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Tschaikowsky für Diabetiker
Von Gerhard Menzel Der allseits bekannte Verriss, den Eduard Hanslick nach der Uraufführung von Tschaikowskys Violinkonzert 1881 veröffentlichte, in dem er "die schauerliche Idee" formulierte, "ob es nicht auch Musikstücke geben könnte, die man stinken hört", schien den Dirigenten Vasily Petrenko dazu bewegt zu haben, dem ganzen Tschaikowsky eine musikalische Diät zu verordnen und ihn kalorienreduziert und akustisch neutralisiert in den Sternenhimmel der Düsseldorfer Tonhalle zu jagen. Dieser Eindruck kam nicht nur bei Tschaikowskys Violinkonzert auf, sondern besonders bei dessen 5. Symphonie. Vasily Petrenko wurde 1976 in Sankt Petersburg geboren, wo er auch studierte und anschließend dort als Chefdirigent an der Staatsakademie wirkte. 2004 übernahm er das Royal Liverpool Philharmonic Orchestra als jüngster und erster russischer Chefdirigent in dessen 165-jährigen Geschichte. Für zwei Konzerte kamen sie mit Hilary Hahn nach Deutschland und präsentierten in der Tonhalle Düsseldorf Tschaikowskys berühmtes Violinenkonzert.
Foto: © Gerhard Menzel
Im Januar 2008 war Hilary Hahn mit diesem Konzert bereits in Essen zu hören. Mit dem Royal Scottish National Orchestra unter der Leitung von Stéphane Denève klang es damals wie ein fein gesponnenes "Elfenkonzert" (siehe: OMM-Bericht). In der Aufführung mit Vasily Petrenko und dem Royal Liverpool Philharmonic Orchestra in Düsseldorf klang es dagegen ungewöhnlich "neutral" und emotionsfrei. Zwar begeisterte Hilary Hahn wieder durch die Virtuosität und Tonschönheit ihres Spiels sowie ihre bemerkenswerte Gestaltungsfähigkeit, aber insgesamt wirkte es hier eher technisch Perfekt, konzentriert, nüchtern und mit verhaltenem Enthusiasmus gespielt. Viel inniger und "mit Herz" musiziert verzauberte sie jedoch abschließend das Publikum mit ihrer Zugabe, der Sarabande aus Bachs Partita Nr. 2 d-Moll. Wesentlich differenzierter als das Violinkonzert präsentierte Vasily Petrenko und das Royal Liverpool Philharmonic Orchestra Tschaikowskys 5. Symphonie. Das um möglichste Präzision bemühte und engagiertes Orchester wurde von Vasily Petrenko zu absoluter Höchstleistung gefordert (auch wenn das Hornsolo im 2. Satz kein Glanzstück war). Extrem schnelle Tempi ließen das Spiel allerdings weniger schwungvoll als viel mehr gehetzt und die Interpretation mehr oberflächlich und glänzen wollend wirken. Was Tschaikowskys 5. Symphonie wirklich an klanglichem und emotionalem Ausdruck zu bieten hat, war beim Gastspiel des Orchesters des Mariinsky-Theaters St. Petersburg am Wochenende zuvor im Konzerthaus Dortmund zu erleben (siehe: OMM-Bericht).
Tschaikowsky ohne Kalorien, aber auch ohne Geschmack. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Hilary Hahn Violine Vasily Petrenko Dirigent The Royal Liverpool Philharmonic Orchestra P. I. Tschaikowsky Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 35 P. I. Tschaikowsky Symphonie Nr. 5 e-Moll op. 64
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