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Le Grand Macabre

Oper in vier Bildern von György Ligeti
Libretto von Michael Meschke und György Ligeti
frei nach Michel de Ghelderodes Schauspiel "La Balade du Grand Macabre"
Neufassung von 1996

Premiere im Theater Mönchengladbach
am 13. Februar 2000


Logo: Theater Krefeld Mönchengladbach

Theater Krefeld Mönchengladbach
(Homepage)

Der Weltuntergang fällt aus

Von Stefan Schmöe / Fotos von Matthias Stutte



Eigentlich kommt diese Oper ein paar Wochen zu spät. Das derbe Stück um den Sensenmann, den Grand Macabre, der dem Breughelland (eine skurrile Variante des Schlaraffenlandes) das Ende der Menschheit verkündet und besoffen schläft, als der Weltuntergang ausbleibt, wäre vor dem Jahrtausendwechsel vielleicht noch eine Spur spektakulärer gewesen. Jetzt, wo nicht einmal die Computerwelt am Jahr-2000-Problem untergegangen ist, sehen wir apokalyptische Visionen mit geradezu gelassener Routine. Oder ist die Oper eine kluge Reflexion des Nicht-Ereignis?

Szenenfoto Amanda und Amando (in weiß) möchten unbeobachtet sein, werden aber von Piet vom Faß (in rot) und Nekrotzar, dem großen Makabren (links), der plötzlich aus einem Grab auftaucht, empfindlich gestört

Das Anti-Untergangsszenario des ungarischen Komponisten György Ligeti schreit natürlich geradezu nach Aktualisierungen (Joachim Herz hatte 1991 in Leipzig in einer fast schon bewundernswert platten Deutung Bananenkisten und Einkaufswagen auf die Bühne gestellt, um den gerade wiedervereinigten Ossis den Spiegel vorzuhalten). Thomas Krupa entgeht in Mönchengladbach der Versuchung, sich allzu eindeutig festzulegen und den Blickwinkel zu verengen. Sein Breughelland bleibt Phantasiewelt, Bühne für eine Art Puppentheater, das Ligetis Intentionen wohl sehr viel näher kommt als vordergründige Konkretisierungen.

Szenenfoto Piet vom Faß muss nun, nicht ganz freiwillig, Nekrotzar zu Diensten sein

Dabei bezieht Krupa durchaus Stellung. Auf einen Gazevorhang wird zwischen den Szenen das Flimmern eines Bildschirmes projeziert In dem bunkerartigen, schwarzgrauen Bühnenraum kann man mit etwas Phantasie eine (abstrahierende) Fortsetzung des Zuschauerraumes erahnen. Und der Chor sitzt im Publikum verteilt: Es geht dem Regisseur sehr wohl um unsere heutige Welt. Aber solche Anspielungen lassen dem märchenhaften Element Freiräume. Das Publikum findet genügend Anstöße, selbst zu denken, ohne von der Regie übertölpelt zu werden. Und Krupa, der für dieses Theater schon einen wunderbar poetischen Figaro inszeniert hat, findet auch für dieses Stück der eher schrillen Töne rätselhafte, schöne Bilder.

Szenenfoto Derweil ärgert sich Mescallina über ihren impotenten Gatten, den Astronomen Astradamors (unter dem Tisch)

Krupa setzt in hohem Maße auf die Wirkung der Musik. Und dabei - man muss sich das einmal richtig bewusst machen - handelt es sich um eine ziemlich schräge zeitgenössische Komposition, deren Verfasser damit kokettiert, die Müllhalden der Operngeschichte geplündert zu haben. In Mönchengladbach hat man sich für die zweite Fassung (1996) entschieden, die opernhafter und in gewisser Hinsicht konventioneller ist als die Urfassung (1978), weil sie der Musik eine gewichtigere Rolle einräumt. Und diese Musik wird ganz exzellent dargeboten.

Szenenfoto Der Makabre kommt Mescallina gerade recht, und so schauen Astradamors und Piet mit mäßigem Interesse dem außerehelichen Liebesspiel zu. Über allem wacht Venus.

Man könnte glauben, die Niederrheinischen Sinfoniker hätten nie etwas anderes gespielt als Ligeti, so souverän und akkurat einerseits, klangprächtig und vielfarbig andererseits spielen sie unter dem Dirigat von Kenneth Duryea auf. Der Stimmungswechsel zwischen ätherischen Liebesduetten und apokalyptischen Bläserfanfaren ist ungeheuer plastisch herausgearbeitet, wirkt aber nicht plakativ. Ein großes Lob gebührt auch den Choristen, die vom Zuschauerraum aus äußerst präzise und homogen singen.

Szenenfoto Gepopo, Chef der Geheimen Politischen Polizei (und wohl eine Kreuzung aus Fledermaus und Schmetterling) warnt Fürst Go-Go vor dem nahenden Weltuntergang: Ein Komet rast auf die Erde zu. Der Untergang ist auf Mitternacht terminiert.

Das Sängerensemble ist durchweg ausgezeichnet. Christoph Erpenbeck, der den Makabren wohlklingend und mit einem Schuss unterschwelliger Ironie singt, und Barbara Cramm als zerbrechlicher Prinz Go-Go seien nur stellvertretend für eine verblüffend gute Ensembleleistung genannt. Die Produktion muss den Sängern viel Spaß machen, denn nicht nur musikalisch, sondern auch schauspielerisch fügen sie sich hervorragend in die Inszenierung ein.

Szenenfoto Weltuntergang oder nicht? Go-Go und der Große Makabre im Angesicht des Kometen.

Zu Recht gab es nach der Premiere Ovationen für alle Beteiligten. "Irgendwie war das geil" sagt ein junges Mädchen, hinterher, im Foyer, mit durchaus nachdenklichem Tonfall. Le Grand Macabre erweist sich als hochaktuell, gerade in dieser zurückhaltenden Inszenierung. Vielleicht ist es gerade deshalb richtig, den Makabren nicht als Jahrtausendwenden-Spektakel frühzeitig verbraucht zu haben.


FAZIT
Dank einer mustergültige Aufführung wird Ligeti zum Publikumserfolg. Lassen Sie sich den Weltuntergang nicht entgehen!


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Produktionsteam

Regie
Thomas Krupa

Musikalische Leitung
Kenneth Duryea

Bühnenbild
Andreas Jander

Kostüme
Gabriele Wasmuth

Choreinstudierung
Heinz Klaus



Die Niederrheinischen
Symphoniker

Chor, Extrachor und
Statisterie des Theaters
Krefeld/Mönchengladbach


Solisten

Gepopo / Venus
Kirstin Hasselmann

Amanda
Debra Hays

Amando
Michaela Mehring

Go-Go
Barbara Cramm

Mescalina
Andrea Baker*/
Vuokko Kekäläinen

Piet vom Faß
Ronald Carter

Nekrotzar
Christoph Erpenbeck

Astradamors
Ulrich Schneider

Ruffiack
Yasuyuki Toki

Schobiack
Christoph Stegemann

Schabernack
Wolfgang Stein

Weißer Minister
Walter Planté

Schwarzer Minister
Frank Valentin


Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Theater
Krefeld Mönchengladbach

(Homepage)




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