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Baden-Baden Dezemberkonzerte 2013

Daniel Barenboim, Klavier
Michael Barenboim, Michael Gielen
und das SWR – Sinfonieorchester
Der Tölzer Knabenchor, das kammerorchester Basel
und Paul Goodwin

Am 13., 14. und 15. Dezember 2013 im Festspielhaus Baden-Baden
Festspielhaus Baden-Baden

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Festspielhaus Baden-Baden
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Immer näher zum lieben Gott

Von Christoph Wurzel

Das erste Konzert endete nach drei Schubert-Sonaten mit einem Seufzer der Verzückung aus dem Publikum, im zweiten erhob sich prachtvoll der symphonische Dom von Bruckners Neunter - „dem lieben Gott“ gewidmet - und das dritte endete mit einem strahlenden „Amen“ zum Lobpreis des Herrn. Musikalische Erfüllung also in den (abgesehen von der Silvester-Gala) letzten drei großen Konzerten im Festspielhaus Baden-Baden und Abschluss eines (wieder) großartigen Konzertjahres an der Oos.

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Am Flügel: Daniel Barenboim (Foto: Monika Rittershaus)

Mit sieben Jahren bereits, als pianistisches Wunderkind, betrat Daniel Barenboim einst die Konzertpodien der Welt, heute ist er einer der am meisten gefragten Dirigenten in allen Konzerthäusern. Sein unermüdliches Engagement rund um den Globus nötigt Respekt ab, nicht nur in Oper und Konzert, auch als Mittler in Sachen des Friedens durch die Musik. Die Ehrungen sind kaum zu zählen. Bei all dem tritt er regelmäßig auch immer wieder als Pianist hervor – eine beeindruckende Karriere! „Musik ist alles und alles ist in Musik: Ethik und Ästhetik“ – so lautet der Titel seines neuen Buches, das im kommenden Frühjahr auf Deutsch erscheinen soll. Wie eine Transposition  dieser Überzeugung auf den Konzertflügel mutete sein Konzert in Baden-Baden an. Sein Schubert-Spiel lockte nicht allein die Schönheiten der Musik hervor, sondern war auch von tiefer Empathie für deren Ausdrucksreichtum geprägt. Barenboim brauchte keine große Geste, keine Zurschaustellung seiner immensen pianistischen Technik, um das Publikum zu bannen, sondern ließ die Musik in ruhiger, fast kontemplativer Bewegung fließen, entfaltete deren liebliche  Gesanglichkeit wie duftige Seide (1. Satz der A-Dur-Sonate D 664) oder gab ihr zart einen wehmütigen Unterton (Andante dieser Sonate) - immer mit Emotion, aber stets ohne Sentimentalität. Von derart sensibler Zurückhaltung des Künstlers vor dem Wesen der Musik war Barenboims Spiel durchzogen. Und wenn Schubert vehement die Gefühle galoppieren lässt, wie im 1. Satz der „Gasteiner Sonate“ D 850, trat das eigene Temperament des Pianisten im Interesse der Musik zurück, ohne freilich deren Ausdruck zu verleugnen. Geradezu delikat die rhythmische Raffinesse z.B. im 2. Satz dieser Sonate, deren Coda er elegant wiegen ließ. In der Gassenhauer-Melodik des letzten Satzes ließ sich mit Augenzwinkern Schuberts Ironie über biedere Bürgerlichkeit ahnen, um dann am Schluss der Sonate aus eben dieser Gemütlichkeit rasch wieder zu entfliehen. Nicht allein aber phantastisch war, was Barenboim mit dieser Musik erzählen konnte, sondern auch in welch delikaten Klang er dies einhüllte: lautmalerisch das Hörnermotiv in der „Gasteiner-Sonate“ (1.Satz) oder das fast schon impressionistisch anmutende Farbenspiel in deren 2. Satz und das klanglich geheimnisvoll umflorte Trio der a-Moll-Sonate.

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Meisterdirigent Michael Gielen (Foto: SWR Wolfram Lamparter)

Lange war Michael Gielen der Chef dieses Orchesters, dessen Ehrendirigent er seit über zehn Jahren ist. Gielen hat das „SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg“, wie es seit seinem Umzug vom Sitz des Senders Baden-Baden in die Breisgau-Metropole Freiburg umständlich heißt, seinerzeit zu einem der besten Rundfunk-Sinfonieorchester in Deutschland geformt. In den 13 Jahren seiner Zeit als Chefdirigent hat er mit dem Orchester interpretatorische Maßstäbe gesetzt: alle Beethoven-Sinfonien damals schon pathosfrei und in straffen, zügigen Tempi, den ganzen Mahler in berührend schönen Aufführungen und große, unvergessliche Konzerte mit neuer Musik, wie etwa Bernd Alois Zimmermanns Requiem. Nun ist das Orchester in seiner Existenz gefährdet. Es droht die Fusion mit dem RSO Stuttgart, das auch dem SWR gehört. Für den Südwesten bedeutete dies einen kulturellen Kahlschlag sondergleichen, der von allen Musikliebhabern vehement verurteilt wird, an dem die SWR-Intendanz dagegen umso hartnäckiger festhält. Beide Orchester jedenfalls würden ihr starkes, individuelles Profil auf immer verlieren. Aus Angst vor der Gebührendebatte stellt sich der SWR damit ein Armutszeugnis kultureller Kleinkrämerei aus, statt mit seinen Pfunden zu wuchern und die Investition der Gebühren in einen solch hohen Kulturauftrag zu verteidigen, wie ihn dieses Orchester mit jedem Konzert stets wieder aufs Neue erfüllt.

So auch an diesem Abend, als es in makelloser Klarheit Schönbergs Violinkonzert spielte und in begeisternder Klangschönheit Bruckners Neunte. Es war ein typisches Gielen-Programm: ein Werk der Moderne gepaart mit einem Werk am Übergang zur Moderne, denn als solches erklang Bruckners letzte Sinfonie durchaus. Gielen dirigierte Bruckner ohne romantischen Schwulst und dennoch mit der gebotenen Feierlichkeit, alles andere als monumental, aber klanglich  opulent, bewundernswert klar strukturiert, aber in seiner epischen Breite ernst genommen und im Ausdruck bezwingend interpretiert. Manche Solostellen in den Bläsern ließen den Ton der kommenden Generation (Mahler) schon erahnen. Das Scherzo arbeitete Gielen detailfreudig aus, im Trio herrschte ein schlanker, gesungener Ton. Von feierlichem Ernst getragen dann das Adagio mit seiner kontemplativen Entrücktheit und hier besonders schon ein Zukunftston aus harmonischen Reibungen und Rückungen.

Michael Barenboim, Konzertmeister im West-Eastern-Orchestra seines Vaters,  hatte sich zuvor mit dem Orchester eines der wohl anspruchsvollsten Violinkonzerte überhaupt angenommen, jedenfalls bemerkte Arnold Schönberg selbstironisch, dass er stolz sei, mit diesem im amerikanischen Exil  unter einigen Schwierigkeiten komponierten Werk „der Welt ein weiteres unspielbares Violinkonzert geschenkt“ zu haben. Michael Barenboim ließ sich davon aber nicht einschüchtern und meisterte den Violinpart mit stupender Technik, allein die beiden Kadenzen (im ersten und dritten Satz) sind nur so gespickt mit halsbrecherischen Finessen;  jedoch nicht nur das, er entlockte dem Werk auch emotionale Schichten, die dieses spröde erscheinende Zwölftonwerk auch für das Publikum zu einem großen Erlebnis werden ließ, zumal dieses Konzert zu den großen Seltenheiten im Konzertsaal gehört. Und mit Michael Gielen am Pult hatte er den denkbar besten Partner, denn dessen Kenntnis der Musik Schönbergs dürfte wohl unerreicht sein. Immerhin rührt seine Beschäftigung damit seit seinen Jugendjahren im argentinischen Exil der vierziger Jahre und seitdem fühlt er sich der Schönberg-Schule besonders verpflichtet.

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Der Tölzer Knabenchor, das kammerorchester Basel und Paul Goodwin mit Händels Messias in Baden-Baden (Foto: Manolo Press)

Schließlich Händels Messias und zwar hier in besonderer Frische mit dem Tölzer Knabenchor, dem man die Lust am Singen nicht nur ansah, sondern sie ließ sich auch hören: Es war Musizieren aus reiner Freude. Nicht nur das Halleluja, sondern das ganze Werk war vom verkündenden Geist dieses Werks erfüllt, bei dessen Komposition Händel  „den Himmel offen und den Schöpfer aller Dinge selbst zu sehen“ meinte. Paul Goodwin dirigierte das kammerorchester Basel mit großer Emphase und es entstand eine intensive Klangrede, die die rhetorischen Figuren in der Musik aufs Schönste zum Ausdruck brachte. Eine weite Palette der Klangfarben wurde eingesetzt für die Bandbreite der religiösen Gefühle, die diese Musik zwischen Hoffen, Leiden und Freude vermittelt. Die kontemplativen Stellen (wie die zärtliche Pifa im Abschnitt über die Geburt Christi) hoben sich im musikalischen Ausdruck von denen dramatischer Erzählung ( Why do the nations so furiously rage) plastisch ab, die Musik gewann große Lebendigkeit. Auch das exzellente Solistenquartett trug dazu bei. Zur Verkündigung der frohen Botschaft strahlte Nuria Rial mit makellos reinem Sopran. Robin Blaze sang seine Altuspartien ausdrucksintensiv mit noblem Ton. Benjamin Hulett (Tenor) eröffnete mit dem Accompagnato-Rezitativ Tröste dich, mein Volk mit intensiver vokaler Geste den Spannungsbogen des Werks. Mit spürbarer innerer Bewegung gestaltete Mark Stone expressiv die Baritonpartien. Das kammerorchester Basel gestaltete seinen Part in der gewohnten Perfektion als eines der führenden Originalklang-Ensembles, nur einer der Trompeter hatte wohl nicht seinen besten Tag.

Fazit

Drei sehr unterschiedliche Konzerte, die aber gleichermaßen berührten, weil der Gehalt der Musik im Zentrum stand und aufs Schönste zum Blühen kam


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Das Programm

13. Dezember 2013

Daniel Barenboim, Klavier

Franz Schubert
Klaviersonaten
A – Dur op. 120 D 664,
a-Moll op. 42 D 845 und
D-Dur op. 13 D 850

 

14. Dezember 2013

SWR Sinfonieorchester Baden – Baden
und Freiburg
Michael Barenboim, Violine

Michael Gielen, Dirigent

Arnold Schönberg
Violinkonzert op. 36

Anton Bruckner
Sinfonie Nr. 9 d- Moll

 

15. Dezember 2013

Tölzer Knabenchor
kammerorchesterbasel
Paul Goodwin, Dirigent
Nuria Rial, Sopran
Robin Blaze, Countertenor
Benjamin Hulett, Tenor
Mark Stone, Bariton

Georg Friedrich Händel
The Messiah, HWV 56






Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Festspielhaus Baden-Baden
www.festspielhaus.de/



Da capo al Fine

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