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Herbert von Karajan Musikpreis 2008
an Alfred Brendel


SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg
Leitung: Hans Zender

Am 6. Dezember 2008
Homepage

Festspielhaus Baden-Baden
(Homepage)
Er wird vermisst werden

Von Christoph Wurzel / Fotos: lifestyle-pictures und Andrea Kremper

Das Programm war sinnig gewählt: musikalische Wünsche für eine "glückliche Fahrt" in den pianistischen Ruhestand, ein Mozartsches Klavierkonzert, das mit geistreich überraschenden Einfällen auch gerade beim Klavier verzaubert und eine Sinfonie von Schubert, die mit ihren knappen Übergängen zwischen melancholischem Moll und heiterem Dur ihren eigenen "tragischen" Ton unterläuft, Musik zudem seiner favorisierten Meister - besser also hätte sie nicht passen können in ein Konzert mit und für Alfred Brendel, das aber noch aus weiteren Gründen denkwürdig war.

Denn dieser Tage gibt er seine letzten öffentlichen Konzerte, nach Baden-Baden noch vier in Leipzig, Hannover und zweimal in Wien. Dann will er vom Konzertpodium ab- und "nur noch" sprechenderweise auftreten (in Baden-Baden bereits zu Pfingsten 2009) und daneben romanische Kirchen anschauen, Ausstellungen besuchen und ins Kino gehen. Schon seit einigen Monaten verabschiedet sich Alfred Brendel von seinem Publikum- "Farewell!". Sein Abschied als aktiver Künstler ist zwar lang, aber ohne Wehmut. Jammern könne ja das Publikum, hatte er in einem Interview verraten. Es jammerte jetzt nach seinem Konzert in Baden-Baden aber nicht, sondern bereitete ihm stehende Ovationen. Im Rahmen dieses Konzerts erhielt er den renommierten Herbert-von-Karajan-Preis für seine wahrhaft überragende Lebensleistung verliehen. Der baden-württembergische Ministerpräsident ließ es sich nicht nehmen, den Preis selbst zu übergeben, "mit den besten Wünschen für Ihren weiteren Lebensweg". Die überaus feinsinnige und von freundschaftlicher Bewunderung getragene Laudatio hielt der Schriftsteller und Musikkritiker Peter Hamm, der Brendels Karriere beziehungsreich skizzierte und seine pianistische Kunst nuancenreich charakterisierte.

Vergrößerung in neuem Fenster Herbert-von-Karajan-Preisträger Alfred Brendel
mit seinem Laudator Peter Hamm
(Foto: lifestyle-pictures)

Aber Brendel wäre nicht Brendel, wenn er all die Lobesworte nicht ironisch kommentiert hätte. Einen imaginären Zwillingsbruder als eine Art Stuntman für das ungemütliche Terrain öffentlicher Auftritte hätte er sich gewünscht und bedankte sich augenzwinkernd bei seinem Laudator dafür, dass "du mich so ausführlich an mich erinnert hast".

Peter Hamm hatte von Brendels Anfängen erzählt als unbekannter, aber ihn damals schon elektrisierender Schumann-Interpret, von legendären Konzerten vor ebenso legendärem Publikum, natürlich auch von skurrilen Erlebnissen, wie jenem mit Hermann Prey, als Brendel nach einem Konzert mit dem Sänger die Titel der Winterreise vor einem Fotoautomaten nachgrimassierte.

Um Brendels musikalischen Kosmos schlug Peter Hamm den Bogen von den Vorbildern her, etwa Furtwängler, den Brendel als den Meister der "magischen Übergänge" schätze oder Edwin Fischer, der bei aller spieltechnischer Kontrolle noch "etwas Undomestiziertes" habe durchscheinen lassen und zur Sopranistin Lotte Lehmann, von der er die Kunst des atmenden Spiels, des Singens und Sprechens auf dem Klavier gelernt habe.

Wie Arthur Schnabel habe sich Brendel zur Devise gemacht, nur Musik zu spielen, "die besser ist, als man sie spielen kann". Ohne die pianistischen Schlachtrösser Tschaikowsky oder Rachmaninow sei Brendel groß geworden, dagegen habe er sich schon der Tiefe und dem emotionalen Reichtum der Musik Beethovens gewidmet, als ein solcher Ansatz nach dem Missbrauch dieser Kategorien durch die Nazis unter den Nachkriegskünstlern noch verpönt war. Und immer wieder Schubert, den Brendel vom Verdikt des biedermeierlich Gefälligen befreit habe. Auch an Franz Liszt habe Brendel Seiten aufgezeigt, die alte Vorurteile Lügen straften und seiner Musik "alles nur Effektvolle und Parfümierte" entzogen, sei dabei aber der Virtuosität nichts schuldig geblieben. Zwischen den Eckpfeilern Bach und Schönberg habe Brendel seinen musikalischen Raum erbaut, in welchen in den letzten Jahren aber vor allem auch Mozart und Haydn gehören. Mozart, den er als Dramatiker auffasse und dessen "Jeunehomme-Konzert" er als Weltwunder bezeichne und Haydn, dessen Tiefsinn mit Witz gepaart sei und in der in seiner Musik das Erhabene mit Humor unterlaufe. Haydn, so habe Brendel gesagt, wünsche er sich als Begleiter am Ende des Lebens.

Vergrößerung

Alfred Brendel und das SWR Sinfonieorchester
spielen Mozart
(Foto: Andrea Kremper)

Der putzmuntere Alfred Brendel aber spielte in diesem Konzert nichts von Haydn, sondern eben dieses Weltwunder des Mozart-Konzerts. "Jung wie ein Jüngling", wie Busoni es einst gefordert hatte, warf er die ersten kurzen Gedanken ins Allegro ein und bestimmte dann den Tonfall des weiteren Satzes mit vorwärts drängender Verve. Im Andantino des 2. Satzes versenkte er sich, "weise wie ein Greis" (Busoni) in die Moll-Tiefen dieser schier endlos fließenden Melodie, in ihre ausstrahlende Ruhe und gedankenvolle Schwere. Der "Philosoph am Klavier", als welcher Brendel auch einmal bezeichnet wurde, war hier in seinem Element, den wundersam fein gebildeten Tönen nachsinnend. Man solle das Wort "nachdenken" durch den Begriff "brendeln" ersetzen, hatte der Autor Jörg Laederach einmal vorgeschlagen. Bei diesem Mozart-Satz brendelte es auch unter den Zuhörern kräftig. Die tiefe Versenkung beim Spielen ist wahrlich Brendels Markenzeichen, sie sprang über ins Publikum, das so konzentriert wie selten im Festspielhaus war. Die technische Brillanz dagegen findet sich bei Brendel nicht unbedingt und so bestach das Presto des Schlusssatzes eher durch pointierte Artikulation, geistreiche Phrasierung und erfrischende Leichtigkeit als durch technische Raffinesse. Starke, lebendige Eindrücke, wie sie immer wieder nach Brendels Konzerten zurückblieben, Eindrücke, die sein Publikum von nun an vermissen wird. Eine Zugabe als großer Moment: "Nun komm der Heiden Heiland", das Choralvorspiel von Bach war das Abschiedsgeschenk, mit dem Brendel in Erinnerung bleiben wird als ein Pianist der Seelensprache.

Das SWR Sinfonieorchester unter Hans Zender, der trotz seines linken Gipsarmes es sich nicht hatte nehmen lassen, das Konzert zu dirigieren, spielte am Schluss eine wundervoll dynamische Vierte von Schubert in bewährt kultivierter Klangqualität. Aber in Gedanken mögen viele doch noch ein wenig bei Brendels Klavierspiel gewesen sein. Gut, dass es wenigstens Musik von Schubert war, die das Konzert ausklingen ließ, als dessen musikalischer Apostel Alfred Brendel wohl gelten darf.


FAZIT

Von Glück kann reden, wer hier dabei sein konnte!




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SWR Sinfonieorchester
Baden-Baden und Freiburg

Hans Zender
Dirigent




Felix Mendelsohn Bartholdy
Ouvertüre "Meeresstille
und glückliche Fahrt"
D-Dur op. 27

Wolfgang Amadeus Mozart
Klavierkonzert Es-Dur KV 271
"Jeunehomme-Konzert"

Franz Schubert
Sinfonie Nr. 4 c-Moll
D 417

Laudatio von Peter Hamm





Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Festspielhaus Baden-Baden
www.festspielhaus.de/



Da capo al Fine

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