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Zeitinsel I

"225 Jahre Mariinsky-Theater"



24.-26. Oktober 2008
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Konzerthaus Dortmund (Homepage)
Groß und mächtig

Von Gerhard Menzel / Fotos von © Mark Wohlrab

Die erste "Zeitinsel" der Saison im Konzerthaus Dortmund war dem Mariinsky-Theater St. Petersburg gewidmet. Das Opernleben in der damaligen Hauptstadt begann mit einem Dekret, das Zarin Katharina die Große 1783 erließ. Nach dem ersten Opernhaus, dem "Bolschoi Theater" (Großes Theater), in dessen Bau heute das St. Petersburger Konservatorium untergebracht ist, wurde am 29. Januar 1860 das "Mariinsky-Theater" mit der Oper "Ein Leben für den Zaren" von Michail Glinka eröffnet. Seinen Namen verdankt das Theater Maria Alexandrowna, der Gattin des damaligen Zaren Alexander II. 1935 wurde es nach dem 1934 ermordeten Vorsitzenden des Leningrader Sowjets Sergei Kirow in "Kirow-Theater" umbenannt. Unter diesem Namen wurde es durch zahlreiche Schallplattenaufnahmen unter der Leitung von Valery Gergiev weltweit bekannt. Seit 1992 trägt es wieder seinen ursprünglichen Namen "Mariinsky-Theater". Die "225 Jahre" beziehen sich also auf das gesamte Opernleben in St. Petersburg und nicht direkt auf das Gebäude des heutigen Theaters, auch wenn das Jahr 1783 als Geburtstag des Mariinsky-Theaters gefeiert wird.

Das Mariinsky-Theater kann übrigens mit einer beachtlichen Reihe ganz prominenter Uraufführungen aufwarten. Besonders bemerkenswert ist dabei die Uraufführung von Giuseppe Verdis "La forza del destino" (1862). Es folgten 1874 Modest Mussorgskis "Boris Godunow", 1890 Alexander Borodins "Fürst Igor" sowie Pjotr Iljitsch Tschaikowskis "Pique Dame" und 1892 dessen Ballett "Der Nussknacker".

Einen großen Teil seiner heutigen Berühmtheit verdankt das Theater dem 1953 in Moskau geboren Valery Gergiev, der nach seinem Studium 1977 als Assistenz-Dirigent von Yuri Temirkanov an die Kirov-Oper kam und 1978 mit Prokofieffs "Krieg und Friede" sein Bühnen-Debüt gab. Nachdem er 1981 bis 1985 Musikdirektor beim armenischen Staatsorchester war, kehrte Gergiev 1988 als künstlerischer Leiter und Chefdirigent an das Kirov-Theater zurück und machte es in den folgenden Jahren wieder zu einem der bedeutendsten Häuser für russische Oper und russisches Ballett.

Für das dreitägige Gastspiel des Ensembles in Dortmund hatte Valery Gergiev ein fast rein russisches Programm ausgewählt.

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Das eröffnende Konzert des Orchesters des Mariinsky-Theaters St. Petersburg stand unter dem Titel "Russische Romantik" und begann mit einem der schillerndsten und farbenreichsten sinfonischen Kompositionen, der "Scheherazade" von Nikolai Rimsky-Korsakow. Neben den lyrisch-kaprizösen Figurationen der Solo-Violine (Scheherazade) und dem kraftvollen, energischen Unisono-Motiv (Sultan Shahriar), die den roten Faden der Komposition bilden, gelang es Valery Gergiev mit dem Orchesters des Mariinsky-Theaters auch, das große Spektrum an klanglichen Differenzierungen und dynamischen Kontrasten herauszuarbeiten. Der satte Streicherklang ergänzte sich dabei vortrefflich mit den leuchtenden Holz- und den brillanten Blechbläsern, die an exponierten Stellen von einer alles überstrahlenden Trompete dominiert wurden.

Leider kamen die Hörner bei Peter Iljitsch Tschaikowskys 5. Sinfonie nicht so richtig zur Geltung. An zahlreichen "wichtigen" Stellen waren sie viel zu zurückhaltend und nicht oder nur schwach zu hören. Trotz der nicht immer optimalen Klangbalance war die Begeisterung des Publikums aber nicht zu bremsen. Schon an diesem ersten Abend gab es Standing Ovations und großen Jubel, der sich nach den beiden Zugaben (das Adagio aus Tschaikowskis "Nussknacker" und der wohl berühmtesten russischen Ouvertüre zu Michael Glinkas "Ruslan und Ludmilla") noch verstärkte.

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Ähnliches war auch beim zweiten Orchesterkonzert zu erleben, das unter dem Motto "Romeo und Julia" stand. Nach einer vor Kraft nur so strotzenden Introduction zu der Symphonie dramatique "Roméo et Juliette" von Hector Berlioz, entlockte Valery Gergiev in "Nuit serène" und im Scherzo "La reine Mab, reine des songes" dem Orchester des Mariinsky-Theaters St. Petersburg flirrend leicht dahinschwebende Klänge sowie zart hingetupfte Geigenpassagen und samtene Cellokantilenen. Den Abschluss der Satzauswahl aus dieser grandiosen Komposition von Berlioz bildete die opulente "Grande fête chez Capulet".

Nach der schwungvollen Fantasie-Ouvertüre "Romeo und Julia" von Peter Iljitsch Tschaikowsky, in der Valery Gergiev den poetischen Abschnitten viel Zeit und Ruhe gönnte, beendeten Auszüge aus der Ballettmusik zu "Romeo und Julia" von Sergej Prokofiew das Programm. Hier zogen Valery Gergiev und das Orchester des Mariinsky-Theaters noch einmal alle klanglichen und dynamischen Register. Neben zart verhalten Passagen dominierten aber vor allem der kraftvoll auftrumpfende Streicherklang sowie die schmetternden Trompeten und die gewaltig dröhnenden Posaunen, die ab und an durch etwas mehr Zurückhaltung die Klangbalance wesentlich hätten bereichern können.
Mit seinen sehr variable gehandhabten Tempowechseln brachte Valery Gergiev den musikalischen Fluss an einigen Stellen fast gänzlich zum stehen, baute dann aber immer wieder große Spannungsbögen auf und reizte auch die Dynamik voll aus. Sehr leise und spannungsvolle Passagen wechselten sich mit vielen lauten Stellen ab, die nur Dank des substanzvollen Orchesterklangs nicht in völligen "Lärm" ausarteten.
Die Zugabe mit dem "Rákóczi-Marsch" aus "La Damnation de Faust" schlug elegant den Bogen zum Berlioz-Beginn des Konzerts.

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Den Höhepunkt des dreitägigen Gastspiels bildete allerdings die konzertante Aufführung von Giacomo Puccinis Oper "Turandot" anlässlich des 150. Geburtstags des Komponisten. Auch hier entfachte Valery Gergiev mit dem Orchester des Mariinsky-Theaters ein wahres Orchesterfeuerwerk. Zusammen mit den Solisten und dem Chor des Mariinsky-Theaters sorgten besonders die 6 Trompeten und 7 Posaunen für eine Lautstärke, die für gesunde Ohren die Schmerzgrenze stellenweise überschritt. Das Ensemble des Mariinsky-Theaters ist eben ausschließlich auf große bzw. größte Häuser ausgerichtet.

Trotzdem konnte sich Maria Guleghina in der Titelpartie selbst beim größten Chor- und Orchestergetöse mit ihrer gewaltigen und durchschlagskräftigen Stimme behaupten. Es ist nicht verwunderlich, dass Maria Guleghina eine der weltweit gefeiertsten Sopranistinnen in Partien wie Turandot, Tosca, Aida, Manon Lescaut, Norma, Fedora oder Lady Macbeth ist.

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Irma Gigolashvili (Liu)

Eine ebenfalls kräftige Stimme, die er mit ordentlicher Wucht in die Höhe stemmte, hat auch der Tenor Akhmed Agadi, der einen resoluten Calaf sang. Die schönste und ausdrucksreichste Stimme des Abends war allerdings die von Irma Gigolashvili als anrührende, aber selbstbewusste Liu. Auch alle übrigen Solisten (abgesehen von Maria Guleghina) gehörten zum Ensemble des Mariinsky-Theaters, das seinen ausgezeichneten Ruf unter der Leitung seines Chefs Valery Gergiev - mit seiner eigenwilligen Gestik und seinen immer gegenwärtigen "Flatterhänden" - bei diesem aufwändigen Gastspiel eindrucksvoll unter Beweis stellte. Dem entsprechend wurde dieses Ereignis vom Publikum auch bejubelt.

Die nächste der insgesamt drei großen "Zeitinseln" des Konzerthauses Dortmund gratuliert dem großen zeitgenössischen Komponisten Olivier Messiaen zum 100. Geburtstag (12.-16. Dezember). Die dritte "Zeitinsel" der Saison 2008/09 portraitiert an drei verschiedenen Abenden den Dirigenten Thomas Hengelbrock: am 31. Oktober 2008, sowie am 16. Mai und 20. Juni 2009.




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Mariinsky im Konzerthaus

24.10.2008
"Russische Romantik"

Orchester des
Mariinsky-Theaters
St. Petersburg
Valery Gergiev


Nikolai Rimsky-Korsakow
"Scheherazade" op. 35

Peter Iljitsch Tschaikowsky
Sinfonie Nr. 5 e-Moll op. 64


25.10.2008
Giacomo Puccini
"Turandot"
Lyrisches Drama in drei Akten

Turandot
Maria Guleghina

Calaf
Akhmed Agadi

Liu
Irma Gigolashvili

Altoum
Viktor Vikhrov

Timur
Gennady Bezzubenkov

Ping
Andrei Spekhov

Pang
Alexander Timchenko

Pong
Andrei Ilyushnikov

Mandarin
Edem Umerov

Persischer Prinz
Nikolai Kruk

Chor und Orchester des
Mariinsky-Theaters
St. Petersburg


So 26.10.2008, 18 Uhr
"Romeo und Julia"

Orchester des
Mariinsky-Theaters
St. Petersburg
Valery Gergiev

Hector Berlioz
"Roméo et Juliette"
Symphonie dramatique op. 17

Peter Iljitsch Tschaikowsky
"Romeo und Julia"
Fantasie-Ouvertüre

Sergej Prokofiew
Ballettmusik zu
"Romeo und Julia" op. 64
(Auszüge)



Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Konzerthaus Dortmund
(Homepage)


Mariinsky-Theater
www.mariinsky.ru/


Valéry Gergiev
www.mariinsky.ru/



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