Online Veranstaltungen & Kritiken
Musiktheater
Homepage zur&uumlck e-mail Impressum




Hagen: Aus der Matratzengruft

Aus der Matratzengruft


Ein Liederspiel nach und mit Heinrich Heine
von Günter Bialas

Premiere am Theater Hagen
am 8. November 1997

von Stefan Schmöe
Fotos von Dietrich Dettmann




Heinrich Heine besiegt mühelos das Theater Hagen


Inflation der Bilder

"Matratzengruft" hat der sterbenskranke Heinrich Heine sein Krankenlager der letzten Lebensjahre in Paris genannt. Unter Schmerzen auf den Tod wartend hat er in Gedichten über seinen Zustand reflektiert - voller Spott, Ironie und Sarkasmus. Diese Texte bilden den Ausgangspunkt für Bialas' Komposition "Aus der Matratzengruft", ursprünglich 1983 als Liederzyklus konzipiert, 1992 zum "Liederspiel" erweitert. Neben Gedichten finden sich dort auch Passagen aus dem "Wintermärchen", Briefen, Heines Memoiren oder dem Testament wieder.

Bialas hat nicht zwingend eine szenische Realisierung vorgesehen, sondern auch an die Möglichkeit einer oratorischen Aufführung gedacht. Da deutet sich bereits das Hauptproblem des Werkes an: Unter theatralischen Gesichtspunkten ist die Konzeption ein wenig dünn. Der sterbende Heine, der sich an Episoden aus seinem Leben erinnert (und viele eigene Texte singt oder auch "nur" rezitiert) bietet einen an dramatischen Höhepunkten armen Plot. Die kammermusikalisch delikate Komposition sperrt sich ebenfalls gegen den Zugriff der großen Oper. Andererseits bezieht das Werk gerade daraus seinen besonderen Reiz - und stellt uns vor die spannende Frage: Wie wird das Theater damit fertig ?

Hagen: Aus der Matratzengruft Regisseur Rainer Friedmann war sich diesem Problem offenbar sehr bewußt und setzt der dramatischen Sparsamkeit des Liederspiels eine Fülle von szenischen Bildern und Symbolen entgegen. Da verheddert sich der am Vaterland leidende Heine in eine riesige Flagge und muß ein Kreuz aus überdimensionalen Bleistiften tragen; die Venus von Milo, Inbegriff der Schönheit, wird von Kommunisten vom Sockel geholt (zum passenden Heine-Text, versteht sich) und später durch ein anatomisches Modell des Menschen, Inbegriff von Krankheit, ersetzt (welches Heine trotz aller Bemühungen nicht vom Sockel herunter bekommt). Wenn Heine im Gedicht von Käfer und Fliege erzählt, kommen diese flugs auf die Bühne, als sei's eine naive Märchenoper, und volkstümelnd dümmliches Volk auf der Bühne unterstreicht den revuehaften Charakter einiger Passagen.

Hagen: Aus der Matratzengruft Kein Bild, kein Symbol, das nicht legitimiert wäre: Eine Inszenierung wie aus dem Lehrbuch. Leider auch manchmal ähnlich trocken. Die Bilder folgen mit großer Berechenbarkeit aufeinander, Überraschungen bilden die Ausnahme. Der inflationäre Gebrauch solcher Symbole verführt uns zu der ewig altklugen Erkenntnis: Weniger wäre hier mehr gewesen. Irgendwie ist bezeichnend, daß nicht ein einziges mal gelacht wurde - obwohl der Text manchmal geradezu Gelächter herausforderte.

Hagen: Aus der Matratzengruft An dem überragenden Werner Hahn als Heine, von der Regie zu permanentem Siechtum verdammt, lag es ebensowenig wie an den anderen Sängern oder dem von Till Drömann sensibel geleiteten Orchester, daß von dieser Aufführung vor allem die gesprochenen Gedichte Heines in Erinnerung bleiben dürften. Gesungenes ist leider oft schwer zu verstehen, selbst wenn sich die Sänger sehr darum bemühen, und verfehlt daher ein wenig seine Wirkung - vielleicht ist die "Matratzengruft" auch deshalb besser im Konzert aufgehoben.

Das Publikum honorierte den engagierten Versuch, Heine musikalisch-szenisch nahezukommen, mit langem Applaus. Daß er sich gegen solche Annäherungen resistent zeigt, kann auch als Zeichen von Heines Genialität gewertet werden.


FAZIT:

Auch der exzellenter Hauptdarsteller kann nicht darüber hinwegtäuschen: Einem etwas akademisch geratenen Heine-Abend fehlt es an Humor.

Logo: Oper der Stadt Hagen

Musikalische Leitung
Till Drömann

Inszenierung
Rainer Friedemann

Bühne
Peter Umbach

Kostüme
Wanda Richter-Forgách

Choreinstudierung
Konrad Haenisch


Solisten

Heinrich Heine
Werner Hahn

Sopran (Die Mouche,
Fliege, Lotosblume)
Gesa Hoppe

Sopran (Mathilde, Parze,
Konzertsängerin)
Ilse-Christine Otto

Mezzosopran (Pauline, Parze,
Konzertsängerin)
Marilyn Bennett

Tenor (der junge Heine)
Volker Thies

Alt
Yamina Maamar

Bariton
Thomas Bonni

Baß
Sergio Gomez



Der Opernchor des
THEATER HAGEN

Das Philharmonische
Orchester Hagen

Die Statisterie des
THEATER HAGEN





Weitere Aufführungen

November '97: 10., 15., 23.
Dezember '97: 2., 17.



Hagen: Aus der Matratzengruft

Zusammengebrochen unter der
Last der Symbolik:
Heinrich Heine (Werner Hahn)



Hagen: Aus der Matratzengruft

Leiden am Volk:
Heinrich Heine (Werner Hahn)





impressum zur&uumlck e-mail Impressum
©1997 - Online Musik Magazin
http://www.bergnetz.de/omm
*****"