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Schleifen, die Gestern und Heute verbinden
Von Markus Bruderreck - Fotos von Klaus Rudolph Stück-Applaus-Pause-Stück-Applaus das ist die Dramaturgie, der im Normalfall ein klassisches Konzert folgt. Im schlechtesten Fall sind die Werke beziehungslos zusammengestoppelt; im besten steckt eine kluge Programmidee dahinter. Dann aber gibt es noch Künstler, die wahre Konzert-Konzepte entwickeln, neue Horizonte eröffnen. Ein solcher Künstler ist der österreichische Dirigent Christian Muthspiel. Für die Philharmonie Essen hat er sich einen vierteiligen Konzertzyklus ausgedacht, der noch bis ins Jahr 2007 reicht: Mozart Loops.
Christian Muthspiel
Zeitgenössische Klassik, gemischt mit Mozart, Jazz und Pop: Das klingt zunächst nach einem recht willkürlichen Crossover. Nicht selten gehen solche Ideen dann auch künstlerisch und ästhetisch in die Hose, salopp formuliert. In Requiem vom Gedenken dark songs, wie der Abend im Alfried Krupp Saal etwas umständlich formuliert ist, greifen allerdings alle Teile höchst beziehungsreich und intelligent ineinander. Christian Muthspiel hat dazu seinen Bruder Wolfgang mitgebracht, der seinerseits ein begnadeter Jazz-Gitarrist ist und der das Projekt auch weiterhin begleiten wird. Immer wieder tauchen in dem en suite gespielten Konzertabend variabel abgebrochene Endlosschleifen der Anfangstakte des Requiems von Mozart auf, die Mozart-Loops. Im Hintergrund sind sie als Schatten, als Erinnerung an den Komponisten und das große Requiem-Vorbild präsent. Einen weiteren Teil machen zeitgenössische Trauermusiken und Requiemvertonungen aus. Mit den ihm eigenen, traumhaften Klang und wieder beneidenswert präzise spielt das Münchener Kammerorchester die Musique funèbre, in der Witold Lutoslawski zu wahrhaft aufregenden klanglichen Lösungen für Streicher gefunden hat. Wolfgang Muthspiel nimmt die letzten Töne dieses Werkes für seine Improvisation auf und schließt den Jazz-Standard Lament von Jay Jay Johnson an.
Das Münchener Kammerorchester Muriel Cantoreggi brilliert dann an der Violine in Karl Amadeus Hartmanns Concerto funèbre. Jazz-Anklänge im Allegro di molto führen das Werk gedanklich auf die Jazz-Anteile von Mozart-Loops 1 zurück. Toru Takemitsus Requiem für Streichorchester wirkt etwas konventionell: Solide neue Musik, die wenig bleibende Eindrücke hinterlässt. Für den Cantus in Memory of Benjamin Britten von Arvo Pärt zieht Dirigent Christian Muthspiel dann schwarze Handschuhe an und nimmt eine Glocke zur Hand. Einfache, tonale Klänge hat dieser Cantus zu bieten; wie rhythmisch fein diese strukturiert sind, nimmt man allerdings erst im Laufe des Werkes wahr. In einer großen musikalischen Abwärtsbewegung durch die Register führt Pärts Stück zurück zum Anfang.
Wolfgang Muthspiel
Wolfgang Muthspiel leistet die improvisatorische Beiträge an seinen beiden Jazz-Gitarren und nimmt sich dazu qualitativ hervorragende Popsongs vor, die ebenfalls Tod und Leiden zum Thema haben. Sometimes it Snows in April von Prince etwa, oder They Dance Alone von Sting, ein Titel, der ganz am Ende des neunzigminütigen Abends steht. Faszinierend die technischen Möglichkeiten der Live-Elektronik: Hier wird nicht nur gesampelt, sondern auch geloopt, das heißt Begleitfloskeln aufgenommen und in Endlosschleife gesetzt. Was wieder aufs Beste mit den echten Mozart-Schleifen, den Requiem-Loops, korrespondiert.
Das dichte, spannende Konzept von Christian Muthspiel ging nicht nur auf, es wurde auch musikalisch erstklassisch umgesetzt. Im gut gefüllten Parkett war das Publikum bunt gemischt, darunter auch viele junge Leute. Der Beifall war groß für Mozart-Loops, ein Abend, der sich als anspruchsvoll und intelligent erwies, aber insgesamt auch etwas schwergängig daher kam. Requiem, Tod, Sterben: Das sind Themen, die vielleicht für den Auftakt einen solchen Zyklus nicht ganz passend erscheinen mögen, obwohl sie freilich zur Fastenzeit passen. Akustisch erwies sich wiederum, dass der Alfried Krupp Saal für Streicher offenbar nicht so tragfähig ist wie man es sich wünschen könnte. Auf die nächsten Teile, die vergleichbar konzipiert sind, darf man gespannt sein. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Muriel Cantoreggi Violine Wolfgang Muthspiel Jazz-Gitarre Münchener Kammerorchester Christian Muthspiel Musikalische Leitung Witold Lutoslawski Musique funèbre für Streichorchester Jay Jay Johnson Lament Karl Amadeus Hartmann Concerto funèbre für Solovioline und Streichorchester Prince Sometimes it snows in April Toru Takemitsu Requiem für Streichorchester Billie Holiday Strange Fruit Arvo Pärt Cantus in Menmory of Benjamin Britten für Streichorchester und eine Glocke Sting They Dance Alone
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