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Sänger – Recitals im Festspielhaus


Cecilia Bartoli
Bryn Terfel
Philippe Jaroussky


am 11., 12. und 20. November 2010 im Festspielhaus Baden-Baden


 
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Festspielhaus Baden-Baden
(Homepage)

Engelsgleich und teuflisch gut

Von Christoph Wurzel

Von den schier endlosen Möglichkeiten der menschlichen Stimme, sich musikalisch auszudrücken, war jüngst in Baden-Baden zu hören. Von den himmlischen Höhen der Sopranlagen bis hinunter zu den schwärzesten Bass-Tiefen wurde nahezu  die ganze Bandbreite der Sangeskunst vor Ohren geführt: von Philippe Jaroussky, dem viele Kritiker eine engelsgleiche Stimme zuschreiben, über die in mehreren Stimmregistern gleichermaßen agile Cecilia Bartoli bis hin zu Bryn Terfel, der mit seinem Arienprogramm düstere Schurken von  irdischer und höllischer Provenienz aufs Podium holte. Schade dass der elegant jugendliche Tenor Juan Diego Flórez unmittelbar vor Konzertbeginn vor einem bösen Virus kapitulieren musste. Er hätte das Belcantistentrio  um eine weitere Nuance zum Quartett erweitert. So spielte in diesem Konzert „nur“ das Orchester (dafür aber mit ganz besonderem Engagement) sein eigenes Programm für ein Publikum, das sich also nicht umsonst, aber kostenlos im Saal versammelt hatte: ein schöner Zug, zumal die Intendanz noch Freikarten für ein weiteres Konzert nach Wahl für die Besucher drauflegte.

Aus dem Vollen ihrer stimmlichen Möglichkeiten dagegen konnten die drei anderen schöpfen - alle drei mit ausgesucht individuellem Programm, alle drei mit apart charakteristischen Stimmqualitäten, alle drei auf dem Höhepunkt ihres Könnens.

Cecilia Bartoli Singendes Energiebündel: Cecilia Bartoli mit dem kammerorchesterbasel
(Foto: Stephanie Schweigert)

Cecilia Bartoli war zuletzt findig und fündig bei der Suche nach verborgenen Schätzen des Belcantorepertoires, sei es mit Arien aus römischen Oratorien, die eigentlich verkappte Opern sind oder mit ihrer Hommage an die fast vergessene Maria Malibran. Nun hat sie sich wieder dem ganz „normalen“ Barockrepertoire zugewandt und kam mit einem reinen Händel-Programm nach Baden-Baden. Aber sie wäre nicht die Bartoli, wenn sie routiniert ihr Programm abgespult hätte. Sie sang Händels Arien mit hinreißender Frische und Verve, mit ansteckender Sinnlichkeit, glühender Leidenschaft und tiefer Empfindung für die Gefühlswelten dieser Musik. Bei Cecilia Bartoli scheint jede Faser Musik zu sein, sie fühlte sich mit zarter Empfindung in die bukolische Heiterkeit der Dafne-Arie „Felicissima quest’alma“ und warf sich mit wütendem Eifer in die Rachearie „Furie terribili“ aus Rinaldo. Den Gipfelpunkt der gesanglichen Affektschilderung erreichte sie im Ausdruck tiefster Verlassenheit und Verzweiflung in der Alcina-Arie „Ah, mio cor“. Ganz zurückgedrängt war an diesem Abend ihr Hang zu kleinen Manierismen, mit denen sie zuweilen ihre Gesangstechnik anzureichern pflegt. An diesem Abend zeigte sie, wie makellos ihre Stimme der musikalischen Linie folgt und perfekt den Anforderungen des musikalischen Ausdrucks entspricht. Wie stupend ihre Technik ist, stellte sie in den funkelnden Koloraturen der Florinda-Arie „Si, vendetta“ und schließlich im Sahnehäubchen unter den drei Zugaben, dem „Son qual nave“ von Broschini, mit einem gehaltenen Ton in (für die Zuhörer) atemberaubender Länge unter Beweis. Nach zweieinhalb Stunden Programm gelang ihr das noch so  frisch wie in der ersten Minute. Kein Wunder, dass sie ein begeistertes Publikum fand, das sich mit stehenden Ovationen bedankte. Mit ihrem intensiv gestalteten und hochgespannten Musizieren waren die Musikerinnen und Musiker des kammerorchesterbasel dieser mitreißenden Solistin exzellente Partner. Sie ließen auch die “Füllstücke“ zwischen dem Arienfeuerwerk prächtig glänzen.

Foto Denkmal MetastasioDem Erfinder der Opera seria gewidmet: Denkmal für Pietro Metastasio in seiner Geburtsstadt Rom (Foto: Christoph Wurzel)

Auf ihrer CD „Opera Proibita“ mit den Oratorien-Arien aus dem kirchenstaatlichen Rom des frühen 18. Jahrhunderts hatte Cecilia Bartoli neben Händel auch Antonio Caldara berücksichtigt. Philippe Jaroussky widmete diesem immer noch zu wenig bekannten Venezianer seine jüngste CD und kam mit einigen seiner großartigen Opern-Arien im Programm zu seinem ersten Auftritt ins Festspielhaus. Caldara, der bis ins mittlere Alter schon in Italien als Kirchenmusiker Karriere gemacht hatte, stieg 1716 in Wien zum Vizekapellmeister der Hofkapelle auf und reüssierte am Kaiserhof nun auch als Opernkomponist, wo er in rund 20 Jahren wie am Fließband produzierte. Die Libretti dazu lieferten  Apostolo Zeno und nach dessen Tod Antonio Trapassi, dessen Pseudonym Pietro Metastasio untrennbar mit der Opera seria verbunden ist. Besonders aus Werken nach dessen Dichtungen stammten die Arien des Abends.  Mit seinem Caldara - Programm führte Jaroussky in die faszinierende Welt eines großartigen Melodieerfinders. Caldaras Musik steckt nicht nur voll virtuosen Feuerwerks, sondern ist zudem beseelt von ingeniöser Melodik. Seine Arienkunst wurde schon zu seinen Lebzeiten bewundert und „erhaben“ genannt, denn die musikalische Affektgestaltung ist von ausnehmender Schönheit, immer aufs Neue überraschender Raffinesse und kühner Harmonik.

Und Jaroussky brachte all dies wunderbar zum Leuchten. Seine in der ganzen Counter-Szene wohl einzigartige Stimme schmiegte sich Caldaras melodischen Bögen wie selbstverständlich an. Dabei war nicht allein Jarousskys makellose Technik phänomenal, auch wie subtil er den Klang einzufärben verstand, war höchst kunstvoll und erlesen. Kaum ein Counter hat eine vergleichbar helle und reine Tongebung, kaum eine Stimme spricht so leicht, ja schwebend an. Die Grenzen nach oben scheinen dieser Stimme schier endlos zu sein. Den dramatischen Rache- und Hass-Arien gab Jaroussky packenden Drive und fesselnde Attacke („Non temer vasallo indegno“ aus Temistocle), mit inniger Empfindung gestaltete er die anrührende Arie „Misero pargoletto“ aus Demofoonte, mit einem betörenden messa di voce bei dem Wort „misero“;  lupenrein seine Verzierungen in der Gleichnisarie vom erfahrenen Steuermann aus Ifigenia, bei deren wiegender Melodik er von der Solovioline einfühlsam begleitet wurde. Überhaupt war Concerto Köln ein idealer, weil nuancenreicher Orchesterpartner für diesen exzeptionellen Sänger mit seidenweicher Stimme. Ganz anders als Cecilia Bartoli präsentierte sich Jaroussky auf der Bühne ruhig und zurückhaltend, freilich mit einer nicht minder intensiven Ausstrahlung als die quirlige Römerin.

Foto Jarrousky Sensitiver Gestalter: Philippe Jaroussky mit Concerto Köln                            (Foto: Andrea Kremper)

So zarte Saiten wie sie Jaroussky und Concerto Köln anschlugen, waren nicht angesagt beim Arienabend des walisischen Charakterbasses Bryn Terfel, der sich mit seinem Programm den „bösen Buben der Oper“ verschrieben hatte. Auch brachte er mit dem Münchner Rundfunkorchester einen großen, klassischen Klangkörper und zudem den Chor der Musikhochschule Karlsruhe mit. Beide unterstützten ihn kräftig bei seinem Streifzug durch die Schurkenwelt zwischen Mefistofele und Mackie Messer. Das Ur-Böse eines finsteren Gesellen wie Webers Freischütz - Kaspar („Schweig, damit dich niemand warnt“) erfasste er stimmlich ebenso überzeugend wie er mit urkomischem Talent die Cavatine des Dulcamara aus Donizettis Liebestrank zum Besten gab. Auch sein Scarpia war im blasphemischen „Te Deum“ des ersten Akt-Finales aus Tosca markerschütternd böse, wobei selbst die massige Klangkulisse von Orchester und Chor den Sänger niemals klein zu kriegen drohte. Boitos Mefistofele fehlte in der Sammlung ebenso wenig wie Verdis Otello – Jago – Rollen die Terfel geradezu auf den Leib geschrieben sind. Immer spielte er seine enorme Bühnenpräsenz glänzend aus und schaffte mühelos den Spagat zwischen sympathischer Erscheinung und fieser Opernrolle. Der 2. Teil brachte dann Ausschnitte aus Musicals und Operetten, wie die zynische Ballade des Sweeney Todd aus Stephen Sondheims Broadway-Erfolg. Weills Haifisch-Moritat aus der Dreigroschenoper allerdings geriet Bryn Terfel dann doch zu schön gesungen, die hat man schon hintersinniger und gemeiner von Schauspielern (z.B. dem unvergesslichen Kurt Gerron) gehört.


FAZIT

Egal ob Dramaturgie oder Zufall: Diese Sängerparade binnen einer Woche war kontrastreich und in allen Teilen erste Klasse.



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Die Programme


11. November 2010
Cecilia Bartoli
Kammerorchesterbasel
Konzertmeisterin: Julia Schröder

Arien von Georg Friedrich Händel
Orchesterstücke von Georg Friedrich
Händel, Nicola Porpora und
Francesco Maria Veracini


12. November 2010
Bryn Terfel
Chor der Hochschule
für Musik Karlsruhe
Münchner Rundfunkorchester
Dirigent: Gareth Jones

Arien und Lieder von Giuseppe
Verdi, Gaetano Donizetti, Arrigo
Boito, Charles Gounod, Carl Maria
von Weber, Giacomo Puccini,
Stephen Sondheim, Kurt Weill,
Arthur Sullivan und Georges Gershwin
Orchesterstücke von  Giuseppe Verdi,
Wolfgang Amadeus Mozart,
Camille Saint-Saens und
Jacques Offenbach




19. November 2010
Juan Diego Flórez
(erkrankt)
Württembergisches
Kammerorchester Heilbronn
Dirigent: Alessandro Vitiello
Orchesterstücke von Cimarosa, Rossini, 
Massenet und Verdi



20. November 2010 
Philippe Jaroussky
Concerto Köln
Konzertmeister: Markus Hoffmann

Arien von Antonio Caldara
Orchesterstücke von Evaristo
Felice dall’Abaco, Giovanni
Battista Sammartini und
Antonio Vivaldi



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