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Romantischer Zauber
Von Ursula Decker-Bönniger
Wer kennt sie nicht, die Big Five der nordamerikanischen Symphonieorchester. Aber haben Sie schon einmal dem unglaublich homogenen, immer weich abgefederten Klangkörper des seit 1895 existierenden Pittsburgh Symphony Orchestra unter der Leitung von Manfred Honeck gelauscht? Eine Station ihrer aktuellen Europatournee war ein Konzert mit der Solistin Christine Schäfer und den Vier letzten Liedern von Richard Strauss sowie Bruckners Vierter Sinfonie, der Romantischen.
Da trifft die Klangentfaltung eines allein neun Kontrabässe umfassenden, spätromantischen Riesenorchesters auf die Intimität eines romantischen Klavierliedes, musikalische Bekenntnisse eines 84-jährigen Komponisten auf das weiche, lyrische Timbre von Christine Schäfer, ihre subtil ausdifferenzierten, verhalten gestalteten Klangbilder. Komponiert 1948, einer Zeit, in der die spätromantische Gattung Orchesterlied längst an Bedeutung verloren hatte, spielen die Lieder mit einem textlich immer wieder durchscheinenden Motiv des Abschiednehmens, des milde-verklärten Müde-Werdens vom Leben. Immer wieder greift das Orchester melodische Motive auf, spinnt sie weiter und verströmt sich in faszinierenden Klangfarben und ungeahnten, harmonischen Fortschreitungen.
Mit durchsichtiger Präzision formen die Pittburgh Symphonics große, ruhige Spannungsbögen, verharren in kaum hörbaren Klangflächen, lassen dem schlanken, lyrischen Sopran von Christine Schäfer Raum zur Gestaltung. Da schweben die langen, aufwärts führenden melodischen Linien des Frühlings mühelos in die Höhe, während die den Vogelsang imitierenden, leicht vibrierenden Koloraturen eindrückliche, verklärte Ruhe ausstrahlen. Fast könnte man meinen, Christine Schäfer vermeide geradezu das Aufkommen jeglicher Assoziation von Schmerz, Trauer, romantischer Sehnsucht. Stattdessen spielt sie in den Liedern Beim Schlafengehen und Im Abendrot kunstvoll mit Zischlauten und anderen klangfarblichen Besonderheiten der Sprache, was dem Ganzen zusätzlich eine geheimnisvoll verzauberte Aura verleiht.
Bruckners Vierte, deren erste drei Sätze in der zweiten Fassung von 1878 vorgetragen wurden kombiniert mit der dritten Finalefassung von 1880, war durchsichtige, geradezu sinnliche Spiel- und Ausdruckskultur. Ob das Hornmotiv über einem aus der Stille sich auftuenden, dichten Pianissimo-Tremolo eines homogenen Streicherklangkörpers den ersten Satz eröffnet, ob der Orchesterklang im vierten Satz bis zum Stillstand erstarrt, ob die Architektur des Satzes in breit angelegten, lebendigen Spannungsbögen verdeutlicht wird oder Brüche dynamisch ausgekostet werden, immer spürt man den weich angesetzten, bewegenden, romantischen Ausdrucksgehalt.
Aber damit nicht genug! Mit Griegs verklärter Morgenstimmung und Brahms' beherztem Ungarischen Tanz Nr.5 gab's noch zwei Zugaben. Und das Publikum bedankte sich für dieses Klangerlebnis mit begeistertem Applaus.
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Christine Schäfer, Sopran Pittsburgh Symphony Orchestra Manfred Honeck, Dirigent Programm: Richard Strauss Vier letzte Lieder für Sopran und Orchester, AV 150 Anton Bruckner Sinfonie Nr. 4 Es-Dur WAB 104 Romantische (Nowak-Edition 1878 mit Finale 1880)
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