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Der Weltuntergang fällt aus
Von Stefan Schmöe
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Fotos von Matthias Stutte
Eigentlich kommt diese Oper ein paar Wochen zu spät. Das derbe Stück um den Sensenmann, den Grand Macabre, der dem Breughelland (eine skurrile Variante des Schlaraffenlandes) das Ende der Menschheit verkündet und besoffen schläft, als der Weltuntergang ausbleibt, wäre vor dem Jahrtausendwechsel vielleicht noch eine Spur spektakulärer gewesen. Jetzt, wo nicht einmal die Computerwelt am Jahr-2000-Problem untergegangen ist, sehen wir apokalyptische Visionen mit geradezu gelassener Routine. Oder ist die Oper eine kluge Reflexion des Nicht-Ereignis?
Amanda und Amando (in weiß) möchten unbeobachtet sein, werden aber von Piet vom Faß (in rot)
und Nekrotzar, dem großen Makabren (links), der plötzlich aus einem Grab auftaucht,
empfindlich gestört
Das Anti-Untergangsszenario des ungarischen Komponisten György Ligeti schreit natürlich geradezu nach Aktualisierungen (Joachim Herz hatte 1991 in Leipzig in einer fast schon bewundernswert platten Deutung Bananenkisten und Einkaufswagen auf die Bühne gestellt, um den gerade wiedervereinigten Ossis den Spiegel vorzuhalten). Thomas Krupa entgeht in Mönchengladbach der Versuchung, sich allzu eindeutig festzulegen und den Blickwinkel zu verengen. Sein Breughelland bleibt Phantasiewelt, Bühne für eine Art Puppentheater, das Ligetis Intentionen wohl sehr viel näher kommt als vordergründige Konkretisierungen.
Piet vom Faß muss nun, nicht ganz freiwillig, Nekrotzar zu Diensten sein
Dabei bezieht Krupa durchaus Stellung. Auf einen Gazevorhang wird zwischen den Szenen das Flimmern eines Bildschirmes projeziert In dem bunkerartigen, schwarzgrauen Bühnenraum kann man mit etwas Phantasie eine (abstrahierende) Fortsetzung des Zuschauerraumes erahnen. Und der Chor sitzt im Publikum verteilt: Es geht dem Regisseur sehr wohl um unsere heutige Welt. Aber solche Anspielungen lassen dem märchenhaften Element Freiräume. Das Publikum findet genügend Anstöße, selbst zu denken, ohne von der Regie übertölpelt zu werden. Und Krupa, der für dieses Theater schon einen wunderbar poetischen Figaro inszeniert hat, findet auch für dieses Stück der eher schrillen Töne rätselhafte, schöne Bilder.
Derweil ärgert sich Mescallina über ihren impotenten Gatten, den Astronomen Astradamors
(unter dem Tisch)
Krupa setzt in hohem Maße auf die Wirkung der Musik. Und dabei - man muss sich das einmal richtig bewusst machen - handelt es sich um eine ziemlich schräge zeitgenössische Komposition, deren Verfasser damit kokettiert, die Müllhalden der Operngeschichte geplündert zu haben. In Mönchengladbach hat man sich für die zweite Fassung (1996) entschieden, die opernhafter und in gewisser Hinsicht konventioneller ist als die Urfassung (1978), weil sie der Musik eine gewichtigere Rolle einräumt. Und diese Musik wird ganz exzellent dargeboten.
Der Makabre kommt Mescallina gerade recht, und so schauen Astradamors und Piet mit mäßigem
Interesse dem außerehelichen Liebesspiel zu. Über allem wacht Venus.
Man könnte glauben, die Niederrheinischen Sinfoniker hätten nie etwas anderes gespielt als Ligeti, so souverän und akkurat einerseits, klangprächtig und vielfarbig andererseits spielen sie unter dem Dirigat von Kenneth Duryea auf. Der Stimmungswechsel zwischen ätherischen Liebesduetten und apokalyptischen Bläserfanfaren ist ungeheuer plastisch herausgearbeitet, wirkt aber nicht plakativ. Ein großes Lob gebührt auch den Choristen, die vom Zuschauerraum aus äußerst präzise und homogen singen.
Gepopo, Chef der Geheimen Politischen Polizei (und wohl eine Kreuzung
aus Fledermaus und Schmetterling) warnt Fürst Go-Go vor dem nahenden Weltuntergang:
Ein Komet rast auf die Erde zu. Der Untergang ist auf Mitternacht terminiert.
Das Sängerensemble ist durchweg ausgezeichnet. Christoph Erpenbeck, der den Makabren wohlklingend und mit einem Schuss unterschwelliger Ironie singt, und Barbara Cramm als zerbrechlicher Prinz Go-Go seien nur stellvertretend für eine verblüffend gute Ensembleleistung genannt. Die Produktion muss den Sängern viel Spaß machen, denn nicht nur musikalisch, sondern auch schauspielerisch fügen sie sich hervorragend in die Inszenierung ein.
Weltuntergang oder nicht? Go-Go und der Große Makabre im Angesicht des Kometen.
Zu Recht gab es nach der Premiere Ovationen für alle Beteiligten. "Irgendwie war das geil" sagt ein junges Mädchen, hinterher, im Foyer, mit durchaus nachdenklichem Tonfall. Le Grand Macabre erweist sich als hochaktuell, gerade in dieser zurückhaltenden Inszenierung. Vielleicht ist es gerade deshalb richtig, den Makabren nicht als Jahrtausendwenden-Spektakel frühzeitig verbraucht zu haben.
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ProduktionsteamRegieThomas Krupa
Musikalische Leitung
Bühnenbild
Kostüme
Choreinstudierung
SolistenGepopo / VenusKirstin Hasselmann
Amanda
Amando
Go-Go
Mescalina
Vuokko Kekäläinen
Piet vom Faß
Nekrotzar
Astradamors
Ruffiack
Schobiack
Schabernack
Weißer Minister
Schwarzer Minister
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- Fine -