Premiere an den Bühnen der Stadt Köln am 4. Oktober 1996
Graf Almaviva: Jean-Luc Chaignaud Gräfin Almaviva: Nina Stemme Susanna: Edith Lienbacher Figaro: Reinhard Dorn Cherubino: Ute Döring Marcellina: Regina Mauel Basilio: Johannes Preißinger Don Curzio: Bengt-Ola Morgny Dr. Bartolo: Dieter Schweikart Antonio: Klaus Bruch Barbarina: Natalie Karl 1. Bauernmädchen: Karen Sourry 2. Bauernmädchen: Laura Cabiria
Engelchen oder Teufelchen fragt man sich während der forsch aufgespielten Ouvertüre, sobald man die rote Gestalt mit buschigen Flügeln erblickt. Doch ritzt sie sich in den Arm, um mit Blut die Verse der Liebe zu schreiben, so wird klar: Der Cherubino ist's, von engelhafter Gestalt, nur rot entflammt, nein, kein Teufel. Auf der Suche nach Liebe ist er, wie eigentlich alle Figuren, die an diesem Abend über die Bühne eilen und manchmal sogar einen Moment verweilen werden im Versteck- und Verwirrspiel am Hofe.
Es geht um die Personen in dieser Inszenierung, wie sie in den engen oder den großen leeren Räumen zueinander stehen, und wie der heißblütige Graf, jung und von südländischem Aussehen, durch sie hindurch fiebert, und doch von allen ausgespielt wird. Die Klugen, das sind die Frauen, sie behalten bei aller Liebe den überblick. Sie sehnen sich am meisten nach Liebesglück, und meinen damit aufrichtige Beziehung und Treue. Sie wollen wissen, wie es darum steht und stellen die Liebe auf die Probe...
Dieserart Geschehnisse werden in schön gestalteten Räumen gut ausgespielt, mit bewegungsfreudigen, natürlichem Ensemble. Der Witz, den das Libretto bietet, wird genutzt. Darüber hinaus aber zeigen sich keine neue Einsichten, nichts Vielschichtiges wird geboten. Die Herrschaftsstruktur, die Beziehung zwischen Herr und Diener, Herrin und Dienerin wird nicht thematisiert. Figaro ist nicht besonders aufsässig, der Herzog erscheint nicht zwiespältig in seiner Rolle. Er steht nicht als der Herrscher, auch nicht als der bereits selbst eingeschränkte, auf der Bühne. Vereinzelt wirkt es da, wenn der Chor sein Lied einmal zum Protest gegen den Herzog werden läßt.
Keine der Gestalten in der Szenerie wird problematisiert, keine neu gezeichnet. Mit Ausnahme vielleicht der Marcellina, sie ist nicht die alte lästige, weil zudringliche Dame, sondern sie ist jung und sinnlich und dabei zudringlich. Wenn das so ist, ist das natürlich etwas anderes... Die Variante bleibt im Verlauf der Geschichte jedoch folgenlos.
Auf der Bühne werden Räume aufgestellt, das Kulissenhafte an ihnen ist stets sichtbar, die Geschehnisse auf der Bühne bleiben ein Theaterspiel. Zu sehen ist auch häufig, was vor den Toren der jeweiligen Räume sich anbahnt, so entsteht eine Spannung nach Manier der 'suspense'-Technik: Das Publikum ist immer einen Blick voraus. Witzig ergänzt wird dieser Kniff durch das barocke Schmuckwerk an Wänden und Türen: Putten und dargestellte Personen nehmen die kommenden Turbulenzen vorweg. Wichtiges Element sind auch die Türen selbst: Viel zu kleine Türen bestimmen die Kammer von Figaro, in der noch nicht mal richtig Platz zum verstecken bleibt. Der Raum, in dem der Herzog brütet, ist zwar viel größer, aber besitzt viel zu viele Türen, und auch hier ist kein Platz vor lauter freier Fläche.
Musikalisch wurden die Räume von einem ausgesprochen sicheren Ensemble belebt, das mit schönen, ausgeglichenen Stimmen sehr miteinander harmonisierte. Die Ensemblestellen waren auf dem Punkt und klanglich eine wahre Wonne. Zart und intensiv stimmten Susanna und die Gräfin zusammen. Edith Lienbacher gestaltete die Partie der Susanna mit reichen Schattierungen, Nina Stemme als Gräfin wußte ihre Arien spannend und mit Innigkeit vorzutragen. Reinhard Dorn als Figaro überzeugte mit kräftiger und zugleich geschmeidiger Stimme. Auffallend war sein streckenweise sehr deklamatorischer Stil, und er bewies ein herrlich flinkes Plappermaul. Außerordentlich erfreulich waren die allesamt sehr gut einstudierten und natürlich dargebrachten Rezitative. Heftige Eifersucht machte Jean-Luc Chaignaud als Graf sicht- und hörbar.
Das Orchester erklang energisch und präzise, dabei immer auch nuancenreich. Hier wurde intensiv gearbeitet vor der Aufführung. Dirigentin Alicja Mounk vermochte dichtesten Zusammenklang zwischen Sängern und Orchester herzustellen, beide Seiten waren immer sehr zusammen. Zudem ließ Mounk das Orchester an entscheidenden Stellen noch innehalten vor dem nächsten Einsatz, um jenem stummen Erstaunen Gehör zu verschaffen, in das mehrmals die Personen auf der Bühnen geraten, bis die Sprache wieder einsetzt.
Das Publikum feierte das Ensemble und das Orchester unter Mounk, und es bot markanterweise zu gleichen Teilen laute Buh- und Bravorufe für Regie und Bühne. Das spricht für das Publikum, vielleicht ja auch für die Inszenierung.
Was die musikalische Ausführung betrifft, sollte man sich diesen gelungenen und selten so ausgewogenen 'Figaro' nicht entgehen lassen.