|
Veranstaltungen & Kritiken Musiktheater |
|
|
|
Ein kulturelles Mißverständnis
Von Stefan Schmöe
/
Fotos von Matthias Stutte
Madame Butterfly ist ein hübsches, aber sehr naives japanisches Mädchen, das an die große
Liebe glaubt und von einem rücksichtslosen Amerikaner in den Selbstmord getrieben wird. Der
Kitsch ist nah, aber die Musik hinreißend schön, und da man bei Puccini nicht unbedingt das
an avantgardistischem Regietheater interessierte Publikum vermutet, sind beinahe alle
Inszenierungen irgendwie gleich: Ein bißchen asiatisches Kolorit, ein imperialistischer
Draufgänger und eine Butterfly, die mit strahlendem Lächeln bei gleichzeitiger Leidensmine ihre
stimmlichen Qualitäten über die Rampe bringen möchte.
In Krefeld ist vieles anders. Das asiatische Kolorit ist geblieben (und manchmal etwas zu
dick aufgetragen), mit höchst aufwendig gestalteten Kostümen, aber einem Bühnenbild, das
sich in bescheidener Zurückhaltung übt. Vor einem blauen Hintergrund umgibt eine Mauer zwei
Akte lang die Bühne, die im dritten Akt fast leer ist. Es wird ein recht antiquiertes, bewußt
artifizielles Japan-Bild gezeichnet, das der Inszenierung den Rahmen gibt: Erst vor der
Schablone der traditionellen japanischen Kultur (die auch durch dezente Verwendung von
Elementen des No-Theaters präsent ist) wird das Irren zwischen den Kulturen deutlich.
Cio-Cio-San ist keineswegs naiv, jedenfalls nicht in der gewohnten Weise: Sie ist eine sehr
selbstbewußte, attraktive junge Dame, die Pinkerton sich erst einmal erkämpfen muß. Von vier
Trägern läßt sie sich herein tragen, in einen prunkvollen Mantel eingehüllt wie in einen
Kokon, aus dem sie schlüpft und geradezu bildhaft für Pinkerton zur Butterfly, zum
Schmetterling wird. Sie verzaubert ihn mit ihrer Exotik, und träumt selbst davon,
"amerikanisch" zu werden - Im zweiten Akt liegt sie mit Lederjacke in einem Bett wie eine
Kranke, hat längst die Illusion verloren und macht sich doch vor, ihr Ziel noch zu erreichen.
Ihr Selbstmord ist der pathetische letzte Auftritt einer Frau, die sich drei Akte hindurch
selbst inszeniert hat. Janet Bartolova macht das großartig. Sie kann mit ihrer Stimme
zaubern, aber nicht der schönen Musik willen, sondern um den psychischen Abgründen der Figur
auf die Spur zu kommen.
Pinkerton ist zwar zunächst der gewohnte Macho, der offen mit den sexuellen Reizen der
Butterfly prahlt, aber Kairschan Scholdybajew verleiht ihm durchaus auch sympathische
Züge. Vom Körperbau her schmächtig, aber groß bei Stimme und dabei überaus kultiviert in
der Gestaltung (und wohl am Beginn einer großen Karriere), nähert er sich fast schüchtern
seiner Braut. Er mißversteht die Situation ebenso wie sie, verfällt dem Zauber ihrer Kultur
wie sie der seinen. Ein zerrissener Charakter auch er, und auch dem Konsul Sharpless ergeht
es nicht besser. Der ist nicht wie so oft der souveräne väterliche Freund, sondern ein
hilflos stolpernder junger Mann, der nie der Situation gewachsen ist und fast verzweifelt
versucht, mit Geld zu retten, was längst verloren ist. Und doch ist er der einzige, der
wenigstens ansatzweise reagiert, als alle auf die sterbende Butterfly starren. Auch Mikhael
Lanskoi ist eine hervorragende Besetzung.
Während die Inszenierung kräftig die falsche Sentimentalität austreibt, wird musikalisch
große Oper auf hohem Niveau gemacht. Nicht nur das Sängerensemble, sondern auch Chor und
Orchester schlagen sich bravourös. Anthony Bramall dirigiert sehr transparent, macht viele
Nebenstimmen hörbar und vermeidet dadurch einen vordergründigen Exotismus. Inszenierung
und Musik sind sehr genau auf einander abgestimmt, geben sich gegenseitig Impulse. So
musikalisch der Regisseur einerseits arrangiert, so intelligent führt der Dirigent das
Ensemble durch die Inszenierung. Das so etwas ausgerechnet in der vermeintlichen
Provinz möglich ist, gehört zu den Wundern unseres Kultursystems. |
ProduktionsteamMusikalische LeitungAnthony Bramall
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Choreinstudierung
Solisten*Besetzung der PremiereCio-Cio-San Janet Bartolova* Andrea Hanson
Suzuki
Margaret Thomson
Kate Pinkerton
Michaele Mehring*
B. F. Pinkerton
Kairschan Scholdybajew
Sharpless
Daniel Sutin
Goro
Walter Planté*
Yamadori
Frank Valentin*
Onkel Bonzo
Ulrich Schneider*
Yakusidé
Peter Lüthke
Kommissar
Yasuyuki Toki*
Standesbeamter
Yasuyuki Toki
Cio-Cio-Sans Mutter
Naomi Yahagi*
Die Base
Die Tante
Das Kind
Shawn Hilgers*
|
- Fine -