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Mehr Mitbestimmungsrechte für das Opernpublikum:Total demokratisch!
Von Stefan Schmöe
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Fotos von Thilo Beu
Nach dem ersten Akt betritt Heinz die Bühne. Heinz ist Showmaster aus Berlin und muß ein paar Dinge erklären, weil es ein bißchen anders zu geht als sonst in der Oper. Das Publikum - "Sie haben das ja sicher schon im Programmheft gelesen" - wird zur Abstimmung gebeten: Soll Henri, Komponist mit Auftrag zu einer Faust-Oper, mit der doofen Maggy zum Jahrmarkt gehen oder mit der (auf andere Weise doofen) Greta ? Eine solche Entscheidung darf man sich natürlich nicht zu leicht machen. "Ist das nicht totaaaal demokratisch?"
Der Theaterdirektor (Ulrich Heß) braucht eine Faust-Oper...
Votre Faust, entstanden 1960 - 67, ist der Versuch, unter Verwendung aleatorischer Prinzipien das Publikum mit in das Spiel einzubeziehen. Die Szenenabfolge bietet eine Reihe von Verzweigungspunkten, zunächst durch Abstimmung für eine von zwei Spielvarianten, später durch die Möglichkeit, quasi auf Zuruf das Spiel abzubrechen und an einem neuen Punkt starten zu lassen. Dadurch sind mehrere Handlungsabläufe möglich, die einem vorgegebenen Schema folgen - ganz frei verläuft das Spiel auch nicht. Die Zuschauer in Bonn haben dreimal die Chance, ihrem Theater die rote Karte zu zeigen, wenn ihnen der Ablauf nicht paßt. So entsteht zumindest theoretisch eine Art von Basisdemokratie in der Oper.
...und vergibt einen Kompositionsauftrag an Henri (Jens Winterstein)...
Über die Musik sagt Pousseur, daß sie praktisch nur noch aus Zitaten bestehe: Von Monteverdi bis zur neuen Wiener Schule findet man alles nur denkbare, mal weniger, meist mehr verfremdet. Überraschend fügt sich das aber zu einem durchaus eigenen, sehr transparenten Stil zusammen (und wird zudem von den 12 Musikern der MusikFabrik - Landesensemble NRW ganz exzellent zu Gehör gebracht). Diese musikalische Technik korrespondiert mit dem Text, der mit dem Faust-Stoff und seiner vielfältigen Rezeptionsgeschichte ebenfalls zitatenreich spielt. Auf der Bühne agieren fünf Schauspieler, ein Gesangsquartett ist dem Orchester zugeordnet und liefern mehr quasi-instrumentale Klangfarben als dramatischen Operngesang.
...der jedoch lieber mit Maggy (Franziska Geyer) flirtet, die ihn vom komponieren abhalten möchte...
Regisseurin Barbara Beyer kümmert der genaue Text nur am Rande, und so etwas wie Handlung ist nur rudimentär auszumachen. Da Frau Beyer das Bühnenpersonal äußerst geschickt zu arrangieren vermag, sieht man eine mitunter hochvirtuose Klamotte der absurderen Art: Karikaturen, die gegen Wände laufen und allerlei merkwürdige Dinge treiben. Die in einem kräftigen Pink ausgeschlagene, sich nach hinten verjüngende und ansonsten (abgesehen von ein paar Stühlen) leere Bühne (Hermann Feuchtner) unterstützt die Wirkung kongenial, und das Kostüm der Maggie (Kostüme: Lydia Kirchleitner) ist in seiner Abartigkeit preiswürdig.
...das Publikum jedoch entscheidet, daß Henri mit Greta flirten soll, und Henri, spärlich
bekleidet, muß vom Showmaster (Arne Dechow) getröstet werden...
Spätestens mit dem Auftritt des Showmasters (Arne Dechow) nimmt sich die Inszenierung selbst aufs Korn: Hier werden die demokratischen Prinzipien des Werkes nicht ohne ein gehöriges Maß an Ironie vorgeführt und dadurch auch in Frage gestellt. Dechow, zu Anfang noch zum Schreien komisch, überzieht das Spiel jedoch und bringt die Inszenierung in eine Schieflage: Je weiter das Stück voranschreitet, desto mehr gleitet es ins nur noch Lächerliche ab. Die Mitbestimmung des Publikums nur noch als Gag zu handhaben, das ist nun doch etwas wenig. Minderheiten im Publikum zogen (zu) schnell die rote Karte, und so nahm der Abend ein abruptes Ende.
...dabei wären Maggy und Henri so ein schönes Paar gewesen! Die Bonner Oper wollte die erste wirklich gute Aufführung von Votre Faust auf die Bühne bringen - und ist auf halbem Wege stecken geblieben. An Irrwitz ist das Geschehen kaum zu überbieten; auf dem Höhepunkt stürzt sich der Künstler Henri nur noch mit einer Unterhose bekleidet ins Publikum, während vom Band das Finale aus "Don Giovanni" erklingt. Unser, d.h.: des Publikums Faust war es jedoch nicht. Vielmehr war es der Faust von Barbara Beyer und Arne Dechow.
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ProduktionsteamRegieBarbara Beyer
Musikalische Leitung
Bühne
Kostüme
Licht
Klangregie
SchauspielerTheaterdirektorUlrich Heß
Henri
Maggy / Greta
Sängerin
Richard
Showmaster
![]() Henri Pousseur ![]() Wolfgang Ott
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- Fine -