Online Online Veranstaltungen & Kritiken
Musiktheater
Homepage zurück e-mail Impressum




Tristan und Isolde

Handlung in drei Aufzügen
Musik von Richard Wagner
Dichtung vom Komponisten

Premiere im Opernhaus der Stadt Köln
am 8. Februar 1998

Von Stefan Schmöe / Fotos von Klaus Lefebvre



Tristan-Elend


Tristan ist ein nicht mehr ganz junger Mann im schwarzen Rollkragenpullover; kein Held, Ritter schon gar nicht. Isolde ist ebenfalls in unauffälliges Schwarz gekleidet, mehr Sekretärin als Königstochter. Um sie herum liegen auf der gesamten Bühne verteilt leblose Körper, Puppen, die in schwarze Anzüge gekleidet sind. Günter Krämer verlegt das Drama in einen abstrakten Raum, der aber unserer Zeit zuzuordnen ist. Inmitten einer erstarrten Gesellschaft, die stets präsent ist, vollzieht sich die Liebe zwischen Tristan und Isolde als Ausbruch aus (heutigen) bürgerlichen Konventionen. Krämer entmythologisiert das Werk und holt es in die Alltagswelt zurück.

Foto: Köln/Tristan und Isolde „Tristan und Isolde“ zeigt sich merkwürdig resistent gegen inszenatorische Vereinnahmungen. Wo die „Handlung“ sich praktisch ausschließlich in der Musik abspielt, verliert die Szene gezwungenermaßen an Gewicht. Krämer läßt seine Isolde von Beginn des Vorspiels an gefesselt und mit verbundenen Augen zur Bewegungslosigkeit verurteilt an der Rampe sitzen und singen, bis Tristan den Sühne-/Liebestrank entgegennimmt (also fast eine geschlagene Stunde): Die Aussagekraft des Bildes hat sich schnell erschöpft, der Erkenntnisgewinn bleibt gering. Wir haben anderswo andere Isolden in höchster Erregung auf und ab gehen sehen, Brangäne wurde mal mehr, mal weniger von ihrer Herrin gequält, hier gab es keltische Symbole, dort abstrakt-schickes Design - so unterschiedlich auch die Ideen, so ähnlich die Wirkung. Der Musik in den langen Erzählungen des ersten und dritten Aufzuges oder der großen Liebesszene des zweiten Aktes wirklich autonome Bilder entgegenzusetzen scheint unmöglich. So könnte Krämers Regie an vielen Stellen ausgetauscht werden mit anderen, vom Ansatz her gegensätzlichen Inszenierungen, ohne daß es groß auffiele.

Foto: Köln/Tristan und Isolde In Bayreuth hat Heiner Müller (dessen Inszenierung von Krämer bewußt oder unbewußt in manchen Elementen zitiert wird) mit den grandiosen Bühnenbildern von Erich Wonder ein wuchtiges ästhetisches Gegengewicht zur Musik gesetzt. Krämers Grau in Grau (Ausstattung: Gottfried Pilz) bleibt in diesem Punkt unentschlossen: Ein paar hübsche Einfälle der Lichtregie (Licht: Manfred Voss) spiegeln eine abstrakte Ästhetik wider, ein Tisch mit zwei Stühlen - Insignien bürgerlich-geordneten Lebens - als sehr konkrete Spielelemente brechen die Abstraktion sofort wieder auf. Leider funktioniert diese Brechung oft nicht. Der sterbende Tristan wankt in konventioneller Leidensgestik im dritten Aufzug wohl ein Dutzend mal um diesen Tisch herum, im ersten Aufzug mußte er sich gar etwas unbeholfen durch eine Luke zu Isolde ins Innere des Schiffes abseilen lassen. Seinen an sich interessanten Ansatz führt Krämer viel zu wenig (und an einigen Stellen unfreiwillig komisch) aus.

Vielleicht kann man über die Inszenierung erst dann gerecht urteilen, wenn sie musikalisch adäquat umgesetzt wird. Die Premiere geriet zum Zitterspiel mit bösem Ausgang. Zuerst verschlug es Hanna Schwarz als Brangäne, im ersten Aufzug von einer plötzlichen Indisposition überrascht, die Stimme; so daß sie nur noch markieren konnte. Ihre „Habt acht“-Rufe wurden, ein Kuriosum, von der überragenden Gabriele Schnaut (Isolde) mitgesungen. Siegfried Jerusalem stürzte das Publikum in ein Wechselbad der Gefühle. Auf klangschön und intelligent gesungene Passagen folgten immer wieder Kiekser, durch abenteuerliche Intonation wollte Jerusalem sich hin und wieder die ganz hohen Töne ersparen, und der letzte Aufzug endete in bellendem Sprechgesang. Aage Haugland war ein sehr menschlicher, aber auch leicht heiserer Marke, Jürgen Freier ein sehr solider Kurwenal.

Foto: Köln/Tristan und Isolde Gabriele Schnaut ist eine phänomenale Isolde. Stimmlich verfügt sie selbst in den hochdramatischen Momenten über schier unglaubliche Reserven, bleibt aber stets klangschön. Im ersten Akt sang sie noch fast zu kontrolliert, etwas eintönig in der Farbgestaltung. Das mag auch daran gelegen haben, daß ihr adäquate Partner fehlten, denn neben den Ausfällen im Sängerensemble blieb auch der Orchesterpart blaß. Schlechte Balance zwischen Bläsern und Streichen und mangelnde Präzision deuten darauf hin, daß Donald Runnicles nicht allzu intensiv mit dem Orchester gearbeitet hat. Von gestalterischem Willen war erst im dritten Aufzug etwas zu merken, bis dahin zerfiel der Orchesterpart in mehr oder weniger schöne) Einzelheiten.

Wie es denn hätte werden können deutete sich beim Liebestod an (den Krämer als solchen verweigert). Isoldes Abgesang endet nicht in Verklärung, sondern Resignation. Sie setzt sich an den Tisch, dem toten Tristan gegenüber, den Kopf auf die Arme gestützt. Die bürgerliche Ordnung ist wiederhergestellt, Brangäne räumt auf. Man kann über dieses Bild streiten, aber es ist prägnant, und musikalisch paßt hier endlich einmal alles zusammen. Eben diese Prägnanz ist es, die an so vielen anderen Stellen fehlt.


FAZIT

Gerade noch junger Gott, und im nächsten Atemzug bleibt ihm der Ton im Halse stecken: Siegfried Jerusalem und eine irgendwie verkorkste Produktion stürzen das Publikum in ein Wechselbad der Gefühle zwischen Weltklasse und Provinzposse. Den Überblick behält nur Gabriele Schnaut.

Logo: Oper Köln

Musikalische Leitung
Donald Runnicles

Inszenierung
Günter Krämer

Bühne und Kostüme
Gottfried Pilz

Chor
Albert Limbach

Licht
Manfred Voss

Mitarbeiter Regie
Christian Schuller

Dramaturgie
Ralf Hertling
Barbara Maria Zollner


Solisten

Isolde
Gabriele Schnaut

Brangäne
Hanna Schwarz

Tristan
Siegfried Jerusalem

König Marke
Aage Haugland

Kurwenal
Jürgen Freier

Melot
Michael Vier

Ein Hirt
Martin Finke

Ein Steuermann
Tobias Scharfenberger

Junger Seemann
John Marsden

Gürzenich-Orchester
Kölner Philharmoniker

Opernchor der Bühnen
der Stadt Köln


Weitere Aufführungen

Februar '98: 11., 14.
März '98: 1., 4.,
7. (zum letzten Mal
in dieser Spielzeit)



Foto: Köln/Tristan und Isolde

Aage Haugland (König Marke)
und Gabriele Schnaut (Isolde)



Foto: Köln/Tristan und Isolde

Siegfried Jerusalem (Tristan)
und Jürgen Freier (Kurwenal)





impressum zur&uumlck e-mail Impressum
©1998 - Online Musik Magazin
http://www.bergnetz.de/omm
*****"