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bonn chance! Experimentelles Musiktheater
Kooperation der Oper Bonn mit der
Kunst- und Ausstellungshalle der
Bundesrepublik Deutschland

Deutsche Erstaufführung

Beat Furrer

Narcissus


Oper in sechs Szenen nach Ovids Metamorphosen

Premiere an der Oper der Bundesstadt Bonn
am 10. Januar 1998
im Forum der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland

Von Stefan Schmöe / Fotos von Thilo Beu



Im Elfenbeinturm sucht man sich selbst

ICHHCI

Narcissus war, so ist es bei Ovid nachzulesen, ein attraktiver junger Mann, dem sein eigenes Outfit nicht unsympathisch war; jedenfalls soll er sich in sein Spiegelbild verliebt und aus Liebeskummer umgebracht haben. Kein übles Sujet für eine Oper, denkt man sich (und auch der Schweizer Komponist Beat Furrer mag solches gedacht haben). Und dann hat Furrer alles ganz anders gemacht: Keine Handlung, keine Charaktere; statt dessen zwei Sprecher, Mezzosopran, Chor und Stimmen vom Tonband, die einen in einzelne Laute zerteilten Text sprechen und singen, von dem man bestenfalls mal eine einzelne Silbe versteht. Wo "Oper" drauf steht, muß noch lang keine Oper drin sein.

Herkömmliche Gattungsbegriffe versagen vor "Narcissus". Provokant untheatralisch verbietet sich die Bezeichnung "Oper" ebenso wie das Fehlen einer erkennbaren Handlung den Begriff "Oratorium" ausschließt. Vielmehr handelt es sich um eine Art Symphonie für Stimmen und Orchester, bestehend aus weit ausladenden (aber immer transparenten) Klangflächen, die rhythmisch streng konturiert werden. Stimmen werden als Klangerzeuger eingesetzt, dienen kaum noch dem Transport des Textes. Mit diesen Mitteln fängt Furrer den Stimmungsgehalt der rätselhaft schönen Textvorlage des Ovid durchaus ein. Den Preis dafür, den er dem Zuhörer abverlangt, ist ein hohes Maß an Konzentration. Das Premierenpublikum der deutschen Erstaufführung wirkte etwas gestreßt.

O, wie küßt er so oft - vergeblich!- die trügende Quelle,
Tauchte die Arme so oft in das Wasser, den Hals zu umschlingen,
Den er erschaut, und kann sich doch selbst im Gewässer nicht fassen.
(Szene IV, nach: Ovid, Metamorphosen 3, 427 ff.)
Als szenisches Äquivalent setzt Michael Simon der Komposition einen immer wieder überraschend ausgeleuchteten Bühnenraum entgegen, der von überdimensionalen Buchstaben beherrscht wird, die in raffinierten Brechungen in diversen Varianten das Wort ICH entstehen lassen. Darin agieren die Beiden Sprecher, mit Anzug und Funktionärsbrillen und fast unbeweglichen Minen einander ähnlich und doch unähnlich. Sie suchen und verfehlen sich, bewegen sich in einer extrem disziplinierten Choreographie, was mit der Strenge der Partitur korrespondiert. Das nicht-greifen-können wird Prinzip, in Komposition wie Inszenierung.

Beat Furrer, gleichzeitig Dirigent der Aufführung, animierte das vorzügliche Orchester der Beethovenhalle zu sphärischen, aber nie diffusen Klängen. Mezzosopranistin Ingrid Bartz und die Sprecher Mark Morouse und Hannes Hellmann bewältigten ihre vertrackten Partien, als hätten sie seit jeher nur solche Musik aufgeführt. Dem Chor der Oper Bonn war mitunter die Anspannung anzuhören - nicht immer waren die Chorklänge so schwebend, wie sie an den besten Stellen gelangen - was sich aber in den weiteren Vorstellungen legen dürfte.

Der Bonner Oper ist eine exzellente Premiere gelungen, keine Frage. Zudem ist das Engagement für das zeitgenössische Musiktheater gar nicht hoch genug einzuschätzen. Und dennoch bleibt ein gewisses Unbehagen. Nicht nur das ohnehin komplizierte Werk, sondern auch die besondere Atmosphäre der Kunst- und Ausstellungshalle geben der Produktion einen ungewollt(?) elitären Charakter: In die Kunst-Welt der Bonner Museumsmeile, in ihrer kühlen Architektur der Welt entrückt und fern jeglicher Urbanität, dürften sich nur einige wenige Kenner zu Beat Furrer verlieren. Die Opernkunst zieht sich in den Elfenbeinturm zurück.


FAZIT:

Hoher Anspruch, hohes Niveau: Beat Furrers erlesene Komposition bleibt rätselhaft und verschließt sich vor der Welt.

Logo: Oper der Stadt Bonn

Musikalische Ltg. Beat Furrer
Inszenierung,
Kostüme,
Raum, Licht
Michael Simon
Klangregie Peter Böhm
Dramaturgie Paul Esterhazy

Besetzung

Sprecher 1 Mark Morouse
Sprecher 2 Hannes Hellmann
Mezzosopran Ingrid Bartz
Chor und Statisterie
der Oper der Bundesstadt Bonn
Orchester der
Beethovenhalle Bonn



Weitere Aufführungen

11., 14., 15., 17., 18. Januar ' 98
( jeweils 20 Uhr)

im Forum der
Kunst- und Ausstellungshalle
der Bundesrepublik Deutschland



BONN: Narcissus

Ich-Sucher
Mark Morouse, Hannes Hellman



BONN: Narcissus

Schattenspiele
Mark Morouse



BONN: Narcissus

Erleuchtung

Mark Morouse, Hannes Hellmann





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