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Daphne


Bukolische Tragödie in einem Aufzug
von Joseph Gregor

Musik von Richard Strauss

Premiere am Aalto-Musiktheater Essen
am 29.Mai 1999

Von Stefan Schmöe / Fotos von Thilo Beu



Urlaubsdias aus Griechenland

Nach der furiosen Frau ohne Schatten zum Saisonbeginn setzt das Aalto-Theater seine Bemühungen um Richard Strauss fort: Die "bukolische Tragödie" Daphne, aus dem Repertoire fast völlig verschwunden, soll ein weiteres Zeichen in der Erfolgsgeschichte der Intendanz Stefan Soltesz setzen. Ein wenig stutzig konnte allerdings der Name des Regisseurs machen: Peter Konwitschny, Shooting-Star der Szene und kaum der rechte Mann für opulente Openkulinarik im Sinne des Komponisten.

Der Inhalt, Version Strauss: Die keusche Daphne singt in mythologisch-antiker Zeit eine Hymne an die Natur und widersetzt sich den Werbungen des in Liebe zu ihr entbrannten Leukippos. Zum Dionysos-Fest erscheint Apoll in der Gestalt eines Hirten. Geblendet von Daphnes Schönheit küßt er sie, worauf sie verwirrt davonläuft. Als sich auf dem Fest Leukippos in Verkleidung Daphne nähern will, wird er von dem entzürnten Apoll getötet. Daphne erkennt, den Sterbenden in den Armen haltend, dessen Liebe, und ihre Klage läßt Apoll seinen Frevel begreifen. Er bittet Zeus, Daphne zu verwandeln, und sie wird zum Lorbeerbaum.

Bei Konwitschny liest sich das alles etwas anders. Naturempfinden hat in dieser Inszenierung keinen Platz, im Gegenteil: Der abgeschlossene, in ironischer Verfremdung klassizistisch inspirierte Bühnenraum (Johannes Leiacker) läßt bestenfalls hinter den diversen Türen Natur erahnen. Statt dessen haben die Herren des Chores lässig Schaffelle über ihre korrekt sitzenden Anzüge geworfen und blöken dem Publikum ein selbstbewußtes "Mäh!" entgegen: Das Dionysos-Fest sieht Konwitschny als Symbol für eine partysüchtige Gesellschaft, die sich hemmungslos alkoholischen und sexuellen Genüssen hingibt. Die keusche, pummelige Daphne paßt da überhaupt nicht hinein; den Baum, den sie besingt, hat sie sich gerade selbst aus Pappe gebastelt. Das antike Griechenland wird nur in Form von Urlaubsdias, Fischerboote vor Sonnenuntergang, zitiert.

Der Schwächling Leukippos - vielleicht Daphnes Blockflötenlehrer? - stellt sich mit seiner plumpen Anmache einfach zu blöde an. Der weltmännische Apoll macht es besser: Er nimmt die verblüffte Daphne kurzerhand von hinten, bevor die überhaupt merkt, wie ihr geschieht. Das ist das Ende ihrer Kindheit, sie schneidet sich die Zöpfe ab und führt der Gesellschaft einen Strip vor, dem Wahnsinn nahe. Der Chor blökt begeistert.

So hat Strauss das eigentlich nicht gemeint, das gibt der Regisseur offen zu. So kann man das Werk trotzdem lesen - wenn man sich der naiven Kunstwelt, die Strauss und sein Librettist Gregor aufbauen, verweigert. Konwitschny nimmt das Werk sehr ernst, und seine Regie ist schlüssig. Trotzdem stimmt die Aufführung streckenweise ärgerlich, denn zwischenzeitlich hat man schon den Eindruck, als wolle der Regisseur lediglich sagen: Daphne ist ein blödes Stück (und für diese ohnehin subjektive Meinung müsste man eigentlich nicht einen ganzen Abend im Theater verbringen). Die schwelgerisch lyrische Musik wird zumindest in der ersten Hälfte des Abends unter Wert verkauft, weil ihr die Inszenierung fast jede Entfaltungsmöglichkeit nimmt.

Zwar ist einiges in der Partitur zu souverän, zu "glatt" komponiert, aber vieles ist überwältigend schön. Der vielkritisierte Text Joseph Gregors stört nicht weiter, da praktisch nichts davon zu verstehen ist.

Zsuzsanna Bazsinka ist zwar glänzend in den Koleraturen und erreicht mühelos jede Höhe, bleibt aber zu sehr einem unverbindlichen Soubrettenton verhaftet. Dadurch ist die Rolle der Daphne zu eindimensional ausgelegt, als daß die Figur das nötige Gewicht bekäme. Rainer Maria Röhr arbeitet sich als Leukippos langsam an größere Aufgaben heran, der Spieltenor ist aber noch unverkennbar - das kommt der Inszenierung entgegen, ohne übermäßig zu beeindrucken. Jeffrey Dowd, dessen schneidendem Tenor es etwas an Wärme fehlt, rundet als Apoll ein gutes, wenn auch nicht überragendes Terzett ab.

Und dann wird doch noch alles ganz anders. Konwitschny setzt zwei große Akzente, indem er die Brüche der Oper überdeutlich inszeniert. Zunächst entschwindet im Terzett Daphne-Leukippos- Apoll unvermittelt die Kulisse gen Bühnenhimmel, und die drei stehen auf leerer Fläche. Als wolle Konwitschny auf einmal ernst machen, verdichtet sich die Inszenierung, geht mehr auf die Musik ein. Und nach Leukippos' Tod betritt ein "Herr, der nicht dazugehört" (so das Programmheft) mit einem Notenständer die leere Bühne und befielt Daphne, zu singen: Die Verklärung quasi auf Befehl des Künstlers. Da wird ein totalitäres Element in der Kunstauffassung, aber auch im Gesellschaftsbild, das hinter der Daphne steht, beklemmend deutlich.

Die Schlußszene ist bis ins Extrem verfremdet, und trifft doch den Kern der Oper genau. Daphne (oder vielmehr eine Sängerin, die Daphne singt) erklettert im Abendkleid einen Bühnenturm, vor dem Bühnenarbeiter einen Prospekt mit Baum in naiver Landschaft hochziehen. Die Apotheose findet nur in der Kunst statt, hat mit dem realen Leben nichts mehr zu tun. Doch als Nuance geht die Handlung weiter: Die Sängerin Daphne sucht scheu nach einem Fluchtweg, ist aber auf ihrem Podest gefangen. Und zum verklärten orchestralen Ausklang werden plötzlich Bilder eingeblendet, von Bücherverbrennung, Reichsparteitag und marschierenden Soldaten: In diesem Spannungsfeld ist das Kunstwerk Daphne 1938 entstanden.

Während die wunderbare Musik einen zu Tränen rühren kann (einmal mehr glänzen die Essener Philharmoniker, hochmusikalisch geleitet von Stefan Soltesz), jagen einem die Bilder Schauer über den Rücken. Der Regisseur wird letztendlich zum Verteidiger der Daphne und ihres Komponisten - in dem er das Werk mit allen seinen Schwierigkeiten vorstellt, es aber ungemein ernst nimmt. Die Virtuosität, mit der Konwitschny die verschiedensten Ebenen nebeneinander stellt, ist wohl kaum zu übertreffen. Natürlich brach ein Buhkonzert über ihn hinweg, schließlich hat er auch ordentlich provoziert. Aber da hinein mischten sich auch viele Bravos. Deutlich wurde jedenfalls eines: Ein blödes Stück ist Daphne nicht. Aber ein schwieriges.

Fazit

Peter Konwitschny geht keiner Schwierigkeit aus dem Weg. Das provokative Ergebnis ist ein Theaterereignis ersten Ranges.




Logo: Aalto-Musiktheater Essen



Musikalische Leitung
Stefan Soltesz

Inszenierung
Peter Konwitschny

Ausstattung
Johannes Leiacker

Choreinstudierung
Alexander Eberle

Dramaturgie
Werner Hintze


Solisten

Daphne
Zsuzsanna Bazsinka

Peneios
Marcel Rosca

Gaea
Elisabeth Hornung

Leukippos
Rainer Maria Röhr

Apollo
Jeffrey Dowd

Erster Schäfer
Heiko Trinsinger

Zweiter Schäfer
Herbert Hechenberger

Dritter Schäfer
Thomas Sehrbrock

Vierter Schäfer
Andreas Baronner

Erste Magd
Astrid Knopp

Zweite Magd
Gritt Gnauck

Ein Herr, der
nicht dazugehört
Stephan Wasenauer


Herren des Opernchores
und des Extrachores
Statisterie
Die Essener Philharmoniker



Weitere Aufführungen

Juni '99:
?



ESSEN: Szenenfoto

Kein zartes Anbandeln:
Leukippos (Rainer Maria Röhr) bedrängt
Daphne (Zsuzsnna Bazsinka). Mutter Gaea
Elisabeth Hornung) staunt nur.



ESSEN: Szenenfoto
Es lebe die Blockflöte! denkt sich
Leukippos (Rainer Maria Röhr). Das
Personal (Astrid Knopp, Grit Gnauck)
ist begeistert.



ESSEN: Szenenfoto
Die Welt entschwebt; im Leergut zurück
bleiben Leukippos (Rainer Maria Röhr,l.)
Daphne (Zsuzsnna Bazsinka) und
Apoll (Jeffrey Dowd).





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