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Alte Musik bei Kerzenschein
Sonntagsmatinee mit
Philippe Jaroussky


Aufführungsdauer: ca. 2h 5' (eine Pause)

Sonntag, 10. Juni 2012, 11.00 Uhr
Alfried Krupp Saal in der Philharmonie Essen

 

 



Philharmonie Essen
(Homepage)

Barockes Pasticcio der besonderen Art

Von Thomas Molke / Foto von Simon Fowler

Philippe Jaroussky nimmt in der Riege der Countertenöre eine besondere Stelle ein. Der ECHO-Preisträger bringt mit seiner glockenklaren Stimme nicht nur die emotionale Pracht des Barock wieder zum Strahlen, was er unlängst bei den Salzburger Pfingstfestspielen als Sesto in Georg Friedrich Händels Giulio Cesare in Egitto unter Beweis stellen konnte (siehe auch unsere Rezension), sondern hat auch die Komponistin Suzanne Giraud veranlasst, die Oper Caravaggio für ihn zu komponieren, die am 6. April dieses Jahres in Metz ihre Uraufführung erlebte. Mit dem von ihm 2002 mitbegründetem Barockensemble Artaserse und der Altistin Marie-Nicole Lemieux tourt er derzeit mit einem Programm durch mehrere deutsche und französische Städte, das unter dem Titel Le Tourbillon des sentiments affektgeladene Arien, Duette und Szenen großer Komponisten und Komponistinnen des 17. Jahrhunderts beinhaltet.

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Philippe Jaroussky

Dabei sind bei aller Unterschiedlichkeit der einzelnen Stücke die Übergänge so fließend, dass das Konzert schon fast an ein Pasticcio erinnert. Den Anfang macht eine Sinfonia aus der 1653 in Mailand uraufgeführten Oper L'Orione von Francesco Cavalli, der mit insgesamt vier Stücken der am häufigsten vertretene Komponist des Konzertes ist, was vielleicht auch der Tatsache Rechnung trägt, dass er mit seinen insgesamt 42 Opern der produktivste Musikschaffende seiner Zeit war. Natürlich darf auch die 1651 uraufgeführte Oper La Calisto nicht fehlen, die als typisches Schwellenwerk zwischen Tradition und Aufbruch wahrscheinlich das heutzutage am häufigsten gespielte Werk von ihm ist. Jaroussky und Lemieux präsentieren daraus die komische Szene zwischen der Nymphe Linfea und dem Satyr Satirino aus dem ersten Akt der Oper. Satirino belauscht die in Liebesdingen unerfahrene Nymphe Linfea bei ihren Überlegungen, ob sie sich einen Mann wünscht oder nicht. Als er ihr seine Dienste anbietet, lehnt sie entsetzt ab. Lemieux und Jaroussky reizen die Szene auch darstellerisch komödiantisch aus, auch wenn man Jaroussky optisch den abstoßenden Satyr nicht ganz abnimmt. Lemieux jedenfalls gebärdet sich wunderbar zickig.

In ihrem folgenden Lamento der Ecuba aus Cavallis Oper La Didone beweist Lemieux, dass sie auch tiefe Trauer eindringlich darstellen kann. Mit ungeahnten Tiefen besingt sie den Fall Trojas, und ihre Todessehnsucht und ruft beim Zuhörer eine regelrechte Gänsehaut hervor. Auch Jaroussky vermag im Anschluss, mit dem Lamento des Idraspe aus der Oper Erismena zu bewegen. Diesen Klagegesang hatte Cavalli bereits 10 Jahre früher in seiner Oper L'Ormindo in Töne gesetzt und sie dann in sein späteres Werk übernommen. Der iberische Prinz Idraspe bringt darin seine Verzweiflung darüber zum Ausdruck, dass die von ihm geliebte Almira dem Mederkönig Erimante den Vorzug gibt.

Bekannt sind die beiden präsentierten Auszüge aus den Monteverdi-Opern L'incoronazione di Poppea und Il ritorno d'Ulisse in patria. Aus der erstgenannten interpretieren Jaroussky und Lemieux direkt vor der Pause die komische Szene zwischen Valletto und Damigella aus dem zweiten Akt, in der Damigella den jungen Valletto zum Liebesspiel verführt. Lemieux setzt in dieser Szene darstellerisch ihre weiblichen Reize ein und lässt es sich nicht nehmen, Jaroussky zur Pause verlockend von der Bühne zu ziehen. Im großen Lamento der Penelope im zweiten Teil des Konzertes zeigt sie erneut ihre tragischen Ausdrucksfähigkeiten und vermag mit ihren tiefen "Torna"-Rufen beim Zuhörer eine Gänsehaut hervorzurufen.

Neben den Kammerduetten von Giacomo Carissimi, der sich weigerte als Monteverdis Nachfolger nach San Marco zu kommen, stattdessen in Rom blieb und die weltliche Kantate und die Form des musikalischen Dialogs auf eine neue Entwicklungsstufe hob, und den beschwingten am spanischen Volkstanz Ciaccona orientierten Kantaten von Benedetto Ferrari und Giovanni Felice Sances ist vor allem noch ein Lamento von Barbara Strozzi zu nennen, das von Lemieux und Jaroussky in einer herrlichen Kombination präsentiert wird: "Sul Rodano severo". Zunächst beklagt Lemieux den Tod eines französischen Schildträgers, der zur Zeit des Königs Ludwig XIII. einer Verschwörung gegen Kardinal Richelieu beschuldigt und geköpft wird. Nach der einleitenden Klage der Erzählerin scheint der Tote selbst zu sprechen. Jaroussky macht in diesem Monolog eindringlich deutlich, dass er glaubt zu Unrecht verurteilt worden zu sein. Am Ende übernimmt Lemieux erneut die Rolle der Erzählerin, die einen großen Sturm über Paris aufziehen sieht. Diese warnenden Worte gehen direkt in eine kämpferische Battaglia von Marco Uccellini über.

So vergehen zwei Stunden wie im Flug, und das Publikum spendet frenetischen Applaus, sodass Lemieux und Jaroussky noch zwei Zugaben geben, wobei die erste Zugabe leidenschaftliche Züge trägt und die zweite eher beschwingtere Töne anschlägt und mit der männlichen Singstimme aus dem Ensemble Artaserse dem Konzert noch eine neue, bis dahin ungehörte Nuance hinzufügt.


FAZIT

Großartige Reise durch die Barockmusik des 17. Jahrhunderts, die von Philippe Jaroussky und Marie-Nicole Lemieux mit hervorragenden Stimmen veredelt und durch das Ensemble Artaserse zu einem regelrechten Hörgenuss wird. Wer keine Zeit hat, in den nächsten Tagen nach Frankreich zu reisen, kann dieses Konzert am 24. Juni 2012 noch einmal in Baden-Baden erleben.



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Ausführende

Philippe Jaroussky, Countertenor

Marie-Nicole Lemieux, Alt

Ensemble Artaserse


Werke

Francesco Cavalli
Sinfonia aus L'Orione

Antonio Sartorio
"Cara e amabile catena"
Duett Euridice und Orfeo aus Orfeo

Francesco Cavalli
Szene Linfea und Satirino aus La Calisto

Lamento der Ecuba aus La Didone

Giovanni Pandolfi
Sonate für Violine und Basso Continuo,
op. 4. Nr. 3 "La Monella romanesca"

Francesco Cavalli
"Uscitemi dal cor lagrime amare"
Lamento des Idraspe aus Erismena

Francesca Caccini
"Qui desia di saper che Cosa è Amore"
Canzonetta

Claudio Monteverdi
Szene Valletto und Damigella aus
L'Incoronazione di Poppea

Giacomo Carissimi
"Vaghi Rai"
Duetto da camera

Barbara Strozzi
Lamento "Sul rodano severo"

Marco Uccellini
Sinfonia "La Gran Battaglia"

Giacomo Carissimi
"Rimanti in pace"
Duetto da camera

Giovanni Legrenzi
Sonata a tre "La spilimberga"

Benedetto Ferrari
"Amanti, io vi so direi"

Claudio Monteverdi
"Di misera Regina"
Lamento der Penelope aus
Il Ritorno d'Ulisse in Patria

Felice Giovanni Sances
Duett "Lacrimosa Beltà"

 

 


Weitere Informationen
erhalten Sie von der

Philharmonie Essen
(Homepage)



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