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Als wäre Mozart persönlich zurückgekommen
. Deutsche Erstaufführung der Atomic Symphony durch den Komponisten John Adams in der Essener Philharmonie
Von Peter Bilsing
Zum besonderen Ereignis wurde die diesjährige Konzert-Saisoneröffnung in der Essener Philharmonie durch den großen zeitgenössischen Komponisten John Adams, der als Dirigent mit dem Nationaal Jeugd Orkest Summer Academy angereist war, und mit einem höchst vielseitig interessantem Programm aufspielen ließ. Kern und Highlight war die Deutsche Erstaufführung seiner grandiosen Dr. Atomic Symphony (UA 2007). Adams stellte für dieses Werk Orchester-Szenen aus seiner vorletzten Oper Dr. Atomic zusammen, deren Handlung um die Erfindung der Atombombe kreist (Neuinszenierung ab 13.10.08 an der New Yorker MET!). Der Abend wurde aber nicht nur musik-historisch zum Event.
John Adams gehört zu Recht zu den meistgespielten und gerne gehörten modernen Komponisten. Das liegt nicht nur allein daran, dass seine Musik reale Dichte, Größe und Qualität hat, sondern das Besondere ist, dass dies praktisch jeder im Auditorium auch hören kann. Adams schreibt also durchaus ohrgenehme Klangkompositionen, die nicht nur ein kleines Grüppchen vertrockneter Musik-Esoteriker intellektuell erfreut, sondern auch das Publikum und von ihm angenommen wird. Ein Komponist von dieser Welt. Und das ehrt ihn besonders.
Die Vielschichtigkeit seiner Werke zeigt sich vor allem in den großen Opern, die sich stets aktueller Politik annahmen: Da gab es Nixon in China (UA 1987), die umstrittene Veroperung eines Verbrechens namens The Death of Klinghoffer(UA 1990 es ging um die Entführung des Kreuzfahrschiffes Achille Lauro), eine Oper über Naturkatastrophen El Nino (UA 2000) und seine musikalische Auseinadersetzung mit der Atombombe und deren Erfinder Robert Oppenheimer Dr. Atomic (UA 2004). Die meisten Opern wurden sogar in NRW gespielt. Adams Kritiker werfen ihm regelmäßig fehlende Moderne oder Deja Vu vor; zuletzt wieder bei seiner Oper Flowerin Tree einem indischen Märchen (UA 2006). Sagen wir es einfach frei raus: wegen seiner minimalistischen Tendenzen und teilweise großartig spätromantischen Elemente klingt er der Kritikeravantgarde zu schön. Moderne Musik muss entweder in den Ohren wehtun, völlig unverständlich (möglichst geräusch-durchzogen) nerven, langweilen, oder disharmonisch experimentell dahinquäken. Werden alle Instrumente komplett anders genutzt, als vorgesehen, erst dann ist es wahre Modernität. Probleme mit denen sich die Musikszene seit über 50 Jahren auseinandersetzt. Adams schreibt für ein Publikum, das ihn versteht, wie z.B. sein ans Herz gehendes On the Transmigration of Souls (2002 / f. Chor und Orchester, zum Gedenken an die Opfer des 11.September 2001) nachdrücklich bewies, oder eben seine phantastische Dr. Atomic Symphony. Das ausgesprochen schwer zu spielende, gut 25 Minuten dauernde Werk kommt mit wuchtigen, eruptiven Dissonanzen ebenso daher, wie mit feingliedrigen, an romantische Klangbilder angelehnten Verästelungen. Kaum Minimalismus, dafür dramatische Bläser- und Schlagwerk-Kaskaden. Zelebriert wird eine innere Spannung von der ersten bis zur letzten Sekunde, die sich auf das meist jugendliche Publikum auch beeindruckend übertrug. Keine Huster, sondern gespanntes Zuhören, zeugten von nicht nur audiophilen, sondern auch emotionalem Berührtseins - am Ende Riesenjubel! Auch für das junge Orchester, denen regelrecht ein Stein der Anspannung vom Herzen fiel, dass man dieses Meisterwerk unter den strengen und ureigenen Augen des Komponisten so bravourös bewältigt hatte. Da kam endlich nach zwei Stunden jenes Lächeln und erleichternde Zufriedenheit auf, Großes geleistet zu haben, was der Kritiker uneingeschränkt bestätigen kann.
John Adams Und sie hatten sich ja mit Richard Strauß´ leuchtendem Don Juan und Sibelius depressiver 7. Symphonie schon im ersten Teil des Abends höchst anspruchsvoll durch alle menschlichen Emotionen gespielt, die das Leben zu bieten hat. Dass man dann auch noch mit Brittens Four Sea Interludes (den musikalischen Highlights aus seinem Riesenepos Peter Grimes) den Auftakt zum zweiten Teil begann, war mehr als bewundernswert und intelligent platziert. Irgendwie passte dieser Britten nahezu perfekt, wenn auch klanglich gänzlich anders strukturiert, zu Adams. Die über 100 jungen Musiker, die gerade ihre vierwöchige anstrenge Sommerakademie in den Niederlanden beendet hatten, hätten keinen besseren Qualitätsnachweis und kaum ein besseres Prüfungsergebnis vorlegen können, als an diesem Ausnahmeabend in der Essener Philharmonie. Was für eine Programmzusammenstellung! Was für ein toller Saisonauftakt. Ein wunderbarer Abend. Schade, daß nicht alle Plätze ausverkauft waren. Was muss eigentlich noch geschehen, wenn schon die deutsche Erstaufführung eines großen, noch lebenden Komponisten nicht die Musikfreunde mehr in Scharen anzuziehen vermag? Müssen wir erst Mozart zurückklonen? Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Nationaal Jeugd Orkest Summer Academy John Adams, Dirigent Programm: Richard Strauss Don Juan op. 20 Jean Sibelius Sinfonie Nr. 7 C-Dur op. 105 Benjamin Britten Four Sea Interludes from Peter Grimes John Adams Doctor Atomic Symphony (2007) (Deutsche Erstaufführung)
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