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Gesang einer Nachtigall
Von Thomas Molke /
Fotos von Sven Lorenz
Sie gilt als die "Diva des Belcanto-Gesangs" und als "Phänomen der Koloratur" und besitzt eine große Fangemeinde, die zum einen mit T-Shirts, auf die ihr Konterfei gedruckt ist, zu ihren Auftritten erscheint, zum anderen im Konzerthaus große Spruchbänder mit "Edita, Simply the Best" hochhält: Edita Gruberova, die ihre internationale Karriere als Zerbinetta in Ariadne auf Naxos an der Wiener Staatsoper unter Karl Böhm begann, in kürzester Zeit Weltruhm erlangte und zu einer der gefragtesten Interpretinnen der großen Koloraturpartien avancierte. Nun ist sie zusammen mit dem Münchner Rundfunkorchester, das in diesem Jahr seinen 60. Geburtstag feiert, und Andriy Yurkevych, einem ausgewiesenen Spezialisten im Belcanto-Bereich, der Edita Gruberova bereits bei einer konzertanten Norma im Februar 2009 in Berlin begleitete, nach Essen in die Philharmonie gekommen und bringt auch hier mit ihrem makellosen Gesang den Saal zum Toben. Edita Gruberova Der Abend beginnt mit einer recht unbekannten Vocalise aus Camille Saint-Saëns Bühnen- und Ballettmusik für ein Schauspiel der französischen Archäologin und Schriftstellerin Jane Dieulafoy, die ihren 1890 erschienen Roman Parysatis über die persische Königsgattin zehn Jahre später zu einem Theaterstück umarbeitete. Gruberova imitiert in diesem Stück in zahlreichen Varianten mit ihren Koloraturen die Laute einer Nachtigall. Dabei ist es atemberaubend, welch unterschiedliche Klangfarben sie in ihrem Gesang erzeugen kann. Man könnte eine Stecknadel fallen hören, so gebannt lauscht das Publikum im Saal den Lauten ihrer Stimme. Mit dieser Stimmakrobatik ein Konzert zu eröffnen, zeugt von dem großen Vertrauen, das Gruberova in die Vollkommenheit ihrer Technik setzen kann. Wesentlich eingängiger kommt die folgende Nummer daher, wenn Gruberova die Auftrittsarie der Juliette aus Charles Gounods Romeo et Juliette mit jugendlichem Charme und zahlreichen Verzierungen in den Koloraturen präsentiert. Würde man ihr optisch in einer Inszenierung das junge verliebte Mädchen zwar nicht mehr abnehmen, überzeugt sie stimmlich in jeder Beziehung. Gleiches gilt für die Walzer-Ariette aus dem ersten Akt von Gounods Oper Mireille, die ebenso wie das glückliche Ende der Oper erst nachträglich für die damalige Primadonna, die zufälliger Weise Gattin des Direktors war, eingefügt wurde. Hier kommt die Gruberova mit ihren leichtfüßigen Koloraturen der besungenen Schwalbe gleich. Auch als Dinorah in der berühmten Schattenarie aus Giacomo Meyerbeers Oper versteht sie es, im Zwiegespräch mit ihrem Schatten ihre Koloraturen facettenreich einzusetzen. Zwischen den einzelnen Arien präsentiert das Münchner Rundfunkorchester unter der Leitung von Andriy Yurkevych Auszüge aus Jules Massenets Orchestersuite Nr. 4 Scènes pittoresques, die er nach den Schrecken des Deutsch-Französischen Krieges komponierte und in denen er ein breites Spektrum seiner bildhaften Musiksprache unter Beweis stellt. Während das "Air de ballet" die Freude und Harmonie, die mit dem Frieden zurückgekehrt ist, in seiner Leichtigkeit einfängt, vermitteln die erhabenen Hörner in "Angelus" eine weihevolle Atmosphäre mit religiöser Feierlichkeit, bevor diese durch ein vitales und glanzvolles Zigeunerfest im Charakter einer Polonaise in "Fête bohème" abgelöst wird. Yurkevych entwickelt mit dem Orchester die vielschichtigen Bilder differenziert und beweist, dass das Orchester nicht nur eine großartige Sopranistin begleiten kann. Edita Gruberova und Andriy Yurkevich (im Hintergrund das Münchner Rundfunkorchester) Der Teil nach der Pause ist zwei italienischen Belcanto-Größen gewidmet: Gaetano Donizetti, wobei die Wahl aber auf die in Französisch komponierte fille de régiment fällt, und natürlich Bellinis sonnambula. In neuem Kleid mit großen Rosenapplikationen präsentiert Gruberova zunächst die große Szene aus dem 2. Akt, in der Marie nach ihrem glücklichen Leben unter Soldaten plötzlich ihrer trostlosen Lage als frisch gebackene Komtesse bewusst wird und fast in Hoffnungslosigkeit versinkt, bevor sie sich Rettung durch das nahende Militär erhofft. Als Amina interpretiert sie die Schlussszene, in der sie zunächst den geliebten Elvino an die Rivalin verloren glaubt, bevor sich durch das Entdecken ihrer Schlafwandelei doch noch alles zum Guten wendet. Dazwischen lässt das Münchner Rundfunkorchester mit der Ouvertüre aus der recht unbekannten Oper Raymond von Ambroise Thomas aufhorchen. Als erste Zugabe bietet Gruberova die Adele aus Die Fledermaus, eine Rolle, mit der sie in jungen Jahren ebenfalls Operettengeschichte geschrieben hat. Auch hier demonstriert sie, wie man mit perfekter Technik lachen kann, ohne das Diktat von Melodie und Rhythmus zu verletzen. Mit der Arie "Glitter and be gay" aus Leonard Bernsteins Candide als zweiter und letzter Zugabe bringt sie den Saal dann endgültig zum Kochen. Hier zeigt sie neben der gewohnten Perfektion bei den halsbrecherischen Koloraturen auch großes komödiantisches Talent, wenn sie mit bewusst übertriebener Mimik die leidende oder vom Dirigenten und Orchester gefürchtete Diva spielt. So gibt es lang anhaltenden und verdienten Applaus für eine Ausnahmesängerin, die dem Belcanto zu einer neuen Blüte verhilft.
Edita Gruberova live zu erleben, ist ein Ereignis, das man sich nicht entgehen lassen sollte. Ihre Meinung ? Schreiben Sie uns einen Leserbrief |
AusführendeEdita Gruberova, Sopran Münchner Rundfunkorchester Andriy Yurkevych, Dirigent Werke
Camille Saint-Saëns
Jules Massenet
Charles Gounod
"O légère hirondelle"
Jules Massenet
Giacomo Meyerbeer
Gaetano Donizetti
Ambroise Thomas
Vincenzo Bellini
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