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Der Rosenkavalier


Komödie für Musik
Textdichtung von Hugo von Hofmannsthal
Musik von Richard Strauss




Premiere am Schillertheater
Wuppertal am 28. Februar 1999




Von Meike Nordmeyer / Fotos von Rudolf Majer-Finkes




Rosenkavalier goes to London - isn't it funny?


Gespannt war man schon auf die Inszenierung des Rosenkavaliers, denn Regisseur Nicholas Broadhurst hatte zuvor für seine Arbeit am Aalto-Theater, die Inszenierung des "Barbier von Sevilla" und Händels "Julius Cäsar", reichlich Lob geerntet. Die Geschichte des Rosenkavaliers wurde von Broadhurst ins heutige London versetzt, eine Verbindung, die zunächst einleuchtet, denn dort gibt es noch reichlich Adel mit verstaubten Traditionen und akuten Geldproblemen, der aber von den dagegen sorglosen Neureichen trotzdem beneidet wird. Very british soll es also zugehen anstatt wienerisch, nun denn!

In den Gemächern der Marschallin bleibt alles zunächst höchst dezent wie es sich für eine echte Lady gehört, british also in der Tat, aber eben so schlicht und klassisch, daß einfach ein zeitloser und allzu bedeutungsloser Raum entsteht. Schön singen Richetta Manager als Marschallin und Veronika Waldner als Octavian zusammen. Waldner glänzt schon jetzt mit ihrer stimmlichen Gestaltung und es ist ihr ein Leichtes hinreißend knabenhaft zu wirken. Als einziger Hinweis auf Aktualität in dieser Szene mag vielleicht der Protestler gelten, der unter den Bittstellern beim Morgenempfang mit dem Plakat "Saves the Wales" erscheint.

Im Hause von Sophie da sind die Anderen, die Neureichen, die so gerne in die Kreise des Adels vordringen möchten. Das von Ausstatter Robert Jones entworfene Interieur des Hauses von Faninal ist dementsprechend: teuer aber geschmacklos. Ein hemmungsloser Stil-Misch ist zu sehen, Empire Möbel, Jugendstil, goldfarbene Wände und schwarzer Marmor, dazu die Bediensteten im althergebrachten weißen Schürzchen und mit Häubchen neben den coolen, weil Sonnenbrillen tragenden Bodyguards. Immerhin mahnen die beiden übergroßen Bilder Gustav Klimts an den Traum von der Liebe, der in der jungen Tochter des Hauses glüht.

Die Ankunft des aufwendig in silber gekleideten Rosenkavaliers im Hause Faninals wird live im Fernsehen übertragen, ebenso die Rosenübergabe. Solch ein formelhaftes Zeremoniell hält man tatsächlich auch noch bei den heutigen englischen Adeligen für möglich, im London 1999 gerät es aber dann zum Medienereignis, die Kameras halten drauf, Paparazzi finden sich ein. Gerade weil das überkommene Verlobungs-Ritual so verstaubt und kauzig ist, wird es für die einfachen Leut zu Hause vor dem Fernseher so reizvoll. Es ist zwar albern und altmodisch, aber doch auch einfach schööööön und tröstlich, denn es kündet von der guten alten Zeit, als es noch Tradition und echten Stil gab und da noch Aristokratie zum Bewundern war... Diese Idee der Regie ist durchaus eine folgerichtige Konsequenz aus der Verlegung der Geschichte in die Gegenwart. Sie wird allerdings nur sehr verhalten und gezwungen in Szene gesetzt. Das Kamerateam steht verlegen in der Gegend rum, nachdem es einmal auf der Bühne aufmarschiert ist. Der Tumult, den die Begleiter von Ochs schließlich verursachen, überdeckt dann leider völlig das Entscheidende der Szene, das was die Musik da von den beiden jungen Menschen erzählt, die sich gerade begegnen und schmerzhaft verwirrt verzaubert voneinander sind. Geradezu nervend schlecht sind diese Begleiter von Ochs dargestellt als primitive, lüsterne Trunkenbolde. Von der sensiblen Szene und ihrer Musik bleibt somit nichts übrig.

Anschließend spielt die Geschichte bekanntlich im Extrazimmer eines Gasthauses, dieses findet sich nun in viktorianischer, historisierender Ausstattung, mit dunklem Holz vertäfelte Wände, düstere große Gemälde, Ritterrüstungen etc., ein geschmackloser Historien-Touristen-Nepp also, wie er sich heute eben an allen Touristen-Zentren der Welt findet. Das Gasthaus ist darum hier praktischerweise bereits mit einer Anlage zur Erzeugung automatischer Spuk-Effekte bestückt, das ist vielleicht spaßig aber sonst auch nichts weiter. Allzu überdreht gerät wiederum die Szene, bei der die Tatsache, daß auch noch wienerisch gesprochen wird, nur eine Turbulenz von vielen ist. Getoppt wird alles dann von dem rosa Himmelbett, das sich automatisch in den Raum rollen läßt - will heißen, daß wieder mal alle nur an das Eine denken. Das mag für den grobschlächtigen Ochs vielleicht ja auch zutreffen, als zum Schluß aber auch Sophie und Octavian sich in das rosa Gebilde zurückziehen, sorgt dieser "Gag" zwar für Lacher, mit der Oper hat das aber wirklich nichts mehr zu tun. Es bringt die Inszenierung in solch eine Schieflage zur Musik, daß sich die Regieführung Broadhursts damit endgültig selbst entlarvt: Sie ist begeistert von der eigenen Idee der Modernisierung, der Versetzung ins London 99, wartet dann aber nur mit Oberflächlichkeiten auf, sammelt laute und bunte Effekte - solch ein "very british" aber bringt nichts und sagt nichts. Es besteht kein sonderlicher Bezug zur Dichtung von Hofmannsthal, ebensowenig zur Komposition von Strauss. Die Musik war offenbar von Anfang an zweitrangig, wurde dem Regiekonzept nachgeordnet.

Ein besondere Leistung gab es allerdings doch an diesem Abend zu bewundern: Es war dies die Darstellung des Rosenkavaliers durch Veronika Waldner. Nicht nur ihr Spiel, das auf einer enormen Bühnenpräsenz beruht, ist exzellent und trifft besonders gut das Knabenhafte. Auch ihr Gesang ist herausragend, stets sicher, wohlklingend, nuancenreich. Gut ergänzt wird Waldner durch Regine Hermann als Sophie. Der besonders wichtige Text allerdings bleibt bei allen Sängerdarstellern kaum verständlich, da hilft es auch nicht, daß Richetta Manager die Betonung der Abschluß-Konsonanten hemmungslos forciert. Sie singt die Partie der Marschallin ansonsten aber sehr kultiviert, mit sanften Tönen, bietet dabei allerdings keine besonderen Differenzierungen. Hartmut Bauer als Ochs zeigt solide Leistung, bleibt aber ansonsten in den eng gesteckten Möglichkeiten seiner Rolle in dieser Inszenierung befangen.

Das Orchester konnte zunächst noch nicht ganz überzeugen, anfängliche Unsicherheiten mußten erst überwunden werden, bis man sich zum homogenen Spiel zusammenfinden konnte. Der Zusammenklang mit der Bühne blieb denn auch gefährdet. Zunehmend vermochte aber das Dirigat von Stefan Klieme, die großen Bögen aufzubauen und auch die Walzerfolgen im dritten Akt im angemessenen Gestus zu plazieren.



FAZIT

Beachtliche Leistung erbrachten die Musiker. Besonderer Glanzpunkt des Abends war zweifellos Veronika Waldner mit ihrer bewunderungswürdigen Darstellung des Octavian. Die Inszenierung fängt harmlos langweilig an, mutet dem Zuschauer dann aber wirklich einiges an oberflächlichen Albernheiten zu. Ein Regiekonzept ist zwar zu erkennen, es hat aber nichts mit der musikalischen Aussage der Oper zu tun.






Szenenfoto

Cover des Programmheftes.
Die Abbildung zeigt Octavian (Veronika Waldner)
und Sophie (Regine Hermann) kurz nach
der Rosenübergabe im Hause Faninals.



Logo: Schillertheater NRW





Musikalische Leitung
Stefan Klieme

Inszenierung
Nicholas Broadhurst

Bühne und Kostüme
Robert Jones

Choreinstudierung
Johannes Knecht

Dramaturgie
Martin Griesemer




Solisten

Die Feldmarschallin
Richetta Manager

Der Baron Ochs auf Lerchenau
Hartmut Bauer

Octavian
Veronika Waldner

Herr von Faninal
Adam Hollmann

Sophie
Regine Hermann

Jungfer Marianne Leitmetzerin
Noriko Ogawa-Yatake

Valzacchi
Arthur Friesen

Annina
Shauna Elkin

Ein Polizeikommissar
Claudius Muth

Der Haushofmeister
bei der Feldmarschallin
Florian Simson

Der Haushofmeister
bei Faninal
Osvaldo del Rio

Ein Notar
Joachim Gabriel Maaß

Ein Wirt
Florian Simson

Ein Sänger
Thomas Piffka

Drei adelige Waisen
Christina Kallergis
Katharina Greiss
Annemarie Tributh

Eine Modistin
Rosina Andriollo

Ein Tierhändler
Werner Herring

Hyppolite
Frank Pohler

Leopold
Jochen Bauer

Kinder
Sofia Aslichanidou
Simon Even
Lisa Longo
Lise Mohr
Annemarie Özpinar




Chor und Extrachor
der Oper Wuppertal
Statisterie der Oper Wuppertal
Sinfonieorchester Wuppertal







Szenenfoto

Richetta Manager als Hofmarschallin,
Veronika Waldner als Octavian
(hier gerade als Mariandl verkleidet)
und Hartmut Bauer als Ochs.









Weitere Aufführungen

März 99: 10., 12., 20.,
28. (18 Uhr)
April 99: 21., 24.
Mai 99: 29.

Beginn wenn nicht anders
angegeben um 19 Uhr








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