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Apokalyptische Höllenfahrt und verinnerlichtes Flehen
Von Erik Buchheister Das Verdi-Requiem mit Chor und Orchester des Nationaltheaters unter Frédéric Chaslin Eine Oper im Kirchengewande sei Verdis Messa da Requiem, schimpfte einst der Wagner-Dirigent Hans von Bülow. Später entschuldigte er sich zwar für seine schriftlichen Ausfälle, aber der Vorwurf an den Komponisten, in seinem Stück geistliche Inhalte einer weltlichen und dramatisierten Veräußerlichung zu vermischen, hat sich bis heute gehalten. Doch weit gefehlt, denn die glutvolle Aufführung mit Orchester und Chor des Mannheimer Nationaltheaters unter seinem Generalmusikdirektor Frédéric Chaslin im leider nicht ausverkauften Haus war schlicht bombastisch, wuchtig, kraftvoll und tief. Nicht erst mit dem versöhnlichen C-Dur-Ausklang, bereits bei der programmatischen Kyrie-Wandlung vom düsteren a-moll-Beginn zum emphatisch aufblühenden F-Dur wird gemeinhin Hoffnung und Zuversicht zum Grundgestus des Werkes erklärt. Dennoch bleibt vor allem das Dies irae, das Johanneische Jüngste Gericht, in seinem atemberaubenden Rache-Furor im Gedächtnis haften. Jedem halbwegs musikalisch Empfindenden stellen sich bei den Schlägen der Kesselpauke, dem infernalischen Tremendae-Rufen des Chores die Haare zu Berge. Und wem beim Erlösung und Gnade heischenden Salva me die Tränen in den Augen steigen, muss sich keiner Gefühlsduselei schämen, denn Verdi stellt bei aller kompositorischen Meisterschaft die Eingängigkeit der Aussage ins Zentrum seiner Tonsprache. Die halbstündige apokalyptische Höllenfahrt bildet denn auch den Schwerpunkt des Werkes. Keimzelle jedoch ist das abschließende Libera me, das Verdi bereits 1869 als Beitrag zu einer gemeinschaftlich mit zwölf italienischen Kirchenkomponisten verfertigten Messa per Rossini verfasste zum Jahresgedenken an den 1868 verstorbenen Großmeister der italienischen Bühne. Die Rossini-Messe scheiterte, das Libera me verschwand in der Schublade. Als fünf Jahre später Alessandro Manzoni verstarb, ging Verdi sofort daran, als Huldigung für den verehrten Nationaldichter sein Libera me zur vollständigen Totenmesse auszuarbeiten. Die glutvolle Leidenschaft der sich aufschwingenden kantablen Themen (Solisten) und eine glühende, bisweilen gleißende Orchestrierung und heftige tonale harmonische Gegenüberstellung sind so ergreifend wie erhaben. Einen großen Anteil hatten in der Mannheimer Aufführung die Ausführenden, allen voran ein gewohnt souverän agierendes, in jeder Beziehung fesselnd-zuverlässiges Orchester, dass - hervorgehoben sei das Holz, mit weichem, warmem und präzis agierend, sowie das Blech (Tuba mirum mit verteilten Trompeten) - mit weichem, sanft umschmeichelnden Streicherklang erneut das hohe Niveau unter Beweis stellte. Dem in nichts nachstehend, imponierten Chor und Extrachor. Klar, dezidiert, packend und transparent in jeder Faser, vom pp bis zum fff. Das Sanctus als achtstimmige Fuge ist ein Meisterstück des Werkes: Intensität des Gefühls mit sakralem Ernst. Vom Publikum zu Recht gefeiert, wurden die Sängerinnen und Sänger zur weiteren Säule des Abends. Bei aller stimmlichen Differenziertheit setzten auch die Solisten die nötige Glut und Kantabilität um, die Solostimmen strahlen im Dialog: Faszinierend und stimmlich kontrolliert etwa das Libera me, kraftvoll ohne Anstrengung, in der Höhe silbrig zog Galina Shesterneva (Sopran) die Zuhörer in den Bann, wie auch Susan Maclean (Alt), eine Sängerin der Extraklasse mit warm-timbrierter Stimme, weich, anschmiegsam und höchst musikalisch, die Entdeckung des Abends. Mihail Mihaylov ist der perfekte parlandierende Bass, der mit sonorer Tiefe, Strahlkraft im Mittelbereich und durchdringender Präsenz seine Basspartien regelrecht zelebriert! Mihail Agafonov konnte als Tenor mit direktem, ansprechendem und italienischem Belcanto-Flair überzeugen, selbst der verpatzte Einsatz beim Ingemisco trübt den Eindruck angesichts des beachtlichen stimmlichen Ambitus nur wenig. Kleinere Intonationstrübungen störten bei diesem hochkarätigen Quartett kaum. Frédéric Chaslin hielt die Fäden fest in der Hand, dirigierte warm und weich (Offertorio, kleinere Abstimmungsschwierigkeiten in punkto Tempo), überzeugte aber auch in seiner Stringenz des Dies Irae, das als zentraler wiederkehrender Komplex erschreckend brachial gelang und fast manchmal die Feinheiten, die Differenziertheit der Partitur überlagerte. Die Gegenüberstellung von Lebendig-Sein und dem Versiegen jeder Bewegung im Tod ist so komplex wie genial verdichtet. Das Verdi-Requiem steht als einsamer Stern, als poetisierende Totenmesse im internationalen Konzertrepertoire und die Mannheimer betonten diesen Akzent glanzvoll. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
18. März 2006 Nationaltheater Mannheim Giuseppe Verdi: Requiem Galina Shesterneva, Sopran Susan Maclean, Alt Mihail Agafonov, Tenor Mihail Mihaylov, Bass Chor und Extrachor des Nationaltheater Mannheim Orchester des Nationaltheater Mannheim Leitung: Frédéric Chaslin
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