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Cusanus - Fragmente der Unendlichkeit

Szenisches Oratorium von Boudewijn Buckinx
Text von Inigo Bocken (Libretto) und Peter Larsen (Dialoge)

Auftragswerk des Theaters Trier und des Instituts für Cusanus-Forschung
an der Universität und der Theologischen Fakultät Trier


Uraufführung: 24.11.2007
Besuchte Aufführung: 09.02.2008
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Theater Trier
(Homepage)
Philosophie - theatertauglich?

Von Bernhard Drobig

Fotos: Klaus-Dieter Theis / Rechte: Theater Trier

Dass der anno 1401 im Moselort Kues geborene Nikolaus Chrypffs unter dem lateinischen Namen Nicolaus Cusanus als einer der bedeutendsten Universalgelehrten der Renaissance, zugleich Kirchenfürst im Kardinalsrang, durch Bündeln und Hinterfragen des philosophischen Erbes von Antike und Mittelalter das Tor zur Neuzeit aufstieß, ist dank der sich besonders in den letzten Jahrzehnten mehrenden Forschungen und kritischen Editionen seines Oeuvres nicht mehr nur Insidern geläufig. Jetzt nutzte das Theater Trier die Gelegenheit, für seinen Beitrag zur europäischen Kulturhauptstadt 2007 - Luxemburg und sein Großraum - ein zugleich Sprech-, Musik- und Tanztheater verbindendes Bühnenwerk in Auftrag zu geben, um mit optischen und akustischen Mitteln Kerngedanken des Cusanus einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen, ohne dabei im Biographischen stecken zu bleiben und ohne bei Vorlesung oder Predigt zu landen.

Der Belgier Inigo Bocken entwarf für die Vertonung durch seinen Landsmann Boudewijn Buckinx ein Libretto, in dem Originaltexte des Philosophen sich wie in dafür geeigneten Interaktionen entwickelt einfügen, und Peter Larsen, Cusanus-kundiger Dramaturg des Trierer Theaters, erweiterte es um drei Sprechtheaterszenen, die teils reflektiver, teils diskursiver Natur sind und den Philosophen als fiktiven Gesprächspartner einbringen. Das vielfach gattungsübergreifende, rund anderthalbstündige Werk figuriert, nicht zuletzt wohl wegen seiner mannigfachen Chorpartien und des kontemplativen Grundcharakters, als szenisches Oratorium, sein Titel "CUSANUS - Fragmente der Unendlichkeit" hebt auf die These des Philosophen ab, dass alles noch so intensive Suchen die Unendlichkeit des Seins nur fragmentarisch fassen kann.

Formal betrachtet gliedert sich das Werk in einen nur gesprochenen Prolog und drei musikalisch gestaltete Doppelszenen, die ihrerseits durch zwei gesprochene Intermezzi voneinander getrennt sind, wobei im Sprechtheater annähernd exklusiv die deutsche Sprache dominiert, im Musiktheater das Latein des Cusanus. Inhaltlich stellt sich der aus heutiger Reflexion sowie aus verschiedenen Schriften und Entwicklungsstufen des 1464 verstorbenen Philosophen geformte Spielverlauf wie folgt dar:

Vergrößerung in neuem Fenster Lászlo Lukács (Wirt), Chor (Studenten)

Eine Studentin, der im Traum die Farbenlehre und -metaphorik des Cusanus durch den Kopf geht, wird kurzzeitig von einem Schmetterling geweckt, dessen Drang zum Morgenlicht am Fensterglas scheitert, und hört dann im Halbschlaf fragend den Philosophen erklären, dass Einsicht in die Begrenztheit des Wissens der Schlüssel zur Weisheit ist (Prolog).

Frühmorgens tauscht ein Löffelschnitzer mit Marktkrämern biblische und Cusanus-Zitate aus, und weist Studenten wie ihre akademischen Lehrer auf den Wert seines Laienwissens hin. Der klerikale Dozent verteidigt die Überlegenheit des Buchwissens, zieht jedoch den Kürzeren gegenüber einem Wirt alias Cusanus, der das von ihm erfundene Spiel mit einer eingebuchteten, einen Kreismittelpunkt nur in Spiralen, daher selten erreichenden Kugel vorstellt, was übrigens nur der so interessierten Studentin glückt (1-2).

Sie spricht dann mit dem Wirt über Verschiedenheit und Koinzidenz von Spirale und Kreis, nennt Liebe ihre Lehrmeisterin und kommt auf ethische Folgerungen aus dem Erkannten zu sprechen (1. Intermezzo). Solche will im Folgenden auch Cusanus ziehen, wenn er Ausschweifungen in einem Nonnenkloster missbilligt, jedoch auf Widerstand stößt. Ausweichend in die Weite und Stille zwischen Himmel und Meer hat er dort die Eingebung seiner Fundamentalthese der belehrten Unwissenheit (docta ignorantia), während in einer namenlosen Gemeinschaft mit einem buddhistischen Mönchen der jeden Einzelnen an allen Orten gleichzeitig erfassende Blick des allsehenden Gottes und die demgegenüber in der Wahrnehmung seiner selbst verbleibende Schau Gottes durch den Menschen thematisiert wird (3-4).

Die Studentin reflektiert daraufhin noch einmal ihren Weg zur Erkenntnis von Allem und Jedem als Teil des Ganzen und begreift diese ihre Einsicht als Ausfluss altruistischer Liebe, die schließlich zu der von Cusanus gesegneten Vereinigung mit ihrem Freund führt (2. Intermezzo). Die beiden letzten Szenen lenken dann insofern zum Anfang zurück, als Chor, Löffelschnitzer und Akademiker, Studentin und Partner, Wirt und Mönch sich nun gemeinsam zur Wahrheit auf den Gassen und der dort zutage tretenden Selbstverwirklichung unnachahmbarer Individuen bekennen und dies recht diesseitig, doch gesittet, mit Speise und Trank feiern.

Vergrößerung in neuem Fenster

Juri Zinovenko (Mönch),
Lászlo Lukács (Cusanus),
Tanztheaterensemble (Schwestern)

Für die Vertonung der drei Doppelszenen setzt Boudewijn Buckinx ein relativ groß besetztes Orchester ein, das neben den üblichen Streichern je acht Holz- und Blechbläser, Harfe, Cembalo und viel exotisches Schlagzeug umfasst. Die Musik selbst erinnert an die Endzeit tonaler Kompositionen, ohne sich einem Komponisten wie etwa Gustav Mahler eindeutig verpflichtet zu fühlen. Wie bei den im Spannungsverhältnis hierzu eher jetztzeitig atonal wirkenden Vokalsolisten und wie bei den selten harmonischen Chorsätzen fehlt jede einprägsame Melodik, wird allerdings auch weitgehend auf Dissonanzen verzichtet.

Neben ausgedehnten Strecken breit wogender Stimmenverflechtung stehen kürzere Passagen mit Rhythmus markierenden Akkorden, während selten aufblitzende Soli meist eher situative Ausrufungszeichen sind und nicht so funktional wie die jazznahe Gestaltung eines Freudentanzes oder die Suggestion orientalischen Ambientes durch Klanghölzer. Insgesamt bestimmen nicht musikalische Personencharakterisierung oder etwa motivisch gekennzeichnete Kernaussagen das Klanggeschehen, nein, es wirkt grosso modo wie das Abbild mühsamen philosophischen Suchens. Möglich freilich, dass der musikalische Leiter Franz Brochhagen mit sensibler austarierter Balance im Graben dem Klanggewebe mehr Transparenz und konturschärfere Prägnanz und so auch dem oftmals überdeckten Gesang mehr Eigengewicht hätte sichern können.

Vergrößerung in neuem Fenster Lászlo Lukács (Wirt), Evelyn Czesla (Studentin), Peter Koppelmann (Student), Thomas Schobert (Akademiker), Gor Arsenian (Sigismund), Juri Zinovenko (Mönch), Chor

Die elf Solisten auf der Bühne jedenfalls erfüllten ihren Part durchweg angemessen, wennschon die Trennung zweier Hauptrollen in Sänger und Sprecher eher verwirrend war.
Immerhin lernte man mit Claudia Felix in der Sprechrolle der Studentin eine Schauspielerin kennen, die mit Artikulation, Sprachmelodik und ausdrucksstarker Körperhaltung auch Tiefenschichten des Gesagten aufdeckte. Ihr Dialogpartner Peter Singer als Cusanus indessen nahm durch zu monotones Deklamieren seinen Worten viel von ihrer Spann- und Aussagekraft. László Lukács jedoch, sein sängerisches Pendant, gab mit starkem klarem Bass der Doppelrolle von Wirt und Kardinal starkes Profil.

Ein Sonderlob gebührt dem von Jens Bingert exzellent einstudierten Chor, der zum schwierigen Gesangspart eine Fülle darstellerischer Aufgaben zu bewältigen hatte. Da hätte vielleicht manche Haltung und Bewegung weniger verspannt ausfallen dürfen, die von Regisseur und Choreograph Sven Grützmacher mit dem Chor und Mitgliedern des hauseigenen Tanztheaters gebildeten großen Tableaus gehörten mit zu den stärksten Eindrücken der Aufführung, für die im übrigen Claudia Caséra geschmackvolle Kostüme spämittelalterlichen wie unaufdringlich modernen Designs entworfen hatte.

Gespielt wurde in einem relativ einfachen, doch funktionalem Bühnenbild (Gerd Hoffmann), markiert durch große Fensterquadrate auf Rück- und Seitenwänden und einem zeitweise unten erscheinenden körperhohen Personenfresko in verblassenden Farben. Wurde für die Intermezzi das Hauptszenario zur Freigabe der Unterbühne angehoben, erschienen oberhalb dieser vergrößerte Reproduktionen der Altartafeln aus der Kapelle des von Cusanus gestifteten historisch ersten Altenheims in Kues, unter anderem mit dem zeitgenössischen Porträt des Philosophen. Kurzzeitig eingespielte Videoanimationen waren teils unverzichtbar, teils unverständlich, teils dekorativ, enthielten sich aber des im Libretto angedachten Überangebots.

Fazit:

Das Projekt, Philosophie bühnentauglich zu machen, verdient wie die damit verbundene Hommage an einen bedeutenden Moselländer alle Achtung. Doch bleiben Zweifel, ob sich das wegen seiner Gedankendichte schon als "Lesedrama" sperrige Werk mit seiner eher belastenden als Verständnis fördernden Klanggrundierung wird durchsetzen können, vor allem, ob es Theaterbesuchern einen wirklich zwingenden Impuls geben kann, sich die angebotenen, lateinisch formulierten Zentralbegriffe und -ideen in ihrer Bedeutung für sich selbst wie für unsere Zeit vertiefend zu erschließen.




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Cusanus - Fragmente
der Unendlichkeit


Szenisches Oratorium
von Boudewijn Buckinx
Text von Inigo Bocken (Libretto)
und Peter Larsen (Dialoge)

Das kommentierte Libretto
ist in der Zeitschrift Litterae Cusanae,
Band 7, Heft 1 erschienen
(S. Roderer Verlag, Regenburg
2007 - ISSN 1617-5611)

Mädchen / Studentin
Evelyn Czesla (S)
/ Claudia Felix (Schauspielerin)

Julianus / Student
Peter Koppelmann (T)

Cusanus / Wirt
László Lukács (Br)
/ Peter Singer (Schauspieler)

Der Löffelschnitzer
Michael Putsch (T)

Akademiker
Thomas Schobert (B)

Verena von Stuben, Äbtissin
Adreána Kaschewski (S)

Sigismund, Herzog von Tirol
Michael Putsch (T)

Bettler / Mönch
Marek Gasztecki (Schauspieler)
/ Juri Zinovenko (B)

Ein Soldat
Andrea Azzurrini (T)

Marktkrämer, Studenten,
Schwestern, Soldaten,
Gesellen des Cusanus
Chor des Theaters Trier
(Einstudierung: Jens Bingert)

Philharmonisches Orchester
der Stadt Trier

Musikalische Leitung
Franz Brochhagen

Inszenierung und
Choreographie
Sven Grützmacher

Bühnenbild
Gerd Hoffmann

Kostüme
Claudia Caséra

Video
Rüdiger Mörsdorf,
Henry Marek Hilge,
Marc André Misman



Weitere Informationen

Theater Trier
www.theater-trier.de/






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