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Madama Butterfly
Japanische Tragödie in drei Akten
Dichtung von Luigi Illica
Musik von Giacomo Puccini

in italienischer Sprache

Premiere im Theater Krefeld am 8. April 2000



Logo: Theater Krefeld Mönchengladbach

Theater Krefeld Mönchengladbach
(Homepage)

Ein kulturelles Mißverständnis

Von Stefan Schmöe / Fotos von Matthias Stutte



Szenenfoto Unter Männern: Pinkerton (Mitte) teilt dem Konsul seine Heiratspläne mit. Goro agiert im Hintergrund als Zeremonienmeister

Madame Butterfly ist ein hübsches, aber sehr naives japanisches Mädchen, das an die große Liebe glaubt und von einem rücksichtslosen Amerikaner in den Selbstmord getrieben wird. Der Kitsch ist nah, aber die Musik hinreißend schön, und da man bei Puccini nicht unbedingt das an avantgardistischem Regietheater interessierte Publikum vermutet, sind beinahe alle Inszenierungen irgendwie gleich: Ein bißchen asiatisches Kolorit, ein imperialistischer Draufgänger und eine Butterfly, die mit strahlendem Lächeln bei gleichzeitiger Leidensmine ihre stimmlichen Qualitäten über die Rampe bringen möchte.

Szenenfoto Japanisches Theater: Sehr eindrucksvoll verstößt Onkel Bonzo die Butterfly aus der Familie.

In Krefeld ist vieles anders. Das asiatische Kolorit ist geblieben (und manchmal etwas zu dick aufgetragen), mit höchst aufwendig gestalteten Kostümen, aber einem Bühnenbild, das sich in bescheidener Zurückhaltung übt. Vor einem blauen Hintergrund umgibt eine Mauer zwei Akte lang die Bühne, die im dritten Akt fast leer ist. Es wird ein recht antiquiertes, bewußt artifizielles Japan-Bild gezeichnet, das der Inszenierung den Rahmen gibt: Erst vor der Schablone der traditionellen japanischen Kultur (die auch durch dezente Verwendung von Elementen des No-Theaters präsent ist) wird das Irren zwischen den Kulturen deutlich.

Szenenfoto Energisch vertreibt Suzuki den Heiratsvermittler Goro aus dem Haus.

Cio-Cio-San ist keineswegs naiv, jedenfalls nicht in der gewohnten Weise: Sie ist eine sehr selbstbewußte, attraktive junge Dame, die Pinkerton sich erst einmal erkämpfen muß. Von vier Trägern läßt sie sich herein tragen, in einen prunkvollen Mantel eingehüllt wie in einen Kokon, aus dem sie schlüpft und geradezu bildhaft für Pinkerton zur Butterfly, zum Schmetterling wird. Sie verzaubert ihn mit ihrer Exotik, und träumt selbst davon, "amerikanisch" zu werden - Im zweiten Akt liegt sie mit Lederjacke in einem Bett wie eine Kranke, hat längst die Illusion verloren und macht sich doch vor, ihr Ziel noch zu erreichen. Ihr Selbstmord ist der pathetische letzte Auftritt einer Frau, die sich drei Akte hindurch selbst inszeniert hat. Janet Bartolova macht das großartig. Sie kann mit ihrer Stimme zaubern, aber nicht der schönen Musik willen, sondern um den psychischen Abgründen der Figur auf die Spur zu kommen.

Szenenfoto Auch das Geld des Konsuls kann die Butterfly nicht trösten.

Pinkerton ist zwar zunächst der gewohnte Macho, der offen mit den sexuellen Reizen der Butterfly prahlt, aber Kairschan Scholdybajew verleiht ihm durchaus auch sympathische Züge. Vom Körperbau her schmächtig, aber groß bei Stimme und dabei überaus kultiviert in der Gestaltung (und wohl am Beginn einer großen Karriere), nähert er sich fast schüchtern seiner Braut. Er mißversteht die Situation ebenso wie sie, verfällt dem Zauber ihrer Kultur wie sie der seinen. Ein zerrissener Charakter auch er, und auch dem Konsul Sharpless ergeht es nicht besser. Der ist nicht wie so oft der souveräne väterliche Freund, sondern ein hilflos stolpernder junger Mann, der nie der Situation gewachsen ist und fast verzweifelt versucht, mit Geld zu retten, was längst verloren ist. Und doch ist er der einzige, der wenigstens ansatzweise reagiert, als alle auf die sterbende Butterfly starren. Auch Mikhael Lanskoi ist eine hervorragende Besetzung.

Szenenfoto Großes pathetisches Finale: Butterfly mit Dolch.

Während die Inszenierung kräftig die falsche Sentimentalität austreibt, wird musikalisch große Oper auf hohem Niveau gemacht. Nicht nur das Sängerensemble, sondern auch Chor und Orchester schlagen sich bravourös. Anthony Bramall dirigiert sehr transparent, macht viele Nebenstimmen hörbar und vermeidet dadurch einen vordergründigen Exotismus. Inszenierung und Musik sind sehr genau auf einander abgestimmt, geben sich gegenseitig Impulse. So musikalisch der Regisseur einerseits arrangiert, so intelligent führt der Dirigent das Ensemble durch die Inszenierung. Das so etwas ausgerechnet in der vermeintlichen Provinz möglich ist, gehört zu den Wundern unseres Kultursystems.


FAZIT
Eine beeindruckende Inszenierung, in der hervorragend musiziert wird: Einer der Höhepunkte der laufenden Saison.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Anthony Bramall

Inszenierung
Alexander Schulin

Bühne
Christoph Sehl

Kostüme
Sabine Blickenstorfer

Choreinstudierung
Heinz Klaus



Die Niederrheinischen Symphoniker
Chor und Statisterie
der Vereinigten Städtischen Bühnen


Solisten

*Besetzung der Premiere


Cio-Cio-San
Janet Bartolova*
Andrea Hanson

Suzuki
Vuokko Kekäläinen*
Margaret Thomson

Kate Pinkerton
Barbara Cramm
Michaele Mehring*

B. F. Pinkerton
Ronald Carter
Kairschan Scholdybajew

Sharpless
Mikhail Lanskoi*
Daniel Sutin

Goro
Markus Heinrich
Walter Planté*

Yamadori
Reiner Roon
Frank Valentin*

Onkel Bonzo
Christoph Erpenbeck
Ulrich Schneider*

Yakusidé
Jeong-Han Lee*
Peter Lüthke

Kommissar
John T. Gates
Yasuyuki Toki*

Standesbeamter
Christoph Stegemann*
Yasuyuki Toki

Cio-Cio-Sans Mutter
Kerstin Pajic-Dahl
Naomi Yahagi*

Die Base
Sherrie Bay

Die Tante
Annelie Bolz

Das Kind
Philip Emmerich
Shawn Hilgers*


Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Theater Krefeld Mönchengladbach
(Homepage)




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