicht dieselbe Sprache!), mit einer zerfaserten Pseudostory, die nicht recht in Gang kommt, mit vorhersehbaren Gags und Theatercoups (etwa wenn die Bühnendecke reißt und sich von oben ein Wikingerschiff herabsenkt), mit überdreht-neurotischen Figuren, die absurde Dinge tun (so wäscht beispielsweise Harriet Lionel mit dem Wasser aus einer Blumenvase die von den Schuhen, nicht aber den Socken befreiten Füße und nimmt anschließend noch einen beherzten Schluck vom kühlen Nass) und das Heldenpathos romantischer Helden karikieren. Überhaupt wirkt die Produktion über weite Strecken wie eine halbherzige Opernparodie voller penetranter Wiederholungen, so dass sich spätestens nach der Hälfte entsetzliche Langeweile einstellt, zumal auch die von Christoph Ernst stilistisch uneinheitlich zugestellte Bühne mit einer Spielfläche, die am unteren Rand die Gefühlslagen der beziehungsunfähigen jungen Leute in wechselnden Farben wiederspiegelt, nicht wirklich zu inspirieren vermag und man sich die historisierenden, verspielten Kostüme desselben Ausstatters auch irgendwann leid sieht.



Vergrößerung Foto rechts:
Lucy (Carola Günther, links) macht erste zaghafte Annäherungsversuche in Richtung George (Andreas Joost), dem einmal mehr die Worte fehlen.

Was bleibt, ist die wundervoll elegisch-melancholische, romantische Musik des deutschstämmigen Juden Halévy mit ihrem stupenden melodischen Reichtum, mit ihren Anklängen an den Lehrer Cherubini, an Bellini und den komischen Donizetti, und selbst Richard Wagner muss das Oeuvre geschätzt haben, wie einzelne Passagen des Lohengrin zweifellos belegen. Der prominente Repräsentant der französischen grand opéra des 19. Jahrhunderts und Lehrer von Gounod, Saint-Saens und Bizet schrieb Der Blitz 1835, also im selben Jahr wie die berühmtere Jüdin, vermutlich ganz bewusst als Gegenentwurf zu seinem Erfolgsstück, als musiktheatralisches Experiment, denn das Werk ist zwar für großes Orchester, aber ohne Chorbeteiligung und für ein Solistenquartett komponiert, dem die tieferen Stimmen fehlen: Entgegen jeder Tradition hört man lediglich zwei Soprane und zwei Tenöre.



Vergrößerung Foto links:
Lionel (Michael Ende), Lucy (Carola Günther), Harriet (Kristina Totzek) und George (Andreas Joost) inmitten ihrer Gefühlskatastrophen.

Kristina Totzek reüssierte als Harriet mit ihrem darstellerischen Engagement und den mädchenhaft-innigen Töne ihres in der Höhe etwas schrillem und unpräzisen, nicht eben ruhig geführten Sopran, während Fachkollegin Carola Günther als kapriziöse Lucy über die beweglichere, interessanter timbrierte Stimme verfügt. Andreas Joost (George) musste zwar hörbar für manchen hohen Ton arbeiten, konnte aber mit den lyrischen Qualitäten seines geschmeidigen Tenors weitaus mehr überzeugen als der allein schon mit der hohen Tessitura der Partie des Lionel überforderte, zudem mit einem hoffentlich von der Regie verordneten S-Fehler geschlagene Michael Ende, dessen heftig tremolierender Tenor mehrfach in die Gefahr des Kieksens geriet und wirkliche Qualität nur in der mezza voce erkennen ließ. Dem Spiel des Sinfonieorchesters fehlte es häufig an der nötigen Eleganz, an Schliff und Drive, und Jeremy Hulin hätte auch die Lautstärke besser kontrollieren müssen, die das Bemühen der Solisten um Textverständlichkeit nicht selten ins Leere laufen ließ.


FAZIT
Eine Opernrarität, von der man sich eine Produktion mit Spitzenkräften wünscht und der hier eine Regisseurin mit ihrer einseitigen Sichtweise einen Bärendienst erwiesen hat!


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(Veröffentlichung vorbehalten)

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Jeremy Hulin

Inszenierung
Barbara Beyer

Bühne und Kostüme
Christoph Ernst

Dramaturgie
Sophie Becker



Sinfonieorchester Aachen



Solisten

Lionel, Offizier der amerikanischen Marine
Michael Ende

George, ein Engländer
Andreas Joost

Mrs. Darbel, eine junge Witwe
Carola Günther

Harriet, ihre Schwester
Kristina Totzek


Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Theater Aachen (Homepage)




Da capo al Fine

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