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Orpheus in der Unterwelt
Operette (Opéra Bouffon) in vier Bildern
Text von Hector Crémieux und Ludovic Halévy
(in deutscher Sprache, frei bearbeitet)

Musik von Jacques Offenbach

Premiere am 30.12.1999
im Großen Haus der Städtischen Bühnen Münster



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Städtische Bühnen Münster (Homepage)

Götz Alsmann bittet zum Totentanz

Von Stefan Schmöe / Fotos von Michael Hörnschemeyer


Der Abend endet mit einem Feuerwerk. Man sieht es nicht, man hört es nur, und es könnten auch detonierende Bomben sein. Die Götter jedenfalls schauen nicht nur verzückt gen Himmel, sie heben auch schützend die Hände vor das Gesicht. Ob Fest oder Katastrophe, das lässt Lorenzo Fiorini in seiner Inszenierung offen: Stilvoll, aber doppeldeutig endet die letzte Inszenierung des Jahrtausends in Münster.

Szenenfoto Amouröses Abenteuer auf der eigenen Hochzeit: Eurydike und der (ihr nicht angetraute) Aristeus

Auf antiken Zierrat verzichten Fiorini und sein Team vollständig. Das komplette Werk spielt einheitlich im schmucklosen Speisesaal eines Restaurants, im Verlauf des Abends um einige Särge ergänzt. Dort feiert man die Hochzeit von Orpheus und Eurydike. Die Götter sind ein mafioser Familienclan, der vollgefressen auf weitere Belustigungen wartet. Orpheus, der Künstler, ist in diesem Rahmen nur eine Witzfigur. Noch vor dem Essen hat Eurydike (höchst charmant gespielt von Anke Krabbe) die Gelegenheit zu einem Quickie mit Aristeus gesucht, so wenig ist dieser Orpheus ernst zu nehmen.

Aristeus ist bekanntlich Pluto, der Gott der Unterwelt, und er ist der Tod, der sich als Sensenmann unter die dubiose Blaskapelle mischt, die Orpheus' Kompositionen zum besten gibt. In barocker Manier entführt er Eurydike mit einer schwarzen Kutsche in sein Reich. Und die Party, die er den Göttern später bietet, hüllt er in giftgrünes Licht, dass der Raum wie der Keller des Instituts für Pathologie erscheint. Der berühmte Cancan, nicht von leichtgeschürzten Damen, sondern vom gesamten Götterensemble (in das sich die Öffentliche Meinung längst eingereiht hat) getanzt, hat etwas von einem Totentanz.

Szenenfoto Einmal in einer veritablen Operette singen: Götz Alsmann unterdrückt Orpheus

Musikalisch kann die Produktion nicht mit dem jüngst neu inszenierten Düsseldorfer Orpheus mithalten, und - Offenbach hat Konjunktur - von den (musikalisch) grandiosen Kölner Banditen trennen sie Welten. Und dennoch ist sie diesen beiden überlegen, denn sie ist ungleich frecher und respektloser. Auf die Musik kommt es gar nicht so sehr an. Es darf viel gelacht werden (es geht sehr viel spritziger zu als in den behäbigen Inszenierungen am Rhein), und es geschehen permanent rätselhafte Dinge, die die Spannung aufrecht erhalten: Die allgegenwärtigen Kellner legen eine Tanzeinlage hin (oder bewegen sich plötzlich wie Roboter), oder Merkur, eine Art Heino-Verschnitt, muss wie eine Spieluhr aufgezogen werden (eine Anspielung auf die Olympia aus Hoffmanns Erzählungen). Die Bewegungsabläufe sind fast choreographisch angelegt, und das Ensemble setzt das ganz hervorragend um.

Szenenfoto Verärgerter Patriarch: Jupiter schimpft mit Pluto

Natürlich hat die Aufführung in Fernseh-Entertainer Götz Alsmann ihren Star. Er wird dem Publikum wirkungsvoll auf dem Silbertablett serviert. Er spielt nicht die Öffentliche Meinung, sondern er ist die öffentliche Meinung, denn er spielt sich selbst (mit einer gehörigen Portion Selbstironie). Mit der Ukulele versucht er, die hübsche Eurydike herumzukriegen ("Als ich einst Prinz war von Arkadien"), auch wenn das im Original nicht seine Aufgabe ist. Die Sache mit Orpheus ist nur ein Teil der Show ("sollen wegen Dir ganze Bibliotheken umgeschrieben werden?"). Dennoch ist die Inszenierung keinesfalls ausschließlich auf ihn ausgerichtet (er wird auch nicht alle Vorstellungen spielen). Er passt sich ganz einfach gut in das Ensemble ein.

Szenenfoto Beleidigt: Eurydike will nicht von Orpheus aus der Unterwelt zurückgeholt werden

Wo auch die öffentliche Meinung nur an Belustigungen interessiert ist, da hat der Tod reine Unterhatungsfunktion. Oder schlimmer: Er wird einfach nicht mehr recht beachtet. Moral und Werte sind aufgebraucht, Jupiter hat Cupido die Engelsflügelchen längst abgerissen (und sich damit verkleidet an Eurydike herangemacht). Als Merkur zum Feuerwerk ruft, hat diese Gesellschaft das Millenium gerade eben so überlebt. Fortsetzung folgt - vielleicht. Im Februar gibt sich in Mönchengladbach Ligetis "Grand Macabre" die Ehre, und da heißt es schließlich "Der Tod ist tot!" Kompliment an das Theater Münster, einen so weiten Bogen geschlagen zu haben.


FAZIT

Offenbach witzig und mit Endzeitstimung: Ein würdiger Abschluss des Millenniums


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Christian Voß

Inszenierung
Lorenzo Fioroni

Bühne
Jürgen Lancier

Kostüme
Sabine Blickenstorfer

Choreographie
Tomasz Zwozniak



Statisterie der
Städtischen Bühnen Münster

Symphonieorchester
der Stadt Münster

Eine Blaskapelle



Solisten

*Besetzung der Premiere

Orpheus
Mark Bowman-Hester*
Ulrich Gentzen

Eurydike
Anke Krabbe

Die Öffentliche Meinung
Götz Alsmann*
Oliver Fobe

Jupiter
Renatus Mészar

Juno
Suzanne McLeod

Diana
Caroline Thomas

Venus
Heike Grötzinger

Minerva
Janet Collins

Cupido
Eva Lillian Thingbø

Mars
Donald Rutherford

Merkur
Ulrich Gentzen*
Adrian Kronberger

Pluto / Aristeus
Radoslaw Wielgus


Weitere Informationen
erhalten Sie von den
Städtischen Bühnen Münster
(Homepage)



Da capo al Fine

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