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Gugeline


Bühnenspiel in 5 Aufzügen
Dichtung von Otto Julius Bierbaum
Musik von Ludwig Thuille




Premiere am Theater Hagen
am 18. April 1999




Von Meike Nordmeyer / Fotos von Bettina Stöß




Wiederentdecktes Liebesmärchenlehrstück


Das Theater Hagen bot einen weiteren Beitrag seiner verdienstvollen Reihe der Einstudierung von unbeachteten Werken der Operngeschichte. Durch dieses engagierte Projekt wird in jeder Spielzeit eine Oper der Vergessenheit entrissen und erneut zur Diskussion gestellt. Diesmal kam die "Gugeline" von Ludwig Thuille seit 98 Jahren erstmals wieder zur Aufführung.

Ludwig Thuille erzielte zu seinen Lebzeiten mit seinen Opern durchaus große Erfolge, er wurde enthusiastisch als "deutscher Puccini" bezeichnet. Heute ist er lediglich den Musikstudenten und Wissenschaftlern bekannt aufgrund der Harmonielehre, die er gemeinsam mit Rudolf Louis verfaßte und die immer noch als Standardwerk gilt. Umso erfreulicher ist es, daß sich das Theater Hagen an den Komponisten erinnert und mit der "Gugeline" Thuilles dritte Oper dem interessierten Publikum wieder einmal zugänglich macht.

Die "Gugeline" ist eine Märchenoper und reiht sich damit an die zum Ende des letzten Jahrhundert zahlreich entstandenen Opern dieser Gattung an. Zugrunde liegt Thuilles Werk eine Kunstmärchenerzählung, die der Freund des Komponisten Otto Julius Bierbaum verfaßte. Es geht in der Oper zum einen um die vom Hofe verlangte Verheiratung eines Prinzen und parallel dazu um die von der Dorfgemeinschaft erzwungene Verheiratung einer Bauerstochter namens Gugeline. Dagegen steht der andere Handlungsstrang: der Traum und die Suche nach der Liebe, die den Prinzen und die Bauerstochter antreiben. Diese Suche nach der wahren Liebe, als zentrales Motiv der Oper, führt Prinz und Gugeline zueinander, läßt sie kämpfen für ihre Liebe, und am Ende kommt es zu einer echten Märchenhochzeit. Die märchentypische Zahl Drei bestimmt den Aufbau der Oper: drei Frauen bzw. drei Männer, werden zum Zwecke der Vermählung vorgeführt. Es handelt sich jeweils um einen besonders reichen, schlauen und schönen bzw. starken Kandidaten, auch das eine typische Märchenaufzählung. Die folgende Ablehnung dieser Kandidaten und ihrer jeweiligen Vorzüge, zielt auf die zentrale Lehre des Stückes: Die richtige Person ist die, die man liebt. Die Liebe allein ist liebenswert. Dies ist die recht schlichte Einsicht, die in der Oper auf geradlinigem Weg märchenhaft entfaltet wird. Auch aus anderen Opern bekannte Motive finden sich in der Erzählung der "Gugeline" versammelt, wie zum Beispiel ein Zauberinstrument, hier eine Geige, das für die Liebenden eine entscheidende Rolle spielt,

In Hagen wurde eine moderne Inszenierung der Oper angestrebt. Der Prinz, der Gugeline begegnet, braucht sich gar nicht wie im Libretto vorgesehen zu verkleiden, er kann gar nicht erkannt werden, denn er stammt aus einer anderen Welt, von einer fernen Galaxie kommt er mit einem großen Raumschiff angereist. Das ist durchaus eine überzeugende Idee der Regie, damit ist die Märchengeschichte in die Form der heute verbreiteten fantastischen Erzählungen versetzt und wird damit zum modernen Märchen. Zudem erklärt sich damit auch das geheimnisvolle Auftreten des Prinzen und der seltsame Umstand, daß er keine Frauen und eben nicht die Liebe kennt: in seinem fernen Sternenreich ist halt alles anders. Der Begleiter des Prinzen, Buckel der Narr, der um so mehr von der Liebe weiß, bildet in der Inszenierung selbst die Zaubergeige, er wurde in ein phantasievolles Geigenkostüm gesteckt. Diese Geige, die von der Liebe singt, gehört auch zur Besatzung des Raumschiffes, sie wirkt dort aber wie ein sonderbarer Kauz in dieser glänzenden metallenen Welt und der von Disziplin geprägten, kühlen Besatzung. Die Liebe also als Fremdkörper in der heutigen vom technischen Denken geprägten Welt? So weit könnte man die Aussagen der Inszenierung deuten, schließlich gibt es dann auch das hoffnungsvolle, gute Ende zu sehen: die Liebe siegt, sie weiß die Herrscher und Technokraten zu überzeugen. Doch ergeben sich solche Hinweise der Regie eher nebenbei, in erster Linie geht es darum, das Märchen von der Liebesfindung phantasievoll zu erzählen. Das gelingt mit Hilfe einer reichen Kostümausstattung und Bühnengestaltung vor allem bei der Darstellung des Raumschiffes.

Der Garten der Gugeline ist schlicht nur eine grüne, nach hinten gefluchtete Fläche, die sich dann auch als hervorragender Landeplatz für das Raumschiff erweist. Hier finden auch die Dorfszenen statt, die Bauern stecken in dunklen Straßenanzügen, die Bäuerinnen in strengen Kostümen. Das ergibt ein wirkungsvolles Bild: eine drängende Gesellschaft, die sich wie zum Spiel auf einer Rasenfläche einfindet, wie zum Pferderennen, etwas anderes scheint diese erzwungene Bräutigamswahl der Gugeline ja auch nicht zu sein.

Ein unüberhörbares Manko der Aufführung bildet tatsächlich das Libretto. Es läßt an Tiefe doch sehr vermissen, auch wenn es vom erfahrenen Librettisten Bierbaum verfaßt ist. Neben dem sehr direkten Plädoyer für die Liebe kann man in dem Jugendstilwerk allenfalls noch eine zeittypische Hof- und Gesellschaftskritik finden, die sich in der doppelten parodistischen Vorführung der drei Hochzeitskandidaten erkennen läßt. Ansonsten verfolgt der Text aber doch allzu geradlinig mit naiv zärtelnden Worten die Geschichte von der Zusammenführung der Liebenden. Die Inszenierung weiß diese Schwäche nicht auszugleichen. Sie erzählt ebenso einfach die Liebesgeschichte mit, und das tut sie trotz Raumschiff und Kosmonauten in eher konventioneller Art. Es gibt auch im Weltraum offenbar traditionelle Gesten und Bilder für die Empfindungen, so kommt der in Liebe entbrannte Prinz dann auch im Mond vom Himmel geschwebt. Das beeindruckt die junge Gugeline. Diese wird im brautzarten Kleid kindlich und herzig dargestellt. Zur Hochzeit bekommt sie überglücklich eine kleine Krone aufgesetzt. So modern ist die Inszenierung dann doch nicht.

Die Sängerdarsteller erbringen sehr verläßliche, fundierte Leistung. Für den Prinzen wäre zwar eine Besetzung mit einer größeren Tenorstimme denkbar, aber Volker Thies meistert die Anforderungen der Partie durchaus. Stimmschön und beweglich ist er als Prinz zu hören. Kindlich und freudig gesungen und gespielt wird die Gugeline von Peggy Steiner, und sie bildet damit der Titelrolle entsprechend den Mittelpunkt des Bühnengeschehens. Auch die zahlreichen Nebenrollen konnten gut besetzt werden.

Die Orchestermusik der Gugeline illustriert über weite Strecken frohgemut das Geschehen auf der Bühne. Immer wieder verdichtet sie sich aber auch unmittelbar zu hochdramatischen Ausdruck und entfaltet eine dicht gearbeitete Harmonik, die unverkennbar ein intensives, gekonntes Substrat der typischen Tonsprache ihrer Entstehungszeit bildet. Mehrfach ergeben sich deutliche Anklänge an die Wagnerschen Opern, auch das Tristan Motiv winkt von ferne, doch unversehens verflüchtigen sich diese bestimmten Klänge auch wieder und finden zur eigenen Erzählung des Märchens auf der Bühne zurück. Mit Puccini hat die Musik Thuilles weniger zu tun, abgesehen von dem gewissen Geigenstrich, der die Musik durchzieht. Die Nähe zu Wagner ist stärker.

Das Orchester unter der Leitung von Georg Fritzsch musiziert engagiert und konzentriert, nur gelegentlich etwas zu massiv und bläserbetont. Es spielte sich allerdings letztlich noch nicht ganz frei, das mag sich noch entwickeln. Die Liebesgeigenmusik könnte vielleicht noch mit mehr Schmelz ausgespielt werden.



FAZIT

Ein sehr interessanter Abend wurde in Hagen geboten, gab es doch eine nahezu unbekannte Oper eines fast vergessenen Komponisten zu hören. Die Inszenierung erzählt die Geschichte der Oper phantasievoll aber auf einfache Weise. Sehr deutlich wurde dabei der inhaltlich recht glatte und simple Charakter der Oper als schlichtes Lehrstück der Liebe. Musikalisch wurde beachtliche Leistung gezeigt, die Komplexität der Komposition konnte gut entfaltet werden.






Szenenfoto

Gugeline (Peggy Steiner) im Garten
mit ihrer Gießkanne (Stefan Adam).



Logo: Theater Hagen




Musikalische Leitung
Georg Fritzsch

Inszenierung
Angela Brandt

Bühne
Harald B. Thor

Kostüme
Dorin Kroll

Choreinstudierung
Konrad Haenisch

Dramaturgie
Peter P. Pachl




Solisten

Gugeline
Peggy Steiner

Der König
Horst Fiehl

Der Prinz
Volker Thies

Buckel, der Narr
Werner Hahn

Obersthofmeister
Jürgen Dittebrand

Die reiche Prinzessin
Yamina Maamar

Die gelehrte Prinzessin
Marilyn Bennett

Die schöne Prinzessin
Gesa Hoppe

Der alte Kammerdiener
Bardo Michaelis

Der Gärtner
Stefan Adam

Die Gärtnerin
Daniela Nedialkova

Der Schulze
Sergio Gomez

Der reiche Bauer
Klaus Nowaczyk

Der schlaue Bauer
Richard van Gemert

Der starke Bauer
Stefan Adam

Der Dorfwaibel
Reinhard Leisenheimer

Der Ausrufer
Savo Pugel



Das Philharmonische
Orchester Hagen
Der Opernchor und der
Extrachor des Theater Hagens

Die Blumenkinder werden
von der Ballettschule Ivancic
dargestellt







Szenenfoto

Der Prinz (Volker Thies)
und Gugeline (Peggy Steiner)
sind so glücklich.







Szenenfoto

Der starke Bauer (Stefan Adam)
kann Gugeline auch nicht
überzeugen.








Weitere Aufführungen

April `99: 20., 26., 28.
Mai `99: 9., 11., 19,. 23.
Juni `99: 6.





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