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Von nun an ging's bergab
Von Thomas Tillmann Der Abend begann durchaus qualitätsvoll mit der nicht leichten Arie des Corrado, die man schon von Grigolos CD "The Italian Tenor" kannte, die zu promoten doch wohl erstes Ziel der Veranstaltung war (der Künstler hatte sich "freundlicherweise bereit erklärt", nach dem Konzert eben jene CD zu signieren - die langen Schlangen zeigten, dass das Konzept aufging). Hatte ich mich beim Anhören dieser Szene noch gefragt, ob hier nicht die Studiotechnik die meiste Arbeit geleistet hat und ob der Sänger, der sich selber als vollen lyrischen Tenor bezeichnet und angesichts einiger dramatischerer Arien (Puccinis Des Grieux, Cavaradossi oder Verdis Manrico) vom "Vittorio der Zukunft" spricht, sich nicht hoffnungslos übernimmt (immerhin, er hat die Rolle auch schon im - allerdings kleinen - Zürcher Opernhaus auf der Bühne interpretiert), so war ich überrascht, mit welcher Verve er auch live und ohne Verstärkung die Szene bewältigte, wobei der Kontrast zwischen geschmetterten Passagen und solchen im sehr sicheren Piano arg aufdringlich herausgearbeitet wurde. Aufdringlich ist überhaupt ein gutes Wort, Grigolos Art des Vortrags zu beschreiben: Alle mimischen und gestischen Bemühungen, die echte innere Beteiligung transportieren sollten, machte der Künstler zunichte, indem er nicht nur permanent von links nach rechts und umgekehrt über die Bühne hetzte, sondern auch seine gar nicht geringen vokalen Fertigkeiten (wie etwa Morendi, messa di voce und einen in über Gebühr eingesetzten Fermaten bewiesenen langen Atem) bei jeder sich bietenden Gelegenheit wie Kunststückchen vorführte. Dennoch, die Verve seines Singens, die Furchtlosigkeit der Attacke, die Strahlkraft der Stimme im Forte überrumpelten in der Corsaro-Szene. Von nun an ging's bergab, möchte man mit Hildegard Knef sagen: In der Szene des Riccardo freute man sich zwar über die durchaus dunkle, tragfähige Mittellage und eine dem Muttersprachler natürlich nicht allzu schwer fallende sinnstiftende Textbehandlung, aber hier verhinderten die permanenten, den Fluss der Musik unterbrechenden Fermaten und die Eitelkeit in der Präsentation der vokalen Potenz einfach eine wirklich tiefergehende, berührende Interpretation. Es wäre nicht korrekt, Vittorio Grigolo zu unterstellen, er habe sich schonen wollen, indem er die junge bulgarische Sopranistin Sonya Yoncheva zur Mitwirkung eingeladen hatte, die als 28jährige im Juni 2010 den ersten Preis im Operalia-Gesangswettbewerb gewann. Sie startete mit einem sehr allgemeinen, artigen "O mio babbino caro", das man einfach schon viel raffinierter, mit mehr technischem Finish und gleichzeitig mit mehr innerer Beteiligung gehört hatte. Bei der Adina, die sie im Anschluss an der Seite Grigolos gab, hörte man bereits, dass die Künstlerin gut daran tut, noch längere Zeit leichtere Partien zu singen, die Gianetta wäre sicher richtiger, denn gerade in der Mittellage fehlt es da noch an Farbenreichtum und Volumen, und angesichts des angedeuteten Spiels vermisste man wieder darstellerisches Format und Ausstrahlung. Insgesamt fehlt es der Sopranistin trotz erster Engagements einfach noch an Erfahrung. Man zieht die Stretchcorsage auch nicht dauernd hoch, wenn man vor einem Konzertpublikum steht, und Sängerinnen alter Schule tragen auf dem Podium auch in Riemchenpumps (so sie sie überhaupt tragen) einen feinen Strumpf. Der Kollege sang die berühmte Romanze mit schönem mezza-voce-Beginn und generösem Legato, aber für meinen Geschmack grinste er ein bisschen viel, machte sogar eine Pause in der Kadenz, um mit dem Parkett zu flirten, animierte die ja ohnehin hingerissenen Zuschauer schließlich sogar mehrfach, ihrer Begeisterung mit noch mehr Applaus und Bravorufen Ausdruck zu verleihen. Vergleiche sind in der Kunst immer eine heikle Sache, aber wenn man diese Arie einmal von einem wirklich stilsicheren tenore leggiero gehört hat, dann musste man Grigolos Vortrag grob und unangemessen "showy" finden (und registrierte, dass der Triller am Ende der ersten Strophe alles andere als perfekt ausgeführt war). Um einem opernunerfahren vorgestellten Publikum Rodolfos Situation bei seiner Arie zu verdeutlichen, nahm Vittorio Grigolo im Anschluss den Kragen seines auf den trainierten Körper geschneiderten Smokings hoch (Rodolfo ist kalt), nahm die Fliege ab (Rodolfo ist arm) und begab sich auf die Knie (Rodolfo sucht einen Schlüssel). Und ergötzte sich selber an weiteren Fermaten, die nun auch harmonisch nicht mehr passten, und das subito piano wollte nach den langen geschmetterten Tönen jetzt schon nicht mehr ganz so leicht gelingen wie zu Beginn des Konzerts. Dafür küsste der Sänger inzwischen bereits erste Hände und durfte sich über erste standing ovations freuen - warum sollte man im Konzerthaus nicht anbringen, was man bei Volksmusik im Fernsehen gesehen hat? Grigolo selber gibt sich gerührt, schließt die Augen, kniet nochmals nieder - und ist sich nicht zu schade, mit dem Griff ans Ohr noch mehr Applaus einzufordern. Dass er bei Sonya Yonchevas Mimì für das vom Komponisten aus dem Off vorgesehene "Sì" die Tür öffnen würde, hatte man vorausgesehen, dass die Bulgarin über aufgesetzte Mädchenhaftigkeit (Kopf zur Seite!) nicht hinauskommen würde, auch; immerhin, nett gesungen war das schon, aber das gelingt zehntausend anderen Kolleginnen auch. Und vielleicht war das auch der Grund dafür, dass die Wahl auf sie gefallen war: Sie stahl dem Star nicht die Show, der sich im Duett erfreulich zurücknahm und es eine gute Idee fand, seine Partnerin küssend in die Garderobe zu schieben. Der zweite Teil bot dann noch in etwa das, mit dem die Drei Tenöre (deren Cassetten der junge Grigolo im Auto seiner Eltern auf Reisen hörte) in den Stadien dieser Welt reüssiert haben und das, wenn es gut gemacht ist, ja durchaus Unterhaltungswert und Charme haben kann. An diesem Abend fehlte der Ausführung dieser Halbedelsteine jedoch jede Raffinesse, was vor allem an Pier Luigi Morandi lag, der schon bei der zu bewerbenden CD am Pult stand (dort aber vor dem deutlich besseren Orchester des Teatro Regio di Parma), und der Nordwestdeutschen Philharmonie aus Herford, die ja ohnehin kein erstklassiges, aber doch ein ordentliches Ensemble ist, keinerlei Beschränkungen hinsichtlich der Lautstärke auferlegte, so dass der Tenor - anders als im ersten Teil - manches Mal in den unkontrollierten, schwülstigen, zum Teil geradezu breiigen, plärrend penetranten Fluten unterzugehen drohte und es angesichts des nun nötigen Kraftaufwands kaum überraschte, dass dem Solisten das Morendo am Ende von "Rondine al nido" etwas verunglückte. Das Ganze wirkt nun auch stellenweise zu schlecht geprobt, Grigolo selber hatte Einsatzprobleme beim Bixio-Lied, aber das wird sich sicher an den fünf Folgeabenden in Hamburg, München, Zürich, Bern und Berlin einspielen. Zuvor hatte der musikalische Leiter des Abends schon kräftige, knallige und etwas vordergründige Akzente in der Forza-Ouvertüre gesetzt, die offenbar nicht fehlen darf bei solchen Klassikevents - die breiten Generalpausen füllte eine Reihe hinter mir ein Herr, der das ihm offenbar bekannte, zuhause aber in etwas anderem Tempo geübte Motiv der Leonora di Vargas mitpfiff. Mascagnis Intermezzo sinfonico und jenes aus Manon Lescaut habe ich inniger musiziert gehört, letzteres wollte auch nicht recht zu den Schmonzetten des zweiten Teils passen, obwohl Morandi diese Nummer schon arg vordergründig musizieren ließ (stattdessen hätte er lieber noch einmal stimmen lassen sollen). Bei einem insgesamt seriöseren Konzert hätte ich zudem darauf hingewiesen, dass man vielleicht etwas weniger gängigere Orchesterstücke hätte aussuchen können. Sonya Yoncheva kam im Bacio über die reine Bewältigung der Nummer nicht hinaus, ihrem Singen fehlte hier nicht nur die Leichtigkeit, sondern auch erneut interpretatorisches Raffinement (es ist keine Schande, sich die berühmten Vorgängerinnen anzuhören, weder für junge Sängerinnen noch für Kritiker). In Giudittas Lied, das die Zuschauer natürlich von der sich auch gern etwas unfein benehmenden, aber eben doch mehr Charisma entwickelnden Anna Netrebko kennen, wirkte der in zweifelhaftem Deutsch präsentierte Text geradezu ironisch, ich fand zudem den Höhenaufschwung etwas behäbig, aber die beiden Spitzentöne hatten wirklich Glanz und kein bisschen Schärfe, alle anderen jedoch nicht das nötige Volumen und das sichere Fundament, das man für Lehár eben doch braucht. Zuvor hatte Vittorio Grigolo völlig überflüssigerweise "Amapola" mit einer angedeuteten Chaplin-Parodie aufgewertet und mit für mein Empfinden zu vielen Schluchzern "Core n'grato" garniert, das ihm einen Ton höher vermutlich auch leichter gefallen wäre. Gleiches gilt für den absoluten Tiefpunkt des Abends, Edith Piafs hier als schwülstiges Duett gebotenen "La vie en rose" in einem gnadenlos überladenen, gemeinen Arrangement. Geschmack indes ist - wir wissen es - subjektiv, mein Sitznachbar zur rechten mochte diese Nummer am liebsten und konnte sich wie die Mehrheit des Publikums jetzt kaum noch auf dem Sitz halten, während man zu meiner Linken die Hände über dem Kopf zusammenschlug. Den offiziellen Teil beendete der Tenor dann mit seinem ja auch dokumentierten "Maria", und auch hier wunderte man sich, dass er nicht auf einer anderen Tonart bestanden hat, die ihn nicht mit der tiefen Tessitur hätte kämpfen lassen. Und die Zugaben? In "Non ti scordar di me" animierte der Künstler seine völlig aus dem Häuschen geratenen, nicht mehr nur klatschenden, sondern auch wie im Fußballstadion pfeifenden Fans bereits während der Nummer zu Beifall, mit Victory-Zeichen verließ er die Bühne. Zum zweiten und letzten Encore erschien zunächst die Sopranistin und fühlt sich hörbar nicht sehr wohl mit "O sole mio" (der schicke elektronische Prompter vorn hilft da nur bedingt), der Tenor betrat rechtzeitig zum Refrain das Podium und lieferte dem enthusiasmisierten Publikum Pavarottis Triller, nur viel kürzer und schlechter ausgeführt. Was bleibt? Die Erinnerung an eine attraktive lyrische Tenorstimme, die bei seriöserer Behandlung ein Gewinn wäre in einem nicht gerade luxuriös besetzten Fach. Die Frage ist indes, wie ernst es dem Italiener mit einer wirklichen Opernkarriere ist. Wichtiger scheint ihm doch wohl zu sein, mit gutem Aussehen zu wirken (auf die Frage, wie wichtig für einen Sänger die Optik sei, hat Grigolo verkündet: "Die schöne Stimme allein bringt das heute nicht mehr ... Wir möchten auch ein anderes Publikum ansprechen, ein jüngeres ohne große Opernerfahrung. Die Oper soll ja nicht sterben."), mit anbiedernden Mätzchen und Tenorklischees Publikumserwartungen zu erfüllen und eine schnelle Karriere zu machen. Die Gattung Oper aber ist dabei nur eine zweitrangige Zutat, mit Kunst hat eine Veranstaltung wie die beschriebene wenig zu tun, eher mit ihrem Ausverkauf. Dass dem Rezensenten solche Bemerkungen den Vorwurf einbringen, ein party pooper zu sein, kann dieser gut aushalten. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
AusführendeVittorio Grigolo, TenorSonya Yoncheva, Sopran Nordwestdeutsche Philharmonie Leitung: Pier Giorgio Morandi WerkeGiuseppe Verdi Ouvertüre zu La forza del destino Giuseppe Verdi "Tutto parea sorridere" Arie des Corrado aus Il corsaro Giuseppe Verdi "Ma se m'è forza perderti" Arie des Riccardo aus Un ballo in maschera Giacomo Puccini "O mio babbino caro" Arie der Lauretta aus Gianni Schicchi Gaetano Donizetti "Una parola, o Adina" Duett Nemorino - Adina "Una furtiva lagrima" Romanze des Nemorino aus L'elisir d'amore Pietro Mascagni Intermezzo sinfonico aus Cavalleria rusticana Giacomo Puccini "Che gelida manina" Arie des Rodolfo "Mi chiamano Mimì" Arie der Mimì "O soave fanciulla" Duett Rodolfo - Mimì aus La Bohème Vincenzo de Crescenzo "Rondine al nido" Cesare Andrea Bixio "Parlami d'amore, Mariù" Luigi Arditi "Il bacio" Joseph LaCalle "Amapola" Giacomo Puccini Intermezzo aus Manon Lescaut Salvatore Cardillo "Core n'grato" Franz Lehár "Meine Lippen, sie küssen so heiß" Lied der Giuditta aus Giuditta Louiguy (Louis Guglielmi) "La vie en rose" Leonard Bernstein "Maria" Lied des Tony aus West Side Story
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