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Die Hochzeit des Figaro

Komische Oper in vier Akten
Text von Lorenzo da Ponte
Deutsche Fassung von Nicolas Brieger, Friedemann Layer und Gudrun Sieber, überarbeitet von Paul Esterhazy
Musik von Wolfgang Amadeus Mozart

Premiere an der Oper der Bundesstadt Bonn
am 26. September 1997

Von Stefan Schmöe / Fotos von Thilo Beu



"Mozart käme wahrscheinlich wie ich mit dem Motorrad vorgefahren und würde uns ermutigen, frech zu sein."

Slapstick mit Gartenzwerg

Frech sein also möchte Regisseur Andras Fricsay Kali Son, der diese Feststellung in einem Interview während der Proben traf . So hat er sich von Dieter Flimm eine postmoderne Villa auf die Bühne stellen lassen, in der sehr mondäne, sehr heutige und ziemlich bescheuerte Personen leben. Susanna, Dienstmädchen mit großer Schleife im Haar, erinnert an ein bekanntes Herrenmagazin, oder besser: Das gesamte Personal könnte der einst beliebten Fernsehserie "Klimbim" entsprungen sein, Inbegriff öffentlich-rechtlicher Erotik. Es geht also nicht um die großen Gefühle, es geht um Sex.

MÜNSTER: Parsifal Der Regieansatz ist wohlbegründet: Die erotische Komponente, die sich im "Figaro" ja durchaus mit Elementen des Boulevardtheaters und der Posse verbindet, ist im Laufe der Rezeptionsgeschichte verdrängt oder ästhetisiert worden, und Fricsay Kali Son gibt dem Werk einiges von der provokativen Kraft zurück. Lustig ist das allemal, auch oder gerade wenn das in Slapstick ausartet. Da wird die Türe nicht aufgeschlossen, sondern aufgesprengt das es nur so kracht, denn laut und schrill muß es sein. Über weite Strecken erweist sich das als tragfähig und ist höchst unterhaltsam.

Nun ist der "Figaro" nicht nur Komödie, sondern erlaubt auch weitergehende Lesarten. Eine politische - immerhin streiten Graf und Diener - wird durch das überdrehte Konzept kaum ausgeführt, denn wo alle durchgedreht sind, ist das Machtgefüge kaum noch auszumachen. Problematisch bleibt in dieser Inszenierung die Figur der Gräfin, deren Musik Mozart zumindest in den Arien deutlich von der der anderen Personen abgesetzt hat: Wo bei Mozart echte Trauer über den Verlust von Liebe steht (was ja auch einen Gegenpol zum sonstigen Trubel darstellt), bleibt dem Regisseur nur die Flucht in die Parodie. Konsequent hätte man beide Arien streichen müssen, denn sie sind innerhalb dieser Aufführung nicht nur überflüssig, sondern sogar langweilig, zumal sie ohnehin musikalisch unausgereift gesungen wurden.

Überhaupt mühen sich die Sänger zwar erfolgreich, das ideenreiche Spiel szenisch schwungvoll umzusetzen, kommen dabei musikalisch aber nicht über Mittelmaß hinaus. Homogen in den Ensembles, blaß in den Arien und korrekt, aber wenig charmant vom Orchester unter dem Dirigat von Peter Hirsch begleitet, fehlten der Aufführung die sängerischen Akzente. Vereinzelte Glanzlichter konnte Susann Végh als Cherubino setzen, ansonsten kommen Gesangsliebhaber derzeit etwa bei Titus in Wuppertal zu höheren Mozart-Genüssen.

So bleibt der Eindruck der Premiere disparat: Angenehm frech war es ja, übrigens zur Freude des Publikums. Das Kunststück, mehr als frech zu sein, gelang indes nicht.


FAZIT:

Echt geil, dieser Mozart: Überdrehte Slapstick-Komödie, der es allerdings an Tiefgang fehlt.


Bonn: Die Hochzeit des Figaro Alles drängt zum Weibe:
Gesangslehrer Basilio (Axel Mendrock) kommt Susanna (Anna Korondi) kurzfristig näher als der Graf (Thomas Mohr)



Bonn: Die Hochzeit des Figaro Verwechslungsspiel mit Zwerg:
Die Gräfin (Anja Vincken) geht im Garten spazieren



Bonn: Die Hochzeit des Figaro finstere Verschwörer:
Die Herren Basilio (Axel Mendrok), Figaro (Hernan Iturralde) und Bartolo (Michael Eder)

Logo: Oper der Stadt Bonn

Musikalische Leitung
Marc Soustrot

Inszenierung
Andras Fricsay Kali Son

Bühne
Dieter Flimm

Kostüme
Swetlana Zwetkowa

Licht
Jürgen Zoch

Dramaturgie
Paul Esterhazy


Solisten

Graf Almaviva
Thomas Mohr

Gräfin Almaviva
Anja Vincken

Susanna
Anna Korondi

Figaro
Hernan Iturralde

Cherubino
Susann Végh

Marcellina
Leandra Overmann

Bartolo
Michael Eder

Basilio
Axel Mendrock

Don Curzio
Erik Biegel

Barbarina
Irini Terzakis

Antonio
Pieris Zarmas

zwei Mädchen
Jeanette Katzer
Tiina Sahrio



Chor und Statisterie der
Oper der Bundesstadt Bonn

Mitglieder des
Turnvereins Herkenrath

Orchester der
Beethovenhalle Bonn




Weitere Aufführungen

Oktober '97: 1., 10., 13.,
14., 16., 26.
November '97: 1., 14., 25.
Dezember '97: 4., 13.
Januar '98: 16., 29.
Februar '98: 22.
März '98: 5., 13., 20., 25.
April '98: 19., 23.
Juni '98: 11., 18.



Bonn: Die Hochzeit des Figaro

leicht verärgert:
Figaro (Hernan Iturraldo)



Bonn: Die Hochzeit des Figaro

verschlossene Türen werden
kurzerhand aufgesprengt;
Susanna (Anna Korondi) staunt





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