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Musiktheater
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Votre Faust

Variables Spiel in Art einer Oper

von Michel Butor (Text) und Henri Pousseur (Musik)
Deutsch von Helmut Schefel


Bonn Chance! Experimentelles Musiktheater
Eine Kooperation der Oper Bonn mit der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland

Premiere im Forum der der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland
am 26. September 1999


Logo: Oper Bonn

Oper Bonn
(Homepage)

Mehr Mitbestimmungsrechte für das Opernpublikum:

Total demokratisch!

Von Stefan Schmöe / Fotos von Thilo Beu



Nach dem ersten Akt betritt Heinz die Bühne. Heinz ist Showmaster aus Berlin und muß ein paar Dinge erklären, weil es ein bißchen anders zu geht als sonst in der Oper. Das Publikum - "Sie haben das ja sicher schon im Programmheft gelesen" - wird zur Abstimmung gebeten: Soll Henri, Komponist mit Auftrag zu einer Faust-Oper, mit der doofen Maggy zum Jahrmarkt gehen oder mit der (auf andere Weise doofen) Greta ? Eine solche Entscheidung darf man sich natürlich nicht zu leicht machen. "Ist das nicht totaaaal demokratisch?"

Foto: Bonn / Votre Faust Der Theaterdirektor (Ulrich Heß) braucht eine Faust-Oper...

Votre Faust, entstanden 1960 - 67, ist der Versuch, unter Verwendung aleatorischer Prinzipien das Publikum mit in das Spiel einzubeziehen. Die Szenenabfolge bietet eine Reihe von Verzweigungspunkten, zunächst durch Abstimmung für eine von zwei Spielvarianten, später durch die Möglichkeit, quasi auf Zuruf das Spiel abzubrechen und an einem neuen Punkt starten zu lassen. Dadurch sind mehrere Handlungsabläufe möglich, die einem vorgegebenen Schema folgen - ganz frei verläuft das Spiel auch nicht. Die Zuschauer in Bonn haben dreimal die Chance, ihrem Theater die rote Karte zu zeigen, wenn ihnen der Ablauf nicht paßt. So entsteht zumindest theoretisch eine Art von Basisdemokratie in der Oper.

Foto: Bonn / Votre Faust ...und vergibt einen Kompositionsauftrag an Henri (Jens Winterstein)...

Über die Musik sagt Pousseur, daß sie praktisch nur noch aus Zitaten bestehe: Von Monteverdi bis zur neuen Wiener Schule findet man alles nur denkbare, mal weniger, meist mehr verfremdet. Überraschend fügt sich das aber zu einem durchaus eigenen, sehr transparenten Stil zusammen (und wird zudem von den 12 Musikern der MusikFabrik - Landesensemble NRW ganz exzellent zu Gehör gebracht). Diese musikalische Technik korrespondiert mit dem Text, der mit dem Faust-Stoff und seiner vielfältigen Rezeptionsgeschichte ebenfalls zitatenreich spielt. Auf der Bühne agieren fünf Schauspieler, ein Gesangsquartett ist dem Orchester zugeordnet und liefern mehr quasi-instrumentale Klangfarben als dramatischen Operngesang.

Foto: Bonn / Votre Faust ...der jedoch lieber mit Maggy (Franziska Geyer) flirtet, die ihn vom komponieren abhalten möchte...

Regisseurin Barbara Beyer kümmert der genaue Text nur am Rande, und so etwas wie Handlung ist nur rudimentär auszumachen. Da Frau Beyer das Bühnenpersonal äußerst geschickt zu arrangieren vermag, sieht man eine mitunter hochvirtuose Klamotte der absurderen Art: Karikaturen, die gegen Wände laufen und allerlei merkwürdige Dinge treiben. Die in einem kräftigen Pink ausgeschlagene, sich nach hinten verjüngende und ansonsten (abgesehen von ein paar Stühlen) leere Bühne (Hermann Feuchtner) unterstützt die Wirkung kongenial, und das Kostüm der Maggie (Kostüme: Lydia Kirchleitner) ist in seiner Abartigkeit preiswürdig.

Foto: Bonn / Votre Faust ...das Publikum jedoch entscheidet, daß Henri mit Greta flirten soll, und Henri, spärlich bekleidet, muß vom Showmaster (Arne Dechow) getröstet werden...

Spätestens mit dem Auftritt des Showmasters (Arne Dechow) nimmt sich die Inszenierung selbst aufs Korn: Hier werden die demokratischen Prinzipien des Werkes nicht ohne ein gehöriges Maß an Ironie vorgeführt und dadurch auch in Frage gestellt. Dechow, zu Anfang noch zum Schreien komisch, überzieht das Spiel jedoch und bringt die Inszenierung in eine Schieflage: Je weiter das Stück voranschreitet, desto mehr gleitet es ins nur noch Lächerliche ab. Die Mitbestimmung des Publikums nur noch als Gag zu handhaben, das ist nun doch etwas wenig. Minderheiten im Publikum zogen (zu) schnell die rote Karte, und so nahm der Abend ein abruptes Ende.

Foto: Bonn / Votre Faust

...dabei wären Maggy und Henri so ein schönes Paar gewesen!

Die Bonner Oper wollte die erste wirklich gute Aufführung von Votre Faust auf die Bühne bringen - und ist auf halbem Wege stecken geblieben. An Irrwitz ist das Geschehen kaum zu überbieten; auf dem Höhepunkt stürzt sich der Künstler Henri nur noch mit einer Unterhose bekleidet ins Publikum, während vom Band das Finale aus "Don Giovanni" erklingt. Unser, d.h.: des Publikums Faust war es jedoch nicht. Vielmehr war es der Faust von Barbara Beyer und Arne Dechow.


FAZIT

Faust, voll lustig, aber Demokratie ist halt schwer: Wo das Programmheft noch voll edler Absichten von Mitbestimmung des Publikums spricht, herrscht auf der Bühne nur das organisierte Chaos.


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Produktionsteam

Regie
Barbara Beyer

Musikalische Leitung
Wolfgang Ott

Bühne
Hermann Feuchter

Kostüme
Lydia Kirchleitner

Licht
Klaus Richter

Klangregie
Melvin Poore



MusikFabrik -
Landesensemble NRW

Maacha Deubner, Sopran
Ingrid Bartz, Mezzosopran
Florian Mock, Tenor
Georg Zeppenfeld, Baß


Schauspieler

Theaterdirektor
Ulrich Heß

Henri
Jens Winterstein

Maggy / Greta
Franziska Geyer

Sängerin
Zeljka Preksavec

Richard
Maximilian Hilbrand

Showmaster
Arne Dechow




Foto: Henri Pousseur

Henri Pousseur




Foto: Henri Pousseur

Wolfgang Ott


Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Oper Bonn (Homepage)




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