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Prometheus und die Amok laufende Drehorgel
Von Markus Bruderreck - Fotos von Michael Kneffel Der Komponist Jörg Widmann, der auch als hervorragender Klarinettist gilt, ist eine der großen musikalischen Hoffnungen der jungen Generation. Ihm gelingt es mit den Mitteln der zeitgenössischen Musik spannende Geschichten zu erzählen, die auch ein der Avantgarde nicht zugewandtes Publikum auf Anhieb verstehen kann. Das ist eine große Kunst, vor allem, weil er sich trotzdem mitnichten dem Publikum anbiedert oder ihm gar "hinterher schreibt". Widmann-Uraufführungen, wie die seines Trompetenkonzertes in der Essener Philharmonie, sind also etwas Besonderes. Und außergewöhnlich war auch die musikalische Qualität, mit der Christoph Poppen und das elegant und auf den Punkt geleitete Münchener Kammerorchester diese Uraufführung begleitete. "Ad absurdum" nennt Widmann sein Konzertstück für Trompete, ein Auftragswerk der Philharmonie. Thema des Werkes: Die Absurditäten, die eine ins Unermessliche gesteigerte Virtuosität mit sich bringt. In Sergej Nakariakov fand Widmann einen Solisten, dem er einen fast unspielbaren Solopart auf den Leib schreiben konnte. In einem unfassbar rasanten Tempo ist das 15-minütige Werk gehalten, das wie ein Perpetuum Mobile abschnurrt, gehetzt und nur manchmal zu bequemeren Liegetönen findend. Zwischendurch knarrt und rumpelt es geräuschvoll im Gebälk der Streicher: Bartók-Pizzikati knallen trocken in ganzen Klangfeldern vor sich hin. In holzigen Klängen, die zuweilen an die Geräusch-Musiken von Helmut Lachenmann erinnern, scheint die Musik an manchen Stellen zu "vertrocknen", bevor das Tempo von einer Amok laufenden Drehorgel nochmals ins Abstruse gesteigert wird. Erwähnenswert in diesem Zusammenhang: das furiose Paukensolo, das von Weltklasse-Schlagzeuger Peter Sadlo absolviert wurde. Am Ende des Stückes stehen zwei Gesten: Zum einen ein Stilzitat, das aus einem klassischen Trompetenkonzert entlehnt sein könnte und ironisch auf die Musikgeschichte rekurriert. Zum anderen haucht der Solist gleichsam seinen Atem aus und in sein Instrument hinein. Jubel und Bravos für alle Beteiligten für dieses hervorragende Werk, das wohl auf lange Zeit hinaus nur einer spielen kann: Sergej Nakariakov, der "Paganini der Trompete" (wie man ihn wohl ganz zutreffend nennt). Von diesem smarten Bürschchen werden regelmäßig Zirkusnummern auf seinem Instrument verlangt - er wird sich sicher in diesem Stück wieder erkannt haben. Nakariakov allerdings machte für die Essener nicht noch einmal Männchen: Eine Zugabe wurde nicht gewährt.
Christoph Poppen (Dirigent), Jörg Widmann (Komponist) und Sergej Nakariakov (Solist)
Auch die übrigen Werke an diesem dicht konzipierten Abend waren bemerkenswert. Der Versuch der griechischen Komponistin Konstantia Gourzi, ihre musikalischen "Prometheus-Gedichte" mit der "Prometheus"-Ballettmusik von Ludwig van Beethoven zu verschränken, wurde allerdings vom für ein solches Konzert recht zahlreich erschienenen Publikum weniger begeistert aufgenommen. Zweifellos: Gourzis Musik ist hoch originell, tänzerisch, archaisch und orientalisch geprägt und gleichzeitig der Avantgarde wie der Tonalität zugetan. Doch die beiden Welten, die hier aufeinander prallen, befruchten sich am Ende nicht, neue Erkenntnisse über den "Prometheus"-Mythos stellen sich nicht ein. Da reicht es nicht, griechisches Flair zu verströmen und nur "atmosphärisch" (wie die Komponistin schreibt) auf Beethoven zu antworten. Immerhin schlug Christoph Poppen, der dieses Werk in Auftrag gab und in Essen in der Vorpremiere zur Münchener Uraufführung präsentierte, damit einen sinnvollen Bogen. Denn zu Beginn des Abends war in Deutscher Erstaufführung zuvor "Hellas - A Suite of Ancient Greek" von John H. Foulds zu hören gewesen, einem britischen Komponisten, der immer noch als Geheimtipp gilt. Reizvoll die Besetzung: doppeltes Streichorchester, Harfe und Schlagzeug. Das erinnert an die Werke von Gustav Holst und Ralph Vaughan Williams, zuweilen auch im Klang. Christoph Poppen zelebrierte die archaisch schreitende Musik, in der zuweilen ein Tamburin rasselt, Glocken rituell dröhnen und die große Trommel wummert - ein exzellenter Anwalt dieser würzigen, pentatonischen Klänge. Und das Münchener Kammerorchester bewies zum wiederholten Mal, dass es zur Spitze der Ensembles dieser Besetzungsstärke zählt. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Sergei Nakariakov Trompete Münchener Kammerorchester Christoph Poppen Dirigent John H. Foulds Hellas - A Suite of Ancient Greece, op. 45 (Deutsche Erstaufführung) Jörg Widmann "ad absurdum" Konzertstück für Trompete in B und kleines Orchester (Uraufführung) Auftragswerk der Philharmonie Essen und des Münchner Kammerorchesters Konstantia Gourzi Intermezzi zu "Prometheus" (Vorabendpremiere der Münchener Uraufführung) Ludwig van Beethoven "Die Geschöpfe des Prometheus" (Auszüge aus der Ballettmusik, op. 43)
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