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Wozzeck Oper in drei Akten (fünfzehn Szenen) nach dem Drama "Woyzeck" von Georg Büchner Musik von Alban Berg
Premiere an Oper der Bundesstadt Bonn Vom Mord als Normalfall"Wozzeck" von Alban Berg bedarf heutzutage sowenig einer Inhaltsangabe wie wohl nur ganz wenige Opern der jüngeren Zeit. Insofern hat Berg den gelungenen Beweis angetreten, dass Musiktheater des XX.Jahrhunderts, gerade auch wenn es diffizilste Kompositionstechniken aufwendet, nicht allein dadurch schon gehindert ist, ein Publikumserfolg zu werden, der sogar ins breitere Repertoire eindringt. Die "Oper der Bundesstadt Bonn" hat dies mit dieser Premiere abermals unterstrichen und damit mutig einen Reigen von immerhin 11 Aufführungen eingeleitet. Dabei wird die ganze Oper ohne Pausenunterbrechung in ca. 100 Minuten dargeboten. Dies korrespondiert optimal dem inszenatorischen Ansatz, das ganze Stück in nur einem Raum zu spielen, was freilich nicht heißt, dass es nicht auch gestalterische Variationen gegeben hätte, deren eines Element in der Farbgebung durch Beleuchtung bestand, woher es nicht eben unmotiviert erscheint, dass die aktuelle Ausgabe des Opernmagazins ein längeres Interview mit dem Lichtmeister Thomas Roscher enthält. Ansonsten erleidet der Raum einige drastische Verschrägungen des Bodens und seiner Spalten. Dabei wird nur selten das Bühnentotal dem Blick freigegeben. Stets öffnen sich in der samtschwarzen Wand im Vordergrund nur einzelne Fenster durch stufenlose Verschiebung einzelner Teilwände in horizontaler und vertikaler Dimension. Deren unterschiedliche Anordnung ermöglicht szenenweise divergierende Einblicke und stiftet so ständig neue Perspektiven auf einen sonst eher stabilen Raum. Die so erreichte Konzentration auf Wesentliches produziert exakt jenen Spannungsrahmen, der den DarstellerInnen ein Äußerstes an Schauspiel abverlangt, und das Bonner Ensemble hat nicht enttäuscht. Schon das 1.Bild zeigt lediglich den Stuhl, auf dem der Hauptmann sich zur Rasur niedergelassen hat und von dem er gelegentlich aufspringt oder gar auf ihn hinaufsteigt und damit Wozzecks Bemühungen um ordentliche Arbeit sabotiert. Dessen Kostüm gleicht in einigen Zügen wie z.B. der Mütze eher einer Häftlingskluft als einer Soldatenuniform. Schon hier ist der Hauptmann - wie auch später der Arzt - irrational überzeichnet. Die geradezu phantastischen Eindrücke, die nicht nur Wozzeck in den Schilderungen seiner Visionen wiedergibt, finden ihr Pendant in den von Berg "philosophisch" genannten Äußerungen, die der Hauptmann immer wieder von sich gibt. Manfred Beilharz unterstreicht dabei die Parallelität dieser beiden für Wozzecks Leiden so überaus wichtigen Gestalten durch geradezu expressionistische Personenführung. Man fühlt sich bisweilen erinnert an George Grosz' "Stützen der Gesellschaft", wenn sie ihre überdimensionierten Bäuche nur noch dank eines gewaltigen Hohlkreuzes im Gleichgewicht halten können und dabei mit ausgestreckten Beinen weit ausholende Schritte tun. Bereits die 2.Szene liefert mit ihrer gelb-gespenstigen Ausleuchtung der basis-grauen Wände und deren flackernd roter Verwandlung anläßlich Wozzecks Gesichter ein gutes Beispiel für Kraft des Lichtes und seiner Farben. Mit sonstigen Requisiten wird sparsam verfahren. Die Militärkapelle der 3.Szene tönt nur von hinten, erscheint aber nicht. Nach Margrets Lästereien schiebt Marie die ihre beiden Fenster trennende Schiebewand vor Margrets Ausschnitt und gewährt dem Publikum damit einen Einblick auf ihr karges Inventar, das nur aus der Spielzeugtrommel ihres Sohnes und einem Stuhl besteht. Auch im Laboratorium des Doktors ist bei gleißend weißem Licht nur ein Skelett auf einen Vorhang gemalt.
Im Wirtshausgarten wird's vollends irreal, wenn eine Schrammelkapelle im Hintergrund auf einem ständig pendelnden Schwebebalken hin und her schunkelt und aus dem Abgrund ein Jägerchor herauswächst, der tiefgrün ausgeleuchtet in Hochfrequenz Eichenlaubandeutungen schüttelt.
Ergreifend auch das Schlussbild: 6 Kinder baumeln ihre nackten Unterschenkel in den Orchestergraben als Gewässerandeutung, bevor sie beschließen, die gefundene Leiche zu besuchen. Maries Knabe steht hier bereits abseits mit seinem "Pferdekopf am Stiel" als Spielzeugandeutung, gehört nicht richtig zu den anderen und folgt ihrem Aufbruch nicht. Sein "Hopp hopp", Ausdruck lebendigster Sprungkraft, kontrastiert schon hier die Antizipation seiner baldigen Totenstarre. Das Dirigat von Marc Soustrout betonte das Verständnis des Wozzeck als eines Stückes aus dem romantischen Erbe, ohne sich dabei einem allzu schwelgerischen Tonfall hinzugeben. Lyrische Volllommenheit hinderte nicht an transparent-analytischer Spielweise, die auch das Fragmentarische einer in die Brüche gegangenen Welt, die eh' nur aus Bruchstücken zusammengesetzt ist, nicht übertüncht. Die Leistung der SängerInnen war von durchgehend hohem Niveau ohne störende Gefälle, das sich auch in auffallend hoher Textverständlichkeit zeigte. Hervorzuheben ist unbedingt die gewaltige schauspielrische Leistung: so wird Musikdrama im umfassenden Sinne möglich.
Expressives Musiktheater von außerordentlicher Qualität |
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne und Kostüme
Licht
Dramaturgie
choreographische Mitarbeit
Choreinstudierung
Einstudierung des Kinderchores
Solisten
Wozzeck
Marie
Tambourmajor
Andres
Hauptmann
Doktor
1. Handwerksbursch
2.Handwerksbursch
Margret
Der Narr
Maries Knabe
Ein Soldat
Ein Gast
Pianist
Statisterie der
Weitere Aufführungen
Änderungen vorbehalten.
Der Tambourmajor (Alfons Eberz) weiß etwas zu erzählen; Wozzeck und die Soldaten lauschen
Der Mord als Normalfall: Wozzeck tötet Marie |