Online Veranstaltungen & Kritiken
Musiktheater
Homepage zur&uumlck e-mail Impressum



L'ORAZIO OVVERO IL MAESTRO DI MUSICA

Commedia per musica von Antonio Palomba
Musik von Pietro Auletta, Giambattista Pergolesi und anderen
Deutsche Erstaufführung

Rekonstruktion und Revision aus verschiedenen Quellen von Marcello Panni
Freie Übertragung der Rezitativtexte ins Deutsche von Johannes Weigand

Werkstattbühne an der Oper der Bundesstadt Bonn
Premiere: Freitag, 18. April 1997
rezensierte Aufführung: Premiere

Besetzung
Rezension
Fazit
Fotos
weitere Aufführungen
Kartenbestellung


Von Heike Schumacher



Besetzung

Musikalische Leitung: Marcello Panni
Inszenierung: Marco Carniti
Bühnenbild und Kostüme: Pappi Ranchetti
Lamberto            -	Dietrich Henschel
Giacomina           -	Birgit Beer
Leandro             -	Lucia Rizzi
Lauretta            -	Anke Hoffmann
Mariuccio           -	Rhonda Ingle
Colagianni	    -	Mark Marouse
Sgorbio             -	Kai Grebert*
                    	Benedikt von Peter*
Mitglieder des Orchesters der Beethovenhalle Bonn
*Statisterie der Oper der Bundesstadt Bonn



Musikalisches Komödchen für Bonn den Archiven entlockt

Einen Leckerbissen der besonderen Art bot Marcello Panni am Freitagabend seinem Publikum auf der Bonner Werkstattbühne: eine wiederentdeckte "Commedia per Musica" aus Neapel um 1740. Dieses Pasticcio ist aus mehreren Elementen von Panni zusammengestellt worden.

Zum einen gab es das Stück L'Orazio nach dem Libretto des Antoni Palomba mit der Musik von Pietro Auletta. Es hat als Sujet das Dreiecksverhältnis von Maestro di musica, Impresario und Sänger. Nach der Uraufführung wurde es in mehreren Versionen über Europa verbreitet. Zusammen mit eingefügten Arien von Pescetti, Terradellas und Pergolesi wurde es dann ab 1753 zur Grundlage des Pasticcios "Il Maestro di Musica" . In dieser Versio wurde der Orazio zu seiner Zeit weltweit bekannt und gerne gespielt.

Panni hat dieses Stück für Bonn wiederentdeckt und dazu selbst im Stile der alten Theaterimpresarii aus verschiedenem Quellenmaterial collagiert. Neben dieser stilistisch gelungenen Neuzusammenstellung wagte er einen noch schwerwiegenderen Eingriff: er ließ die Zwischentexte von Johannes Weigand übersetzen, versuchte den Stil der alten frechen Commedia-Elemente ins Deutsche hinüberzuretten. Dies ist ihm nicht zuletzt durch die gute Anpassung an die sprachlichen Möglichkeiten seiner Sänger gut gelungen :

Der eingebildete Kapellmeister sprach wienerisch, die Landpomeranze rheinisch, der Intendant mit englischem Akzent. Nur Giacomina blieb hochdeutsch und bekam dadurch den entsprechenden hochnäsigen Touch. Der Wechsel von gesprochenem deutschen Text und italienischen Arien wirkte allerdings teilweise unfreiwillig komisch, wenn z.B. in den Arien bereits italienische Zwischentexte gesungen integriert waren, die dann noch einmal ins Deutsche übertragen werden mußten, um den Zusammenhang zu retten. Aber der Erfolg gibt hier Panni recht: mehrfach gab es Szenenapplaus, Zwischenrufe, Lachsalven im Publikum.

Die Handlung ist simpel und dient als lockeres Gerüst zur Ausführung von Bravourarien, witzigen Szenen, der Ausbreitung des komödiantischen Talents der Sänger. Es geht um den Opernbetrieb der damaligen Zeit, um Verquickung von privaten Affären und Besetzung:

Lamberto, der Kapellmeister, hat zwei Schülerinnen: die kokette, vornehme Giacomina und das Dienstmädchen Lauretta. Als er Besuch vom Intendanten eines Londoner Opernhauses bekommt, möchte er Giacomina an diesen loswerden, um allein mit Lauretta zu sein. Doch die Rechnung geht so nicht auf, denn der Intendant verliebt sich ebenfalls in Lauretta. Um das simple Gerüst ein wenig zu verkomplizieren, erscheint der ehemalige Verlobte Leandro, der in Verkleidung auszuspionieren sucht, welche Rolle Giacomina in diesem Haushalt innehat. Am Ende schließlich heiraten der Intendant und Lauretta, Lamberto und Giacomina . Der Kapellmeister geht leer aus, ist aber durch die Aufführung einer allegorischen Maskerade in der Lage, sein vermeintliches kompositorisches Talent darzubieten. So wird das mehrfach beschworene "Ende gut, alles gut" zum Schluß programmgemäßá Wirklichkeit.

Ebenso simpel sind die Charaktere: der hochmütige Kapellmeister, die launische Soubrette, das treuherzige Dienstmädchen, der wollüstige Intendant. Den Reiz gewinnt diese lockere Aneinanderfügung durch den Spielcharakter, durch den Szenenwitz, den Einfall des Augenblicks. Alles lebt von der Spielfreude der Sänger, der Spontaneitätt im Zusammenspiel mit Orchester und Publikum.

Diesem allen trug die Aufführung Rechnung. Die Regie hatte das Orchester(chen) auf der Bühne versammelt, es wurde in die Handlung miteinbezogen. Der Rahmen, dies Werk auf der Werkstattbühne aufzuführen, war gut gewählt: Die intime Atmosphäre, die Nähe der Sänger zum Publikum, ließ Raum für genaues Spiel und spontane Änderungen des Textes. Die Sänger hatten die Lacher stets auf ihrer Seite.

Locker, witzig, spritzig bot sich das Ensemble dar: alle überzeugten in stimmlicher und spielerischer Leistung. Die schnippige Giacomina wurde von Birgit Beer bis in die Fingerspitzen verkörpert, sie kokettierte, dramatisierte, verführte und bezauberte gleichermaßen überzeugend. In der Rolle des weiblichen Gegenparts, der bauernschlauen und treuherzigen Dienerin Lauretta, riß Anke Hoffmann durch ihr gekonntes rheinisches Temperament die Zuschauer zu Lachsalven hin.

Den technisch schwierigsten Part hatte Lucia Rizzi als Leandro. Als die einzig tragisch-ernste Rolle des Stückes, der verkleidete unglücklich Liebende, mußte sie Koloraturarien in den schnellsten Tempi bewältigen, tragisch-tiefes neben all den Klamauk der restlichen Szenenbeteiligten setzten. Sie meisterte diese Anforderungen trotz einiger Anfangsschwierigkeiten sehr gelungen.

Ebensolchen technischen Bravourstücken sah sich Rhonda Ingle in der anderen Hosenrolle des Kastraten Mariuccio gegenüber. Hier wurde ihr heller Sopran aufs äußerste gefordert und bestand die Probe mit Leichtigkeit. Mark Marouse in der Rolle des Intendanten Colagianni wirkte teilweise etwas steif in diesem spielfreudigen Ensemble, "very british" eben.

Star des Abends war Dietrich Henschel in der Rolle des Lamberto. Er zog alle Register seines sängerischen und schauspielerischen Könnens, der geborene Komödiant. In ihm glaubt man den L'Arlechino der Commedia dell'arte wiederauferstanden, so unverschämt gut war er in seiner Komik. Daß er sich sängerisch allen Herausforderungen gewachsen sah, versteht sich da fast von selbst.

Das Orchester aus Mitgliedern der Beethovenhalle Bonn - ungewohnt den Blicken der Zuschauer preisgegeben - leistete sich einige Patzer und Schwächen, besonders in den Violinen, fügte sich aber ansonsten in das Ganze ein. Die musikalische Leitung war ohnehin mehr an den Sängern orientiert, so daß musikalisch wie szenisch jeder Gag genau saß.

Die Bühne von Poppi Ranchetti gefiel sich in schwarzweiß Kontrasten, etwas aufgehellt durch Lack, Silber und Flitter in den Kostümen im Stile der Zeit. Dem Bühnenbild mit schwarzem spiegelndem Fußboden und einem Theater im Theater hätte man durchaus etwas mehr Farbe und Licht gegönnt.




Fazit

Ein netter, amüsanter Opernabend, nicht allzu anspruchsvoll, aber unterhaltsam und gut gespielt.


Fotos
(von Boris B. Quednow)




Weitere Aufführungen

April '97: 22., 24. und 26.
Mai '97: 2. (letzte Vorstellung)




Bonner Oper im Internet:

URL=http://www.rhrz.uni-bonn.de/operbonn/
(vorläufig nur Information; keine Kartenvorbestellung)

impressum zur&uumlck e-mail zur&uumlck

> Copyright © 1997 - Online Musik Magazin


*****"