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GELSENKIRCHEN: Lulu

Lulu

Oper in drei Akten
von Alban Berg
nach Frank Wedekind
3. Akt von F. Cerha

Premiere des Schillertheaters NRW
im Musiktheater Gelsenkirchen
am 21. September 1997

Von Annette van Dyck / Fotos von Rudolf Finkes



Die rar aufgeführte 'Lulu' in Gelsenkirchen

Langweilige Inszenierung, beeindruckende Intonation

"Ein Kunstwerk realer Humanität"?

Wir lieben und verehren den Musikphilosophen Theodor W. Adorno, soweit wir seine Meinung teilen, aber in Bezug auf 'Lulu' können wir uns nicht mit Adornos Ansicht abfinden, daß 'Alwa', 'Lulus' dritter offizieller Mann, der 'humane Retter der Verfemten', das Fanal gegen die Prüderie sein könnte und 'Lulu' das Tier ohne Bewußtsein, das sich "im Jenseits den Schlaf aus den Augen reibt".

Nein, nein: Wedekind, der Autor der literarischen Vorlagen, bietet doch etwas mehr Interpretationsspielraum, wenn er die Namenlosigkeit 'Lulus' zur Sprache bringt ("Ich nannte sie Mignon." - "Ich meinte, sie hieße Nelly."). Es geht in 'Lulu' um sexuelle Freizügigkeit und komplizierte Beziehungen, um die Doppelmoral von Ehemännern und die vergängliche Macht der Frau, um die Angst der Männer vor der weiblichen Kaltblütigkeit, um männliche Egozentrik, weibliche Abhängigkeiten und ganz generell um das Geliebt-werden-wollen. Nebenbei verteilt Wedekind Seitenhiebe auf die Kunst, die Wirtschaft und die Salonkultur der zwanziger Jahre.

Alles in allem also ziemlich interessante Themen, die von Alban Berg in den dreißiger Jahren unseres Jahrhunderts in wunderschöne moderne Musik verpackt wurden. Es klingt nach Gershwin und Puccini, Strauss; und Debussy, will sagen, eben nach Berg. 'Lulu' hat einen bestechenden Koloratur-Sopran-Part zu singen, wer tiefe Frauenstimmen liebt, wird den Part der 'Geschwitz' mögen, und die Männerrollen decken beinahe die ganze Palette der Stimmregister ab vom tiefen Baßbuffo bis zum jugendlichen Heldentenor.

EIN GÄHNEN MACHTE SICH BREIT

Leider verstand sich die Inszenierung nicht darauf, auch nur eine interessante Nuance des Stoffes herauszustellen. Wollte man alles und damit gar nichts? Oder hatte man sich insgeheim der (auch im Programmheft abgedruckten) Interpretation Adornos angeschlossen, die alle 'Schuld' der Frau zuschiebt und über ein Bild der 'femme fatale' als männermordende Lolita nicht hinauskommt?

Aber gut, selbst altmodische Ansichten lassen sich fesselnd vorstellen! Hier aber verstärkte sich von Stunde zu Stunde (insgesamt 3 3/4 Stunden!) der gelangweilte Eindruck, daß die Inszenierungsarbeit über den Entwurf einer aufwendigen Bühne nicht hinausgekommen war. Es gab kaum Lichtveränderungen (Licht ist als Gestaltungspart der Inszenierung im Programmheft auch gar nicht vorgesehen), eine konzeptlose Requisite (manches gab es, anderes eben nicht) und keine Umbauten außer einem gelegentlich heruntergelassenen Vorhang und der netten Idee, Sofas mit Stehlampen im Raum schweben zu lassen. Der ungewöhnlichste Vorgang war eine (in der Partitur ohnehin vorgesehene) Stummfilmprojektion, die aber weitgehend wiederholte, was wir auf der Bühne schon gesehen hatten - immerhin beinhaltete dieser Effekt mal einen Perspektivenwechsel.

Danach bzw. nach dem zweiten Akt hätte gut und gerne Schluß sein können, aber es gibt die posthume Nachkomposition des dritten Aktes durch Friedrich Cerha nun einmal; und sie beruht selbstverständlich auf gesicherten Quellen und gewissenhafter Arbeit, und schließlich enthält sie wirklich noch einige dramaturgisch wertvolle Szenen (wie z. B. das Ende der 'Lulu'). Doch die 'Geschwitz' auf die vollerleuchtete Bühne treten zu lassen mit den Worten "Wie dunkel es hier ist.", gemahnte wirklich nicht an Brechtsches Lehrtheater, sondern eher an Einfallslosigkeit.

LITERATUROPERN UND DIE TEXTVERSTÄNDLICHKEIT

Mag sein, daß Bergs zweite Oper stellenweise etwas zu üppig instrumentiert ist (nämlich u. a. mit 5 Kontrabässen), um die Feinheiten eines aus den Tragödien "Erdgeist" und "Die Büchse der Pandora" komponierten literarischen Stoffes rein akustisch verständlich werden zu lassen. Uns erreichten jedenfalls höchstens dreißig Prozent des Textes; der Rest ging in der oft auch zu lauten Musik unter.

Ansonsten war die musikalische Seite der Lichtblick des Abends: das Orchester schlug sich wacker unter seinem Leiter Johannes Wildner durch die schwierige Partitur, Judy Berry als 'Lulu' beherrschte ihre Partie mit glänzender Leichtigkeit, Gudrun Pelkers dramatischer, weicher Mezzosopran paßte herrvorragend zu der tragischen Figur der 'Gräfin Geschwitz', sämtliche Männerrollen waren gut besetzt; besonders gefielen mir Nikolai Schukoff als selbstmordgefährdeter 'Maler' wegen seiner ruhigen, ausdrucksstarken Darstellung und einer ebensolchen Stimme sowie Krzysztof Klorek als zwielichtiger 'Athlet', dessen Auftritte die ganze Bühne mit Leben füllen konnten und der mehr als sonst jemand um Sprachdeutlichkeit bemüht war.

Ausfälle gab es nicht zu verzeichnen; im Gegenteil gelang es dem Ensemble durch eine runde musikalische und schauspielerische Leistung dem Abend, der schon kein Salz abbekommen hatte, noch ein wenig 'Pfeffer' zu verleihen.

FAZIT

Leider ist die Gelsenkirchener 'Lulu' nicht uneingeschränkt empfehlenswert, und das ist eine Schande, da diese Oper so selten aufgeführt wird, daß sie - wenn schon - eine durchdachte und sorgfältige Inszenierung verdient. Stattdessen macht sich nach ca. einer Stunde ziemliche Langeweile breit.

Aber gehen Sie die eine Stunde hin, Karten gibt's genug, und die Preise ruinieren ja nicht! Man muß 'Lulu' schon mal gesehen haben, und sei es nur, um hinterher auf die verdorbene moderne Oper zu schimpfen.

Logo: Schillertheater NRW

Musikalische Leitung Johannes Wildner
Inszenierung Christof Nel
Bühne Stefan Mayer
Kostüme Caritas de Wit
Choreographische Mitarbeit Bennie Voorhaar
Dramaturgie Norbert Klein



Besetzung

Lulu Judy Berry
Gräfin Geschwitz Gudrun Pelker
Theatergarderobiere/
Gymnasiast/ Groom
Anke Sieloff
Medizinalrat/ Professor Heinz Mersch
Maler, Neger Nikolai A. Schukoff
Dr. Schön Bernard Lyon
Alwa Stephen Ibbotson
Schigolch Hartmut Bauer
Tierbändiger/ Jack Nikolai Miassojedov
Athlet Krzyszotf Klorek
Prinz/ Kammerdiener/ Marquis Arthur Friesen
Theaterdirektor/ Bankier Claudius Muth
Neue Philharmonie Westfalen
Statisterie des Musiktheaters Gelsenkirchen



Weitere Aufführungen

September '97: 27.(19.30 Uhr)
Oktober '97: 3.(18.00 Uhr), 12.(18.00 Uhr)
November '97: 28.
Dezember '97: 3., 10., 18.,
28. (18.00 Uhr) zum letzten Mal!



GELSENKIRCHEN: Lulu

Judy Berry (Lulu) und Bernard Lyon (Dr. Schön)



GELSENKIRCHEN: Lulu

Stephen Ibbotson (Alwa) und Judy Berry (Lulu)



GELSENKIRCHEN: Lulu

oben: Krzysztof Klorek (Athlet), und Anke Sieloff (Gymnasiast)
unten: Judy Berry (Lulu) und Hartmut Bauer (Schigolch)



GELSENKIRCHEN: Lulu

Krzysztof Klorek (Athlet) und Judy Berry (Lulu)



GELSENKIRCHEN: Lulu

Gudrun Pelker (Gräfin Geschwitz) und Judy Berry (Lulu)





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