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Mahler-Lieder von zeitloser Aktualität
Der 2010 von der Zeitschrift Opernwelt
zum besten Sänger des Jahres ausgezeichnete Bariton Christian
Gerhaher war in der Philharmonie Essen mit dem WDR-Sinfonieorchester
Köln zu hören. Dirigent Thierry Fischer sprang für den
kurzfristig erkrankten Kollegen Constantinos Carydis ein. Das
Konzert wurde live auf WDR 3 übertragen.
Auf dem Programm standen 9 Lieder aus der Liedsammlung Des Knaben Wunderhorn für Singstimme und Orchester von Gustav Mahler, die von dem 1893 komponierten, ursprünglich als Schlusslied der Sammlung fungierenden Urlicht ergänzt wurden. Gerhaher trug nicht auswendig vor. Auswahl und eigene, kontrastierende Zusammenstellung der zwischen 1892 und 1901 komponierten Lieder verdeutlichten nicht nur die verschiedenen, ästhetischen Facetten der Mahler-Kompositionen sondern auch seine furchtbar zeitlose Aktualität von Kriegserfahrungen: Auf Der Schildwache Nachtlied, das von einem Feldwache schiebenden, allen Versuchungen widerstehenden, wackeren, am Ende versterbenden Soldaten erzählt, folgte Wer hat dies Liedlein erdacht - ein im volksmusikalischen Ländler die seelischen Verwundungen des Liebesleids thematisierendes Lied. Auf die sich anschließende Humoreske Trost im Unglück kam Revelge, diese berührende Vorahnung der Weltkriege des 20. Jahrhunderts, wo sich rumorende Bässe, gestopfte Trompeten, trockene Trommelschläge, grelle Kampfmusik und gespenstische Streicher col legno zu einem Aufschrei gegen die unerbittlich starren Marschrhythmen aufbäumen. Nach den ziellosen, ironischen Stilmerkmalen im Lied Des Antonius von Padua Fischpredgt schloss sich „die unheimliche Geschäftigkeit, mit der die Lebensmühle im Irdischen Leben mahlt“, an. Anschließend folgten Rheinlegendchen und das Lied des Verfolgten im Turm. Den Schluss bildete nicht der variierende Trauermarsch des Tamboursg’sell, sondern das zarte, auf himmlische Erlösung hoffende Bekenntnis im Urlicht. Kammermusik wolle er machen, heißt es von Mahlers eigener Aufführungspraxis seiner Wunderhorn-Lieder. Und das WDR-Sinfonieorchester zeigte eindrucksvoll, wie dynamisch ausbalanciert, kammermusikalisch transparent und homogen ein spätromantischer Orchesterapparat klingen kann. Passend zu diesen romantisch abgefederten Signalmotiven und punktierten Rhythmen fügte sich Gerhaher wunderbar kontrastierend ein mit dem ihm eigenen, nicht auf große dynamische, dramatische Effekte zielenden Stimmcharme – bis auf die Schlussworte „ewig selig’ Leben“, die sich zusammen mit den Streichern in dem effektvoll verklärten Hauch eines Pianissimos verloren. Sein hell timbrierter, schlank geführter Bariton klingt schön und fließt geschmeidig. Der immer klar und textverständlich artikulierte, kontrollierte Erzählton setzt kunst- und ausdrucksvoll die Dialogstruktur einiger Lieder und differenziert die zahlreichen Vortragshinweisen Mahlers um, ohne dem Zuhörer eine Interpretation aufzwingen zu wollen. Das faszinierte Publikum reagierte mit zahlreichen Bravi und stehenden Ovationen. Nach der Pause erklangen die Bilder einer Ausstellung von Modest Petrowitsch Mussorgski, eine 1874 für Klavier solo entstandene, als Andenken an seinen Malerfreund Victor Alexandrowitsch Hartmann gedachte Komposition in der von Maurice Ravel 1922 bearbeiteten Orchesterfassung. Ob uns die Bewegung des torkelnden, hinkenden Gnom, der spielenden, streitenden Kinder in den Tuileries, der leichten Kükentrippelschritte vor Augen geführt wurden oder die wechselnden Stimmungen des die Ausstellung durchschreitenden Komponisten selbst in den Promenadenabschnitten, - das WDR-Sinfonieorchester präsentierte die musikalischen Szenen virtuos, expressiv, lebendig, anschaulich und spannungsvoll gestaltet. Das Finale der Grande Porte de Kiev geriet zu einer nicht enden wollenden, geradezu theatralisch inszenierten, immer wieder neu ansetzenden monumentalen Schlussapotheose. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Christian Gerhaher Bariton WDR Sinfonieorchester Köln Thierry Fischer Dirigent Gustav Mahler: Lieder nach Gedichten aus „Des Knaben Wunderhorn“ Modest Petrowitsch Mussorgski: Bilder einer Ausstellung Orchesterfassung von Maurice Ravel
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