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Durch die Zeiten über Grenzen.
Eine Liederreise von Irmgard Schleier



Sonntag, 11. Dezember 2011, 17 Uhr

Neuproduktion für den
Robert-Schumann-Saal
Stiftung Museum Kunstpalast

Homepage
Robert-Schumann-Saal
im Museum Kunstpalast

(Homepage)
Mit Eva Mattes durch die Zeiten und über Grenzen

Von Thomas Tillmann

Ach, war das wohltuend, an diesem Adventsonntagnachmittag nicht nur das Gedudel von den zahlreichen Düsseldorfer Weihnachtsmärkten am Ohr zu haben, sondern sich mit Eva Mattes und ihrem Ensemble auf eine stille, aber intensive Liederreise von Irmgard Schleier zu begeben!

Zweiklang! Wort und Musik heißt die interdisziplinäre Reihe, in der im Robert-Schumann-Saal vielfältige musikalisch-literarische Programme geboten werden. Dabei treffen bedeutende Schauspielerinnen auf den international gefragten Pianisten Sebastian Knauer: Im Oktober beschäftigte sich Hannelore Elsner unter dem Titel Ein Winter auf Mallorca - Die Wahrheit mit der Beziehung zwischen George Sand und Frédéric Chopin, Gudrun Landgrebe widmete sich Anfang Dezember Bettina von Arnim und Ludwig van Beethoven unter dem Titel In einem Weltmeer von Harmonie, im Februar fragt Barbara Auer, was die Musik von der Liebe erzählt (Liebestraum - Liebesleid), während Martina Gedeck im April an George Gershwin erinnert (ebenfalls in diesem Rahmen gibt es bereits am 22. 1. einen Fantasias Flamencas überschriebenen Abend mit dem Cellisten Ramon Jaffé mit Tanz, Flamenco-Gitarre und literarischen Einlagen).

Im Februar 2011 hatte Durch die Gezeiten über Grenzen am Ernst Deutsch Theater in Hamburg Premiere, für zwei Vorstellungen kam das Projekt nun nach Düsseldorf und traf auch dort auf offene Ohren; auch wenn der Saal, der gut 800 Leute fasst, nicht ausverkauft war, war er angesichts des nicht gar so populären Genres aber doch noch gut besucht. Sicher waren die meisten gekommen, um die Darstellerin der Konstanzer Tatort-Kommissarin Klara Blum zu erleben, vielleicht auch die Kultfigur des Neuen Deutschen Films, die mit 13 die deutsche Stimme von Timmy in der Fernsehserie Lassie wurde und die in diesem Herbst unter dem Titel "Wir können nicht alle wie Berta sein" bei Ullstein Erinnerungen vorgelegt hat. Dass eine gute Handvoll unterschiedlicher Lieder- und Rezitationsprogramme keinen geringen Teil ihrer künstlerischen Arbeit ausmacht - seit 1978 arbeitet sie mit Irmgard Schleier an musikalisch-literarischen Produktionen für Bühne und Fernsehen -, wussten vermutlich weniger Besucherinnen und Besucher, nicht jeder wird sich auch an die vor einigen Jahren erschienene Jazz-CD Language of Love erinnern, auf der die Tochter des Wiener Komponisten und Dirigenten Willy Mattes (der bei den EMI-Operettenaufnahmen mit Anneliese Rothenberger und all den anderen akustischen Größen meiner Kindheit am Pult stand) mit wunderbar dunkler Stimme und unaufgeregt intensiven Versionen von Standards wie "Every Time We Say Goodbye", "Besame Mucho", "Body and Soul" or "Dream a Little Dream" überzeugte. "Ich bin ein singender Mensch, ich singe fast immer, und wenn ich nicht hörbar singe, dann singe ich still in mir drin." und "Singen ist eine Erweiterung von Sprechen.", diese Statements findet man auf der Homepage der Künstlerin.

Auf dieser Liederreise geht es in den verschiedensten Konstellationen, in solistisch, mehrstimmig, begleitet oder a cappella ausgeführten Stücken "durch die Zeiten", viele Jahrhunderte Gesang von den ausgelassenen "wilden Stimmen" der italienischen Reisfeldarbeiterinnen über Elisabethanisches hin zum Kunstlied des 19. Jahrhunderts, vom deutschen Volkslied zur südafrikanischen Freiheitshymne und damit "über Grenzen", wie der zweite Teil des Titels es suggeriert, quer durch die Kontinente und in vielen Sprachen - Eva Mattes engagiert sich seit Jahren für einen internationalen Dialog der Kulturen bei diversen Festivals -, mit musikalischen und literarischen Kommentaren zum Alltag, zur Liebe und immer wieder zu den politischen Verhältnissen. Im ersten Teil hat man das Gefühl, dass das Publikum noch etwas braucht, um die Stilbrüche, die schnellen Wechsel mitzumachen, nach einem roten Faden sucht, gerade auch bei Liedern und Texten, die nicht übersetzt oder paraphrasiert werden, aber man spürt im Laufe des Nachmittags, wie sich die Zuschauerinnen und Zuschauer mehr und mehr einlassen auf das Konzept, die Collage unvoreingenommen und neugierig auf sich wirken lassen, sich bezaubern lassen von den vielen leisen Töne, von denen kein großer szenischer Aufwand ablenkt (das Licht wechselt mitunter auf der riesigen Leinwand, die Auf- und Abgänge sind erkennbar choreografiert, sonst nichts) und die Angst verlieren, an den falschen Stellen zu applaudieren.

Eva Mattes überzeugt mit den verschiedensten Texten, macht sich Goethes "Gedichte sind gemalte Fensterscheiben", mit dem sie den Abend vielversprechend eröffnet, ebenso unaufgeregt und ohne falsches Schauspielerpathos zu eigen wie Shakespeares 18. Sonett in der Nachdichtung von Wolf Biermann, Matthias Claudius' "Täglich zu singen" und sein "Morgenlied eines Bauersmanns", Heines "Zur Teleologie" und "Abschied von Paris", Rühmkorfs "Bleib erschütterbar" und "Diese vorüberrauschende blaue", um nur die zentralen Texte zu nennen. Mit hoher, durchdringender Stimme wird sie eine der italienischen Reisarbeiterinnen, wirkt überraschend ausgelassen und komödiantisch, wie auch im Zugabenteil im jiddisch gesungenen "Bei mir biste schejn", bei dem sie sogar ein wenig das Tanzbein schwingt. "Youkali", das sie in tiefer Lage und in gutem Französisch singt (mit obligatem Sopran, eine reizvolle Besetzung), weckt Lust auf mehr mit Eva Mattes aus der Feder von Kurt Weill, ebenso wie ihr vom Akkordeon begleiteter "Leiermann" aus der Winterreise auf ein Schubertprojekt.

Die Schauspielerin trägt zweifellos den Abend, aber sie spielt die Starrolle keine Sekunde lang aus, sondern agiert spürbar kollegial gemeinsam mit zehn musikalischen Freundinnen und Freunden, allen voran mit dem Warschauer Akkordeon-Virtuosen Dariusz Swinoga, der als einer der bekanntesten Theater- und Filmmusiker Osteuropas gilt und mit rasanten Soli auf dem verkannten Instrument das Publikum faszinierte (ganz zu Beginn bereits mit Bachs berühmter Toccata d-moll BWC 565, später mit einem Divertimento von Frédéric Astier und anderem mehr), und auch die Oratorien- und Konzertsängerin Johanna Mohr, die in Nizza engagierte Opern- und Liedsängerin Babette Liesel Jürgens, die vor allem als Liedbegleiterin und Chansonsängerin bekannte Anne Holler, der an der Hamburg Oper engagierte Tenor Jens-Peter Ruscher, der am Theater Lüneberg beheimatete Christoph Warken, Altfrid Weber, der das Theater im Badhaus in Rottweil leitet, Tine Biermann, die Exfrau von Wolf Biermann, die auch auf dessen frühen Platten zu hören ist, tragen viel und hoch kompetent zu diesem Programm bei. Besonders überzeugen konnte der jüngste Gast, Kaylo Motaung, Sohn der südafrikanischen Jazz- und Blueslegende Audrey Motaung, mit einem selbst komponierten Song für Nelson Mandela, später dann auch mit ungemein intensiven, sehr persönlichen Interpretationen von "Georgia on My Mind" und "You'll Never Walk Alone", das ernst genommen eben doch mehr ist als eine Fußballhymne. Was für eine kraftvolle, aber auch zu zarten, absolut sicheren Falsetttönen fähige Stimme, welche Intensität!

Und schließlich setzt sich Irmgard Schleier selbst ans Klavier und singt mit allen Mitwirkenden und dem Publikum "Der Mond ist aufgegangen", ein sehr atmosphärischer, berührender, wohltuender Schlusspunkt. Beim Herausgehen sieht man ihn, den Vollmond. Und irgendwie schaut man nach diesem Nachmittag etwas milder auf die lärmenden Weihnachtsmärkte, an denen man auf dem Nachhauseweg vorbeikommt.




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Ausführende

Eva Mattes, Rezitation
und Gesang


Vokalsolisten:
Johanna Mohr
Babette Liesel Jürgens
Anne Holler
Jens-Peter Ruscher
Christoph Warken
Tine Biermann
Altfrid Weber
Kaylo Motaung

Dariusz Swinoga, Solo-Akkordeon, Klavier
Anne Holler, Klavier
Altfrid Weber, Klavier, Kontrabass
Johanna Mohr, Oboe

Andrew Levine, Ton
Fred Schlegel, Licht

Altfrid Weber, dramaturgische Mitarbeit

Irmgard Schleier, Buch, Einstudierung,
Künstlerische Leitung



Werke


Traditionelle Melodien und
Volkspoesie aus Andalusien,
Aserbeidschan, Des Knaben Wunderhorn,
Emilia Romagna, Frankreich, Galizien,
Island, Norwegen, Sardinien, Sizilien,
Terracina, Woronesch und der Xhosa
sowie Kompositionen und Texte von
Johann Sebastian Bach, Béla Bartók,
Luciano Berio, Wolf Biermann,
Johannes Brahms, Aristide Bruant,
Michel Dimitri Calvocoressi, Enrique Casai,
Matthias Claudius, Fred Ebb,
Federico Garcia Lorca, Johann Wolfgang
Goethe, Heinrich Heine, Miguel Hernandez,
Jacob Jacobs,
John Kander,
Zoltan Kodály, Dinicu-Martowski Korowod,
Karl Kraus, Witold Lutoslawski, Felix Mendelssohn
Bartholdy, Claudio Monteverdi, Pablo Neruda,
Henry Purcell, Maurice Ravel, Peter Rühmkorf,
Robert Schumann, Sholom Secunda,
Jóhann Sigurjónsson, William Shakespeare,
Wladislaw Solotarjow, Jura Soyfer,
Mikis Theodorakis, Herman Yablokoff
u. a.





Weitere Informationen

Robert-Schumann-Saal
www.robert-schumann-saal.de



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