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„Auftakt 2005“ – Komponistenportrait Helmut Lachenmann

Geburtstagskonzert für Helmut Lachenmann


20.09.2005
Alte Oper Frankfurt
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Ausklang auf dem Gipfel – ein Geburstagskonzert für Helmut Lachenmann

Von Claus Huth / Fotos von Anna Meuer

Es mag merkwürdig erscheinen, dass sich Helmut Lachenmann zu seinem 70. Geburtstag dieses Jahr eine Aufführung der „Alpensinfonie“ von Richard Strauss gewünscht hatte: Handelt es sich doch um ein Werk, über das häufig die Nase gerümpft wird ob seiner plakativen, direkten Naturmalerei, die so ungebrochen daherkommt und doch aus einer Zeit entstand, als die Welt am Abgrund der Katastrophe des ersten Weltkrieges stand. Das Stück mit seinen ausladenden Dimensionen in jeder Richtung gilt als ein eher kulinarisches, Filmmusik ohne Film. Lachenmann hat in einem bei www.beckmesser.de nachzulesenden Interview mit dem Musikjournalisten Max Nyfeller erklärt, dass er das Stück anders versteht: Strauss sei bewusst gewesen, dass die Sicht auf die Welt, die hier noch einmal mit dem ungeheuren Aufwand von fast 130 Orchestermusikern lautstark verkündet wird, eigentlich passé sei.

Nicht irgend einem Orchester hat Lachenmann seine Geburtstagsaufführung der „Alpensinfonie“ anvertraut, sondern dem Ensemble Modern Orchestra, einer Formation, die projektweise zusammentritt und aus den Mitgliedern des Ensemble Modern sowie Musikern aus aller Welt besteht, die zum Netzwerk der Frankfurter Neue-Musik-Spezialisten zählen. Als Dirigent hat man den Kölner Generalmusikdirektor Markus Stenz gewählt, dessen Wirkensschwerpunkt nach längerer Tätigkeit in Australien und den USA nun wieder in Europa liegt. Stenz kann bei der Alpensinfonie auf den spieltechnischen Tugenden und dem Klangideal des Orchesters aufbauen, Tugenden und Ideale, die das namensgebende Ensemble Modern schon prägen: Absolute rhythmische und klangliche Präzision, ein offener, durchhörbarer, leicht scharfer Klang, im positiven Sinne analytisch. Stenz gelingt auf dieser Basis eine rhythmisch ungeheuer genaue Aufführung der Alpensinfonie, die deutlich macht, dass Strauss nicht die Augen verschlossen hielt vor den musikalischen Entwicklungen eines Arnold Schönberg oder eines Gustav Mahler, ohne dass er selbst diese in aller Konsequenz hätte mitgehen können und wollen, ja dass das Stück auf seine Weise durchaus auf der Höhe seiner Zeit ist.

Wo man in Aufführungen des Stückes sonst oft nur ein „Ungefähr“ hört, da spielen den Musiker des Ensemble Modern Orchestra mit einer Präzision, als ginge es um ihr Leben. Die „Alpensinfonie“ klingt hier nicht als eine Art musikalische Grußpostkarte aus den Alpen, sondern tatsächlich als Sinfonie: Stenz geht die Musik nicht von den durch die Überschriften der Abschnitte vermeintlich vorgegebenen Naturbildern wie „Am Wasserfall“, „Sonnenaufgang“, „Auf dem Gipfel“ an, sondern legt offen, wie logisch und stringent die Musik sich im thematischen Material entwickelt. Indem er die „Alpensinfonie“ als Sinfonie ernst nimmt, erreicht er erst die Wirkung, die Strauss wohl mit den genannten Überschriften gemeint hat. Die emotionale Wirkung ergibt sich logisch aus der musikalischen Entwicklung. Stenz braucht den Orchesterklang nicht künstlich aufzuplustern, um die volle Aufmerksamkeit der Zuhörerschaft zu erreichen. Man hört gebannt die musikalische Entwicklung, die sich über die Zeitspanne der fast fünfzigminütigen Spieldauer ergibt und kann darüber das „Programm“ der Sinfonie ganz neu entdecken. Nebenbei darf man dem (möglicherweise unfreiwilligem) Humor bemerken: Wie der Bergwanderer bei Einbruch des Gewitters ängstlich und mit eingezogenem Kopf gen Heimat eilt, um dort, gleichsam in der häuslichen Sicherheit am Kamin und bei einem guten Glas Grog seine Bergwanderung noch einmal verklärend an sich vorbeiziehen zu lassen, lässt einen schmunzeln.

Nun ist die Alpensinfonie für das Orchester ein anstrengendes, ja gelegentlich grausames Stück. Und selbst die versierten, ungeheuer exakt zusammenspielenden Musiker des Ensemble Modern Orchestra halten die Aufführung nicht ohne die ein oder andere hörbare Ermüdungserscheinung durch: Die „Elegie“ etwa ist die Intonation von Holzbläsern und Orgel nicht absolut sauber, und im „Gewitter und „Sturm“ überlässt das Blech der großen Orgel der Alten Oper das Brausen – aber diese kleinen, bei einer Aufführung kaum vermeidbaren Schönheitsfehler fallen am Ende nicht groß ins Gewicht: Man hatte am Ende (übrigens einmalig, da das vorgesehene Konzert beim Lucerne Festival dem Hochwasser zum Opfer fiel) die „Alpensinfonie“ so frisch gespielt wie eine Wiederentdeckung gehört. Dass man dem Orchester während der kräftezehrenden Aufführung in jeder Minute die Hingabe und die Lust am und beim Spielen dieser Musik auch ansah, verstärkte die Freude über die außergewöhnliche Aufführung nur noch mehr.

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Ueli Wiget (Klavier) und
Markus Stenz (Dirigent)

Natürlich darf in einem Geburstagskonzert für Lachenmann (der selbstverständlich auch anwesend war) ein eigenes Werk nicht fehlen: Der deutsche Komponist wählte seine Musik für Klavier und Orchester „Ausklang“ als Kopplung nach der „Alpensinfonie“. In dem 1984/85 entstandenen Stück stellt Lachenmann dem Soloklavier ein zweites Klavier als eine Art Schatten und Spiegelbild sowie das Orchester als Klangraum zur Seite. Die Aktionen des Pianisten, die vom herkömmlichen Klavierspiel bis zu ungewöhnlichen Spieltechniken wie dem Schlagen auf den Korpus des Flügels oder das Zupfen von Saiten reichen finden ihren klanglichen Widerhall, Weiterhall, Ausklang im Spiel des Kollektivs wieder. Lachenmann spricht von einem Parcours, den es zu durchwandern gilt – durchaus nachvollziehbar für den Zuhörer in den klanglich stark kontrastierenden unterschiedlichen Stationen. Vom Pianisten verlangt das Stück enorm viel – ausgedehnte Glissando-Passagen, rhythmisch vertrackte Passagen, exakte Pedalisierung häufig über das dritte Pedal, das ein Weiterschwingen nur der angeschlagenen Saiten ermöglicht, ausgeprägte dynamische Kontraste. Ueli Wiget, einer der Stammpianisten des Ensemble Modern stürzt sich mit Elan und äußerster Einsatzbereitschaft in den Solopart, fast dauernd gefordert, und erhält dafür am Ende zu Recht die höchste Anerkennung des Komponisten wie des Publikums.

Vergrößerung in neuem Fenster Ueli Wiget (Klavier) und
Markus Stenz (Dirigent)

„Ausklang“ ist mit seiner spröden, fast skeletthaften Klanglichkeit wohl der denkbar größte Gegensatz zum prächtigen, süffigen Orchesterklang der „Alpensinfonie“, und doch ist das Zusammentreffen beider Stücke elektrisierend und aufregend. Lachenmann wie Strauss, das zeigt das Programm, sind Klangtüftler, die feilen und insistieren, bis das komponierte Ergebnis so klingt wie imaginiert, auch wenn die Ergebnisse so unterschiedlich ausfallen wie in diesen beiden Werken. Das Ensemble Modern Orchestra findet sich unter Markus Stenz vortrefflich in beiden Klangwelten ein: Die Flexibilität, mit der Musiker und Dirigent dies auf so hohem Niveau vermögen, zeigt, dass Lachenmann recht hat, wenn er das Ensemble Modern Orchestra als „Ort aufgeklärter musikalischer Spielpraxis“ lobt. Ein aufregender Abend – genau das, was sich Helmut Lachenmann zum Geburtstag wohl gewünscht hat. Herzlichen Glückwunsch.


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Ueli Wiget (Klavier)

Ensemble Modern Orchestra

Markus Stenz (Dirigent)




Richard Strauss
Eine Alpensinfonie op. 64

Helmut Lachenmann
„Ausklang“, Musik
für Klavier und Orchester



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Da capo al Fine

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